Kinder in früher Fremdbetreuung – ein stark umstrittenes Thema (Teil 1)

Die frühe Fremd- und Krippenbetreuung für Kinder unter drei Jahre wird inzwischen nicht mehr hinterfragt. Oftmals werden die enormen Bildungsfähigkeiten der Kinder innerhalb der ersten zwei Lebensjahre betont, welche offensichtlich ausschließlich in Krippen gefördert werden können. Angemerkt wird zudem, dass seit über 30 Jahren Krippenbetreuung in vielen Ländern betrieben wird (Butzmann, 2013, S. 1). Durchaus sind die ersten zwei Jahre aufgrund der Bedürfnisse des Kindes sehr anstrengend und erfordern von Müttern oder auch Vätern Verzicht und Langweile. Im Gegensatz zur beruflichen Arbeitszeit ist die Zeit wie im Stillstand. Jedoch ist diese vorübergehende Zeit von großer Bedeutung für eine gesunde psychische Entwicklung des Kindes (Butzmann, 2013, S. 8). 

Inwiefern jedoch negative Ergebnisse der frühen Betreuung die Folge sind, wird nur selten betrachtet. Im folgenden Blogbeitrag soll genauer auf die kurz- sowie langfristigen Risiken eingegangen werden.

Die Probleme bei früher Fremdbetreuung

Grundlegend muss sich in der Entwicklungspsychologie in Bezug auf die frühe Fremdbetreuung mit den folgenden Themen auseinandergesetzt werden (Grossmann, 1999, S. 165):

1. Die emotionalen und Denkprozesse von vorsprachlichen Kindern: Im Allgemeinen unterscheiden sich diese maßgeblich von Kindern im Vorschul- oder Schulalter. Erklärungen, Begründungen, Zeitperspektiven und Zielvorstellungen haben bei vorsprachlichen Kindern in Bezug auf emotionales Unwohlsein wenig Nutzen. Gefühle sind die Sprache, welche das Kind versteht und äußert.

2. Die sozialen Fähigkeiten: Die sozialen Fähigkeiten von unter Dreijährigen sind noch stark begrenzt. Die Kooperation mit anderen Kindern gestaltet sich somit meist schwierig, denn bei Konflikten siegt meist der körperlich Stärkere.

3. Die sozial-emotionalen Bedürfnisse: Die emotionale Arbeit, welche in Bezug auf die Kinder anfällt, kann von den Erzieher/-innen entweder geleistet werden oder aber auch durch Versachlichung und Entindividualisierung der Kinder vermieden werden. Allein pädagogisches Engagement bei Kleinstkindern ist quasi nicht möglich.

4. Familiäre Kontrolle: Die familiäre Kontrolle entfällt durch die Instituionalisierung und Professionalisierung von Gruppenbetreuung. Die Eltern müssen somit davon ausgehen, dass das offizielle Angebot für ihre Kinder gut ist (Grossmann, 1999, S. 166).

Innerhalb der ersten 36 Monate sind Kinder besonders auf ein schützendes und stabiles Umfeld angewiesen. Es entsteht eine Bindung an die Menschen, welche für das Kind am verlässlichsten erscheinen. Diese Bindung stellt den Grundstein für das Selbstwertgefühl und die Fähigkeit, tragfähige Beziehungen aufzubauen. Zudem wird die emotionale und kognitive Entwicklung in der frühen Kindheit durch die Stabilität der Beziehungen gefestigt und bestärkt. In dieser Zeit wird das sogenannte „Urvertrauen“ erworben und erst langsam erwirbt das Kind die Fähigkeit, die Abwesenheit der Eltern innerseelisch zu verkraften, weil es sich nun an sie erinnern und an sie denken kann. Das Bild der Eltern ist letztendlich erst mit einem Alter von drei Jahren bei den meisten Kindern wirklich stabil und belastbar fixiert (Butzmann, 2013, S. 8). Innerhalb einer Krippe werden fast gleichaltrige Kinder in größeren Gruppen betreut. Die Erzieher gehören nicht zum sozialen Netz der Familie, somit ist die Beziehung des Kindes zu den Erzieher/-innen auf die Dauer der täglichen Betreuung, sowie die Dauer der Beschäftigung in dieser Einrichtung beschränkt.

Ein wichtiger Punkt in der Entwicklung des Kindes vollzieht sich gegen Ende des zweiten Lebensjahres. Das Kind erkennt sich zunehmend als eigenständige Person, welche von Mutter und der übrigen Welt getrennt lebt. Dieser Prozess vollzieht sich zwischen dem 18 und 28 Lebensmonat, welcher nur mit den Eltern optimal möglich ist. Stehen diese nicht zur Verfügung kann dies schwerwiegende Folgen für die Ich-Entwicklung und das soziale Verstehen des Kindes haben (Butzmann, 2013, S. 6).

