Morgen, morgen, nur nicht heute, sagen alle faulen Leute.

Aufschieberitis – die „Volkskrankheit“ Nummer 1! Vor allem Studenten kennen dieses Phänomen. Egal, ob es die Hausarbeit ist, die erst kurz vor Abgabe zu Ende gebracht wurde oder die Klausur, für die erst wenige Tage vorher angefangen wurde zu lernen. Fast jeder schiebt von Zeit zu Zeit Dinge auf, die eigentlich von hoher Wichtigkeit sind. Am Ende bleibt der Frust, diese Dinge wieder auf den letzten Drücker erledigt zu haben. Zum Problem wird das Aufschieben vor allem dann, wenn persönliche Ziele nicht erreicht werden, wenn man sich aufgrund des Aufschiebens schlecht fühlt oder sich gar selbst stark abwertet.

Prokrastination ist die wissenschaftliche Bezeichnung für pathologisches Aufschieben. Prokrastination stellt dabei eine ernstzunehmende Arbeitsstörung dar und kann sowohl private Alltagsaktivitäten als auch schulische, akademische und berufliche Tätigkeiten betreffen. Der Begriff stammt von dem lateinischen Wort „procrastinatio“ ab und bedeutet so viel wie Vertagung. Tätigkeiten, die sich bspw. auf das Studium beziehen, werden so lange aufgeschoben, dass sie im Falle der eventuellen Erledigung, an Qualität einbüßen (Beilfuß, 2013, S. 2). Laut einer Studie der Universität Münster sind rund 7% der Studierenden von dem Problem der Prokrastination so stark betroffen, dass es sich für sie lohnen würde, eine Behandlung in Anspruch zu nehmen (WWU Münster, 2021).

Prokrastination beschreibt ein erlerntes Verhalten. Menschen neigen dazu, Dinge zu tun, die sich kurzfristig auszahlen. Beim Aufschieben lenken sich Menschen zunächst durch scheinbar deutlich angenehmere Aktivitäten (wie das Surfen im Internet oder das Treffen mit Freunden) ab und erzeugen so, zumindest für kurze Zeit, positive Gefühle. Alle Handlungen haben jedoch Konsequenzen. Das gleiche gilt für das Aufschieben. Langfristig werden negative Emotionen wie Unzufriedenheit, Stress, Schuldgefühle oder Selbstironie auftreten. Das Aufschieben kann auch zu externen Konsequenzen aufgrund von Terminüberschreitungen oder schlechter Leistungen führen. Der Widerwillen gegen eine bestimmte Aufgabe führt dazu, dass die Prokrastination aufrechterhalten wird. Menschen neigen dazu, unangenehme Situationen zu vermeiden bzw. aus diesen zu flüchten. Die unangenehmen Gefühle verschwinden bei der Aufschiebung sofort, wodurch das Vermeidungs- bzw. Fluchtverhalten verstärkt wird. Die negativen Folgen der Vermeidung liegen weit in der Zeit voraus, wodurch sich ohne Selbstkontrolle das Verhalten kaum ändern kann (Höcker, Engberding & Rist, 2017).

Aber warum genau neigen Menschen zu Prokrastination? Oft wird dieses Verhalten mit Faulheit, Unzuverlässigkeit oder einem chaotischen Charakter gleichgestellt. Dabei ist Prokrastination viel mehr als eine Kompensationsstrategie zu sehen. Kompensationsstrategien dienen dazu, innere Zustände und Emotionen zu unterdrücken sowie vor dem eigenen Körper bzw. vor sich selbst zu fliehen. Solche Kompensationsstrategien entstehen durch, in der frühen Kindheit entstandenen, Traumata und betreffen vor allem Menschen, die gelernt haben, so wie sie sind nicht Ordnung zu sein, nicht gut genug zu sein oder nie etwas richtig machen zu können. Diese Traumata entstehen durch starke erlebte Abwertung oder Verurteilung. Um solche Situationen nicht erneut erleben zu müssen, sorgt das Nervensystem unbewusst bzw. unterbewusst dafür, dass Betroffene nicht zum Abschluss oder zur Ausführung gelangen, um somit vor vermeintlich gefährlichen Situationen zu schützen und mögliche negative Konsequenzen zu vermeiden. Auch die Angst vor positiven Ergebnissen kann ein Auslöser für Vermeidung sein. Aufgrund negativer Erfahrungen in der frühen Kindheit entwickelt sich das Selbstbild falsch und der Mensch wird daran gewöhnt zu scheitern. So werden positive Gefühle vermieden und es kommt zur Selbstsabotage. Dies wird auch als Reinszenierung bezeichnet. Schmerzhafte Erfahrungen werden unbewusst wiederholt bzw. reinszeniert. Dabei wird das Gelernte immer wieder bestätigt (König, 2021). Auch ich selbst neige dazu, von Zeit zu Zeit zu prokrastinieren. Ein wirkliches Rezept, was dagegen hilft, gibt es nicht. Allerdings reicht oft das Verständnis bzw. die Realisierung, dass grade aufgeschoben wird, aus, um dagegen wirken zu können. Vor allem aber sollte das eigentliche Ziel, die erfolgreiche Beendigung des Studiums, nie aus den Augen verloren werden.

Beitragsbild: energepic.com

Literatur

Beilfuß, M. (2013). Prokrastination bei Studenten. Krankheit oder falsches Zeitmanagement? München: GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301666

Prokrastination. https://www.uni-muenster.de/Prokrastinationsambulanz/prokrastination.html.

Höcker, A.; Engberding, M; Rist, F. (2017). Prokrastination: Ein Manual zur Behandlung des pathologischen Aufschiebens (2. Aufl.). Göttingen: Hogrefe.

König, V. (2021). Prokrastination als Traumafolge // Podcast #145. https://www.youtube.com/watch?v=sw5JM58PENk.