Mental Load: die unsichtbare Dauerbelastung

Bei vielen Betroffenen geht es morgens schon direkt nach dem Aufwachen los, die Gedanken beginnen zu kreisen und den Tag zu organisieren: Was muss ich heute tun, um die Organisation des Haushalts, die Versorgung und Pflege der Kinder und/oder pflegebedürftiger Eltern und die anfallenden Arbeiten am Arbeitsplatz rechtzeitig zu erledigen? Es ist so viel zu tun in so vielen verschiedenen Bereichen, und alles muss geplant werden. Diese ständig im Kopf ablaufende organisatorische Arbeit rund um Familie und Haushalt hat einen Namen:

Mental Load.

Dieser wird definiert als „die Last der alltäglichen, unsichtbaren Verantwortung für das Organisieren von Haushalt und Familie im Privaten, das Koordinieren und Vermitteln in Teams im beruflichen Kontext sowie die Beziehungspflege und das Auffangen der Bedürfnisse und Befindlichkeiten aller Beteiligten in beiden Bereichen.“ (Equal Care Day, 2022a). Ein Beispiel für eine Familie mit Kind: Wenn das Kind einer Sportart nachgeht, dann denkt eines der Elternteile, dass er/sie sich um den Sport kümmert wenn er/sie das Kind zum Training fährt. Bevor das Kind ins Auto steigt ist aber schon wochenlang vieles bedacht und organisiert worden:

Es muss ein Verein und/oder Trainer und passende Trainingszeiten gefunden werden. Das Kind muss angemeldet werden und die Zahlungsmodalitäten geklärt werden. Mögliche notwendige Sportgeräte und/oder Kleidung muss in der passenden Größe und entsprechend der modischen Vorlieben des Kindes besorgt werden (…vielleicht kann man das ja gebraucht kaufen..?!) Es muss im laufenden Jahr regelmäßig kontrolliert werden, ob die Sportschuhe und Kleidung noch passen, die Sportkleidung muss vor dem Training gewaschen und getrocknet sein, und die Sporttasche mit Trinkflasche und eventuell kleinem Snack gepackt oder bei älteren Kindern kurz kontrolliert werden. Vor jedem Training muss die entsprechende Chat-Gruppe auf eventuelle Änderungen der Trainingszeiten hin gecheckt werden. Und ganz zum Schluss muss dann das Kind tatsächlich zum Sporttraining gefahren werden.

Diese Organisationsarbeit findet fast unsichtbar statt und läuft- in den meisten Familien bei den Müttern- unaufhörlich im Hintergrund ab: Eine Person übernimmt im Haushalt das gesamte Management, die emotionale und leider auch unsichtbare Arbeit (invisible work) und die anderen werden zu Befehlsempfängern. Dieses Phänomen findet sich in vielen Beziehungen, privat und beruflich, und noch häufiger in Familien mit Kindern (BKK Mobil Oil, 2022). Dass diese Arbeit in erster Linie von Frauen geleistet wird, erklärt die Diplom-Psychologin Patricia Cammarata mit unserer Sozialisation: „Frauen werden darauf geprägt, für die Familie verantwortlich zu sein. Und das unabhängig von der Erwerbstätigkeit der Mütter, der viele ja schließlich nachgehen“ (AOK, 2021). Überforderung entsteht nicht nur durch die zeitliche Restriktion für die Erledigung der Aufgaben, sondern auch durch die dauerhafte mentale Beanspruchung im Alltag (BMFSFJ, 2021). Zusätzlich empfinden viele Betroffenen nicht nur die Arbeit als extrem belastend, sondern besonders die geringe Wertschätzung, die ihnen für diese entgegengebracht wird. Diese mangelnde Wertschätzung der Haushalts- und Familienarbeiten macht viele Frauen krank: 87 % der Mütter in den Mütter- und Mutter-Kind-Kuren leiden an Erschöpfungszuständen bis zum Burn-Out“ (Deutsches Müttergenesungswerk, 2022).

