Kaputt, ausgebrannt und über die Belastungsgrenze hinaus

Mütter und Väter zwischen Daueranspannung, zu vielen Pflichten und zu viel Druck

Der Titel beschreibt den momentanen Ist-Zustand vieler Eltern in Deutschland. Vor allem Mütter hat es während der Pandemie hart getroffen, sie sind besonders belastet. Denn waren es nicht vorranging die Mütter, die in der Pandemie das Land am Laufen hielten? Sie betreuten die Kinder zu Hause und versuchten gleichzeitig im Job zu performen. Die Mehrfachbelastungen durch Kinder, Partnerschaft, Haushalt, Arbeit und Karriere und on Top vielleicht sogar noch die Pflege und Versorgung erkrankter Angehöriger sind enorme soziale Belastungsfaktoren für Mütter in unserer heutigen Gesellschaft. Jetzt sind viele am Ende ihrer Kräfte und können nicht mehr. Die Pandemie hat diese Situation noch verschärft. Diese Mehrfachbelastung stellt ein gesundheitliches Risiko dar, wenn es bei einer dauerhaften oder chronischen Überbelastung bleibt. Die gesundheitlichen Folgen können sich in Form von psychovegetativen, psychosomatischen und psychischen Erkrankungen, Erkrankungen des Bewegungsapparats sowie Krankheiten der Atmungsorgane widerspiegeln. Diese Störungen stellen alle einen Anspruch für eine medizinische Vorsorge- oder Rehabilitationsmaßnahme für Mütter und Väter in Familienverantwortung nach § 24 und 41 Sozialgesetzbuch V dar. Eine Mutter/Vater-Kind-Kur wird von den Krankenkassen finanziert und dauert drei Wochen beziehungsweise 21 Tage.

Umfrage “ Traditionelle Rollenverteilung in Corona-Krise belastet die Frauen“ (Bertelsmann Stiftung, 2020, S. 2)

Was kann eine Kur erreichen und was sind die Ziele?

Als oberstes Kurziel gilt es, die Gesundheit zu erhalten. Bestehen schon Beschwerden ist das Bestreben diese zu lindern und eine Chronifizierung zu vermeiden. Die Psychoedukation nimmt in einer Vorsorgemaßnahme ebenfalls eine bedeutende Stellung ein, ebenso wie das Erlernen gesunderhaltender Verhaltensweisen, die Stärkung eigener Ressourcen und das Erkennen von Zusammenhängen zwischen Eltern- und Kindergesundheit (Müttergenesungswerk, 2022).

Der Erhalt, die Wiederherstellung oder die Verbesserung der Gesundheit von Müttern und Vätern erfolgt nach den Grundlagen der „Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit“ (ICF) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und erfordert eine ganzheitliche Betrachtungsweise auf Basis eines biopsychosozialen Modells. Wie die „Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“ (ICD), das Nummern zur Verfügung stellt, um Verschlüsselungen von Diagnosen für gesundheitsstatistische Zwecke vorzunehmen, stellt das ICF nun Verschlüsselungen der Krankheitsausprägungen und -folgen zur Verfügung und unterteilt diese in Körperfunktionen, Körperstrukturen, Aktivitäten und Partizipation (Teilhabe) sowie Umweltfaktoren.

Durch den Einsatz eines interprofessionell ausgerichteten Teams kann dieses im Rahmen einer Vorsorgemaßnahme gelingen, wenn sich das Team auf ein gemeinsames Behandlungsziel verständigt und die fachspezifischen Ziele im Hinblick auf dieses übergeordnete Ziel abstimmt. Dazu erfolgt ein regelmäßiger Austausch im Rahmen einer Teambesprechung. Das Team setzt sich dabei aus den folgenden Berufsgruppen zusammen: Ärzte, Psychologen, Pflegekräfte, Sozialarbeiter/Sozialpädagogen, Sport- und Bewegungstherapeuten, Physiotherapeuten, Masseure, Ergotherapeuten, Diätassistenten/Ökotrophologen und Kunsttherapeuten. Indikationsabhängig kann das Team um weitere Berufsgruppen erweitert werden. Die Teammitglieder arbeiten parallel nebeneinander und werden als gleichrangig betrachtet (Bengel & Mittag, 2016, S. 240).

Mit welchen Maßnahmen kann das Ziel erreicht werden?

