Jeder Chef hat die Mitarbeiter, die er verdient. Über Menschenbilder und ihre Auswirkung auf die Führung

Das (Führungs-)Verhalten von Menschen hängt stark mit seinem jeweiligen Menschenbild zusammen. Jedwede zwischenmenschliche Interaktion findet stets im Kontext dessen statt, was und wie über andere Menschen gedacht wird – also welches Bild jemand von einem Menschen hat.

 

Unter dem Begriff Menschenbilder sind Theorien über menschliche Verhaltens- oder Sichtweisen zusammengefasst, die in der Wissenschaft und Praxis existent sind. Es geht um Vorstellungen über grundlegende Wesensmerkmale von Menschen.

Menschenbilder sind in der Arbeits- und Organisationspsychologie deshalb von großer Bedeutung, weil durch sie Bewertungsstandards und Gestaltungsrichtlinien von Arbeit und Organisation generell verständlich werden.[1] [2]

 

Die Personalführungslehre kennt zahlreiche Ansätze über Menschenbilder. Eine bekannte Theorie, welche sich auf den arbeitenden Menschen in Organisationen bezieht, ist die von McGregor konzipierte XY-Theorie.  Die X-Theorie beschreibt hierbei das negative Menschenbild; im Gegensatz beschreibt die Y-Theorie das positive Menschenbild:[3]

 

X-Theorie Y-Theorie
Der Mensch hat eine angeborene Abscheu vor der Arbeit und versucht, Arbeit möglichst zu vermeiden. Arbeit kann für den Menschen eine wichtige Quelle der Zufriedenheit sein.
Die meisten müssen kontrolliert, geführt und mit Strafandrohung gezwungen werden, einen produktiven Beitrag zur Erreichung der Organisationsziele zu leisten. Sofern sich der Mensch mit den Zielen der Organisation identifiziert, sind externe Kontrollen unnötig. Der Mensch wird Selbstkontrolle und Eigeninitiative entwickeln.
Der Mensch möchte geführt werden und Verantwortung vermeiden. Er hat wenig Ehrgeiz und wünscht vor allem Sicherheit. Die wichtigsten Arbeitsanreize sind die Befriedigung von Bedürfnissen und das Streben nach Selbstverwirklichung.
Der Mensch sucht bei entsprechender Anleitung eigene Verantwortung.

Einfallsreichtum und Kreativität sind weit verbreitete Eigenschaften in der arbeitenden Bevölkerung; sind jedoch häufig wenig aktiviert.

Tabelle 1: Die wichtigsten Aussagen der X- bzw. Y-Theorie.
Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an die Zusammenfassung von Simon, W.: 2006, S. 27

 

Menschenbilder bestätigen sich nicht selbst. Die „Träger“ des Menschenbildes bestätigen die Theorie durch ihre Erwartungshaltungen und durch ihr Verhalten.

Man kann sagen, dass Menschenbilder ihre eigene Dynamik in der Gestaltung von Führungsbeziehungen entwickeln. Grund hierfür ist, dass diese persönlichen und subjektiven „Theorien“ über menschliches Verhalten der Effekt anhaftet, sich selbst zu bestätigen. Dieses Phänomen bezeichnet man als „Sich-selbsterfüllende-Prophezeiung “. Die Sich-selbsterfüllende-Prophezeiung ist ein psychologisches Phänomen, welches das eigene Verhalten, aber auch das der Mitmenschen beeinflussen kann. Im Grunde kann gesagt werden, dass, wenn jemand ein bestimmtes Verhalten oder Ergebnis erwarten, dieser selbst dazu beiträgt, dass das prophezeite Verhalten oder Ergebnis auch wirklich eintritt.[4] [5]

Bezogen auf das Führungsverhalten sind es somit die Vorgesetzten, die meist unbewusst durch ihr eigenes Verhalten Reaktionen bei den Geführten herbeiführen. Auslöser des „Reaktionkreislaufs“ sind demzufolge die jeweiligen Menschenbilder und die daraus von abgeleiteten Schlussfolgerungen des Vorgesetzten. Die Geführten bestätigen schließlich die Erwartungen des Vorgesetzten. Diese Reaktion führt dann wiederum dazu, dass der Vorgesetzte sich in seinem Handeln bestätigt fühlt. Ein Kreislauf, der in positiver, wie in negativer Richtung ablaufen kann, etabliert sich.

Das Phänomen wird in nachfolgendem Schaubild nochmals anhand eines Beispiels verdeutlicht.

Sich-selbsterfüllende-Prophezeiung
Abbildung 1: Sich-selbsterfüllende-Prophezeiung; Quelle: Eigene Darstellung

 

Fazit

Menschenbilder sind persönliche „Theorien“ über Menschen bzw. deren Verhalten. Die Vorstellungen bzw. Annahmen prägen jedwede zwischenmenschliche Interaktion. Diese Interaktionen wiederrum prägen den Arbeitsalltag und haben großen Einfluss auf die Verhaltensweisen der Mitarbeiter. Natürlich hängt „gute“ Führung nicht  ausschließlich mit dem Menschenbild der Führungskraft zusammen. Der landläufig bekannten Aussage, dass jeder Chef am Ende die Mitarbeiter bekommt, die er verdient, kann jedoch langfristig gesehen insbesondere im Hinblick auf die XY-Theorie in Verbindung mit der Sich-selbst-erfüllenden-Prophezeiung durchaus zugestimmt werden.

 

 


[1] Vgl. Kirchler, E./ Meier-Pesti, K./ Hofmann, E.: 2004, S. 12.

[2] Vgl. Maier, W. G. Prof. Dr. u. a: http://wirtschaftslexikon.gabler.de (06.04.16).

[3] Vgl. Simon, W.: 2006, S. 26 ff.

[4] Vgl. Mentzel, W./ Grotzfeld, S./ Haub, C: 2014, S. 24.

[5] Vgl. Herpers, M.: 2013, S. 46.

 

Bildnachweis:

Beitragsbild: Quelle: https://pixabay.com/de/mann-arbeitgeber-vorgesetzter-boss-432709/
Abbildung 1: Quelle: Eigene Darstellung

 

Tabellen:

Tabelle 1: Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an die Zusammenfassung von Simon, W.: 2006, S. 27

 

Quellen:

Herpers, M.: Erfolgsfaktor Gender Diversity. Ein Praxisleitfaden für Unternehmen. 1. Auflage. Haufe Verlag, Freiburg 2013

Kirchler, E./ Meier-Pesti, K./ Hofmann, E.: Menschenbilder in Organisationen. Arbeits- und Organisationspsychologie 5. 1. Auflage. WUV-Universitätsverlag. Wien 2004

Maier, W. G. Prof. Dr. u. a.: Menschenbilder. Springer Gabler Verlag (Herausgeber), http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/55437/menschenbilder-v9.html (06.04.16)

Mentzel, W./ Grotzfeld, S./ Haub, C: Mitarbeitergespräche erfolgreich führen. Einzelgespräche Teamgespräche Zielvereinbarungsgespräche und Mitarbeiterbeurteilung. 11. Auflage. Haufe Verlag. München 2014

Simon, W.: GABALs großer Methodenkoffer. Führung und Zusammenarbeit. 1. Auflage. Gabal Verlag GmbH. Offenbach 2006