Um auf diese -häufig völlig unsichtbare und deshalb für viele nicht nachvollziehbare- Belastung aufmerksam zu machen, wurde 2016 der Equal Care Day ins Leben gerufen. Die Organisatoren setzen sich ein für „mehr Sichtbarkeit, Wertschätzung und eine faire Verteilung der Mental Load und der Sorge-, Pflege- und Versorgungsarbeit“ (Equal Care Day, 2022a).

Betrachtet man die unbezahlte Pflegearbeit in Deutschland, sieht man, dass hier, wie in den meisten Industrieländern, die Care Arbeit überwiegend von Frauen übernommen wird, die sogenannte Gender Care Gap: Das Gutachten für den Zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung zeigt deutliche Zahlen: Frauen verwenden durchschnittlich täglich 52,4 Prozent mehr Zeit für unbezahlte Sorgearbeit als Männer. Männer leisten pro Tag im Schnitt 2 Stunden und 46 Minuten unbezahlte Sorgearbeit, bei Frauen sind es 4 Stunden und 13 Minuten. Diese Zahlen gelten allerdings für alle Altersstufen, die Zahlen für Paarhaushalte mit Kindern sind noch deutlicher: dort verrichten Mütter täglich zwei Stunden und 30 Minuten mehr Care-Arbeit als Väter. (BMFSFJ, 2019).

Um dauerhaft das Problem zu meistern sind zwei Handlungsfelder zu bearbeiten: das unmittelbare Umfeld und die eigene Einstellung. Zum einen muss die Arbeit und die damit verbundene organisatorische Belastung sichtbar gemacht und dann neu verteilt werden. Die Arbeit kann sichtbar gemacht werden, über einen Fragebogen, den alle Erwachsenen eines (Familien)-Teams ausfüllen um zu analysieren, welche Arbeiten anfallen, und wer welche dieser Aufgaben übernimmt. Einen solchen Fragebogen haben die Organisatoren des Equal Care Day entworfen. Download unter: https://equalcareday.de/mental-load-home-de.pdf (Equal Care Day, 2022b). Die gemeinsame Analyse der Antworten schafft Transparenz und sensibilisiert für die vielen unsichtbaren Tätigkeiten. In einem nächsten Schritt sollte die Arbeit gleichmäßiger verteilt werden. Dabei sollte darauf geachtet werden, nicht einzelne Tätigkeiten zu verteilen, sondern ganze Projekte. Nur so verringert sich tatsächlich die Organisationsarbeit: Mütter sollten keine Aufgaben delegieren, sondern ganze Prozesse (AOK, 2021). Ein Beispiel für die Hausarbeit wäre die Verteilung des Gesamtprojektes Fußboden: Statt nur das Staubsaugen an eine andere Person zu delegieren wird die gesamte Arbeit als Projekt abgegeben: Das beinhaltet das Aufräumen der Schuhe an der Haustür und des Kinderspielzeugs im Wohnzimmer, das Staubsaugen und das darauf folgende Wischen der Fußböden. Auf diese Art und Weise wird nicht nur die Arbeit sondern auch die dafür notwendige Organisation abgegeben: Wenn ich heute die Fußböden säubern möchte, muss vorher alles aufgeräumt werden und ich muss mich darum kümmern, dass noch Staubsaugerbeutel und Putzmittel im Haus sind.

Aufgrund unserer Sozialisation fällt es Frauen oft schwer, das zweite Handlungsfeld zu bearbeiten: Die eigene Einstellung und besonders den eigenen Perfektionismus. Die Belastung wird aber nur dann wirklich geringer, wenn man den eigenen Perfektionismus herunterschraubt: Ein Geburtstag muss nicht aussehen wie auf Instagram: ein gekaufter Kuchen ist auch lecker, und am Abend wird einfach Pizza bestellt: Überlegen Sie, was Ihrem Kind wirklich wichtig ist (die besten Freunde, Oma und Opa, der Lieblingskuchen), und schalten Sie einen Gang zurück (BKK Mobil Oil, 2022)!