Durch das Team, vor allem durch die Profession eines psychosozialen Teams (Psychologen und Sozialpädagogen), kann Eltern innerhalb des Kur-Zeitraums das Rüstzeug an die Hand gegeben werden, um ein gewisses Maß an Metastabilität zu erzeugen. Dieses kann unter anderem durch den methodischen Ansatz einer systemischen Beratung erfolgen. Dabei liegt das Ziel einer systemischen Praxisarbeit darin, die krauskausalen Wirkungsketten (A beeinflusst B und B beeinflusst wieder A), die häufig für die Entstehung von Problemen mit verantwortlich sind, zu identifizieren und zu unterbrechen.

Die Beratung kann im Setting einer systemischen Einzelberatung erfolgen. Die Dauer einer Beratung liegt bei fünfzig Minuten, dieses gilt als anerkannter Standard pro Sitzung. In der systemischen Einzelberatung wird der Fokus weg von der „Problemfokussierung“ auf die „Lösungsfokussierung“ geändert. Weiterhin richtet sich der Blick zuerst auf die vorhandenen Kräfte und Stärken der Einzelperson und der Familie. Diese Ressourcen werden zusammen aufgespürt und aktiviert. Besondere Belastungen und Anforderungen können nicht immer aus eigener Kraft bewältigt werden. Daher bedeutet Selbstverantwortlichkeit oder Selbstfürsorge manchmal auch fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen (Weiss & Haertel-Weiss, 1995, S. 81).

Ergänzend können in den Einzelsitzungen sowie weiteren Therapieangeboten die Stärkung der Selbstsicherheit und des Selbstvertrauens, Förderung des emotionalen Erlebens, Förderung der Selbstregulation, Spannungsreduktion, Aktivierung des Ressourcenbewusstseins, Lebensstilanpassung, Hilfe zur Selbsthilfe erlernen, Hilfreiche Denkmuster und förderliche Einstellungen entwickelt werden (Willemse & Ameln, 2018, S.13).

Fazit

Die Auszeit vom Alltag, gemeinsame Gespräche mit Gleichgesinnten und die enge Anbindung an das interprofessionelle Team geben Müttern und Vätern den Freiraum, die eigene familiäre, gesundheitliche oder berufliche Situation in Ruhe und mit Abstand zu überdenken. Ungelöste Konflikte können beleuchtet und erste Lösungsschritte entwickelt und eingeleitet werden. Die Angebote im Kurzentrum helfen dabei, verloren gegangene Fähigkeiten und Stärken wiederzuentdecken und dabei Selbstheilungsmechanismen in Gang zu setzen. Das Zusammenwirken der verschiedenen Therapie- und Unterstützungsangebote dient dazu, dass sich Mütter und Väter gesünder, stärker und gelassener fühlen (Müttergenesungswerk, 2022). Der zuvor ausgebrannte Akkuladezustand kann aufgefüllt und neue Kräfte sowie Ressourcen für den Alltag gesammelt werden. Weiterhin können in den Einzelsitzungen negative Glaubenssätze hin zu hilfreichen Denkmustern und zu einer förderlichen Einstellung umgewandelt werden.

Lassen Sie sich von einer der deutschlandweiten Kurberatungsstellen individuell beraten und informieren Sie sich dort über alle Aspekte einer Kurmaßnahme sowie die entsprechenden Anträge.

Literatur

Bengel, J. & Mittag, O. (2016). Reha-Team und Teamentwicklung. In: Psychologie in der medizinischen Rehabilitation. Berlin, Heidelberg: Springer.

Müttergenesungswerk (2022). Die Mutter-Kind-Kur. URL: https://www.muettergenesungswerk.de/kur-fuer-mich/mutter-kind-kur (20.04.22).

Rehadat (2022). ICF-Lotse. Klassifikationen. URL: https://www.rehadat-icf.de/de/klassifikation/ (22.04.22).

Schlippe, A. von & Schweitzer, J. (2007). Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung. (10. Aufl.). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Weiss, T. & Haertel-Weiss, G. (1995). Familientherapie ohne Familie. Kurztherapie mit Einzelpatienten. München: Piper.

Willemse, J. & Ameln, F. von (2018). Theorie und Praxis des systemischen Ansatzes. Die Systemtheorie Watzlawicks und Luhmanns verständlich erklärt. Berlin, Heidelberg: Springer.

Bildnachweise

Beck, Bethany (2019). Woman in gray shirt covering her face with her hair photo. Unsplash. URL: https://unsplash.com/photos/82NHIKIvKNc (29.07.2022).

Bertelsmann Stiftung (2020). Umfrage “ Traditionelle Rollenverteilung in Corona-Krise belastet die Frauen“. URL: https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/user_upload/Spotlight_Rollen_und_Aufgabenverteilung_bei_Frauen_und_Maennern_in_Zeiten_von_Corona.pdf (29.07.2022).