Auffällig ist bei zweijährigen das egozentrische Verhalten. Der Standpunkt oder die Meinung anderer ist für Kinder diesen Alters nicht greifbar (Butzmann, 2013, S. 7).

Innerhalb der ersten zwei bis drei Lebensjahre ist somit nicht das soziale Lernen, welches innerhalb der Fremdbetreuung oftmals als positives Beispiel verwendet wird Thema, denn das Kind muss sich zunächst selbst erkennen und in seine Umwelt einordnen lernen. Erst nachdem dieser wichtige Schritt erreicht ist, kann das Kind sich auf das soziale Lernen mit anderen konzentrieren (Butzmann, 2013, S. 7)

Die NICHD Studie

Die Study of Early Child Care des amerikanischen Forschungsinstituts „National Insitute of Child Health and Human Development“, untersuchte von 1991 bis 2009 1350 Kinder und Familien. Bei der Interpretation der NICHD-Studie wurden in der Presse überwiegend die positiven Auswirkungen von „Day Care“ offengelegt. Der Entwicklungs- und Familienforscher Prof. Jay Belsky hat die NICHD-Studie mitbegründet und in einem Interview 2015 zusammengefasst gesagt, dass Kinder umso ungehorsamer und aggressiver sind, je länger sie in Kitas betreut werden. Die positiven Ergebnisse der kognitiven Entwicklung, konnten nur bei sehr hoher Betreuungsqualität nachgewiesen werden. Wichtig anzumerken ist hier, dass die amerikanischen Kitas im Gegensatz zu deutschen sehr schulisch ausgerichtet sind und früh den Erwerb von Fähigkeiten wie Schreiben, Lesen oder Rechnen fördern. Doch auch dieser Vorsprung verliert sich früher oder später (Geist, 2022).

Zudem ergab die Studie nach Belsky auch Hinweise auf einen Einfluss auf die Eltern-Kind-Beziehung. Tendenziell stellten sich die Mütter, welche ihre Kinder in einer Tagesbetreuung untergebracht hatten, weniger sensibel gegenüber ihren Kindern heraus. Je länger die Fremdbetreuung in den ersten drei Jahren war, desto negativer waren dahingehend auch die Auswirkungen auf die Mutter-Kind-Interaktionen.

Kritisch anzumerken ist, dass diese Ergebnisse kleingedruckt auf der dritten Seite veröffentlicht, jedoch die positiven Ergebnisse auf der ersten Seite besonders hervorgehoben (Geist, 2022).

Fazit

Schlussendlich soll noch einmal angemerkt werden, dass frühe Krippenbetreuung nicht in jedem Fall negative Folgen haben muss. All die angemerkten Punkte stellen lediglich Risiken dar. In manchen Fällen wie innerhalb „schwacher“ Familien, bei welchen Kinder Misshandlungen oder ähnlichem ausgesetzt sind, stellt eine frühe Betreuung die bessere Lösung dar. Bei beziehungsunfähigen Eltern, bei welchen Kindern ohnehin keine sichere Bindung entwickeln können, bietet die Krippe bessere Entwicklungschancen (Butzmann, 2013, S. 21).

Eine große Problematik in dem hier angesprochenen Thema stellt der gesellschaftliche, aber auch politische Einfluss, dar. Seit Jahren lastet ein großer Druck auf Frauen voll erwerbstätig zu sein mit dem Ziel die Wirtschaft anzukurbeln, die sozialen Kassen entlasten zu können und den Demographie-Wandel in Gang zu setzen. Wichtig wäre hier anzusetzen, um eine Veränderung realisieren zu können (Butzmann, 2013, S. 21).

Literaturverzeichnis

Butzmann, E. (2013). Vortrag zu den Risiken der frühen Krippenbetreuung . Wildeshausen.

Geist, G. (2022). Übersicht bekannter Studien. Aufgerufen am 15.09.2022 Verfügbar unter:  https://gute-erste-kinderjahre.de/ubersicht-studien/: Guter erste Kinderjahre.

Grossmann, K. (1999). Handbuch Elternbildung. Wiesbaden: Springer.

Wild, E., & Möller, J. (2020). Pädagogische Psychologie. Berlin: Springer.

Bildquelle: Oksana Kuzmina, https://www.shutterstock.com/de/image-photo/babies-boy-girl-playing-on-floor-1539142244