Ebenfalls notwendig ist es, abgegebene Projekte loszulassen: Wenn das Projekt Fußboden an ein anderes Familienmitglied delegiert wurde, dann ist es wichtig, darüber wirklich nicht mehr nachzudenken und die Ergebnisse der Arbeit des anderen zu akzeptieren. Nur so kann das Gegenüber echte Verantwortung lernen ohne sich bevormundet zu fühlen.

In einem letzten Schritt sollte regelmäßig evaluiert werden, ob die Verteilung der Arbeit für alle zufriedenstellend ist oder ob es die Notwendigkeit gibt, die Absprachen anzupassen: „Einmal im Monat Retrospektive: Hier sollte darüber gesprochen werden, was gut gelaufen ist, was nicht, wo man sich weiter einbringen will, wie man sich gefühlt hat. Es ist wichtig, sich hier gegenseitig abzuholen und wertzuschätzen, für das, was man alles gemeinsam leistet“ (AOK, 2021).

Fazit:

Mental Load ist mehr als nur ein bisschen Organisation rund um die Familie und Haushalt. Es ist eine ernstzunehmende Belastung für Mütter, die zu Stresssymptomen bis hin zum Burn Out führen kann. Um die Frauen zu entlasten ist es notwendig der Care Arbeit mehr Wertschätzung entgegen zu bringen und zusätzlich eine gerechtere Verteilung der Arbeit zu erreichen. Abschließend kann gesagt werden, dass es bei Mental Load, besonders darauf ankommt, die Belastung für Außenstehende sichtbar und begreifbar zu machen, um so Wertschätzung und Verständnis möglich zu machen.

Literatur:

AOK (2021). Mental Load: Wie unsichtbare Aufgaben Frauen belasten. AOK – Die Gesundheitskasse. Zugriff am 12.10.2022. Verfügbar unter: https://www.aok.de/pk/magazin/familie/eltern/mental-load-wie-unsichtbare-aufgaben-frauen-belasten/

BKK Mobil Oil (BKK Mobil Oil, Hrsg.). (2022). Mental Load – Die unsichtbare Denkarbeit der Frauen. Zugriff am 13.10.2022. Verfügbar unter: https://mobil-krankenkasse.de/wissen-gesundheit/magazin/01-2020/mental-load.html

BMFSFJ. (2021). Kinder, Haushalt, Pflege – wer kümmert sich? Ein Dossier zur gesellschaftlichen Dimension einer privaten Frage (3 Aufl.) (Bundesministerium für Familie, Senioren & Frauen und Jugend, Hrsg.). Berlin. Zugriff am 12.10.2022 Verfügbar unter: https://www.bmfsfj.de/resource/blob/160276/3186dde7aa7d20b08979e6a78700148a/kinder-haushalt-pflege-wer-kuemmert-sich-dossier-sorgearbeit-deutsch-data.pdf

BMFSFJ. (2022). Gender Care Gap – ein Indikator für die Gleichstellung. Zugriff am 12.10.2022. Verfügbar unter: https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/gleichstellung/gender-care-gap/indikator-fuer-die-gleichstellung/gender-care-gap-ein-indikator-fuer-die-gleichstellung-137294

Deutsches Müttergenesungswerk. (2022). Mangelnde Anerkennung macht Mütter krank. Zugriff am 13.10.2022. Verfügbar unter: https://www.muettergenesungswerk.de/blog/artikel/mangelnde-anerkennung-macht-muetter-krank/

Equal Care Day. (2022a)  ECD 2023 – Equal Care Day. Zugriff am 12.10.2022. Verfügbar unter: https://equalcareday.de/ecd2023/

Equal Care Day. (2022b). Equal Care Day // Material und Downloads. Zugriff am 12.10.2022. Verfügbar unter: https://equalcareday.de/mental-load/

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