Ist Rache süß – oder bitter? Oder bittersüß?

Das Sprichwort kennt jeder: Rache ist süß. Die psychologische Forschung beschäftigt sich schon seit einigen Jahren damit, zu erforschen, ob das stimmt, oder ob die emotionalen Folgen des sich Rächens nicht deutlich komplexer sind.

In einer Umfrage gaben immerhin 5% der Befragten an, sich bei einem Ex-Partner gerächt zu haben, nachdem dieser sie verlassen hat (Statista, 2015). Rache scheint demnach recht häufig vorzukommen, wobei nur geschätzt werden kann, wie viele Menschen schon ausgeprägte Rachephantasien hatten, ohne diese in die Tat umzusetzen.

Die Definition von Rache ist laut Duden eine „persönliche, oft von Emotionen geleitete Vergeltung einer als böse, besonders als persönlich erlittenes Unrecht empfundenen Tat„ (Duden, 2022). In der Psychologie wird Rache den Emotionen zugeordnet: Rache wird als eine Emotion kategorisiert, die beim Gefühl der Unfairness entsteht und zur persönlichen Entlastung führen soll (Garms-Homolová, 2022, S. 91). Motive für Rache werden beschrieben als: der Wunsch nach Wiederherstellung des Selbstwertes, der Wunsch nach Wiederherstellung von Sicherheit, der Wunsch nach Wiederherstellung von Gerechtigkeit oder Voreingenommenheiten und Sensibilität für Ungerechtigkeit (Maes, 1994, S. 9). Dabei scheinen sich Rächende die Absicht zu verfolgen dem Bestraften eine Lektion zu erteilen und dass der Bestrafte, sein vermeintliches Fehlverhalten und die damit verbundene Rache versteht (Werth, Seibt & Mayer, 2020, S. 338).

In einer Studie des Neurowissenschaftlers Dominique de Quervain und seiner Arbeitsgruppe wurde untersucht, welche Teile des Gehirns angeregt werden, wenn man Versuchspersonen erlaubt sich für eine -in einem einfachen Glücksspiel inszenierte- Ungerechtigkeit, zu rächen:  Die Rächer  zeigten eine erhöhte Aktivierung im dorsalen Striatum, das Teil des neuronalen Belohnungszentrums ist (Quervain et al., 2004, S. 1256). Auf den ersten Blick scheint es also so zu sein, dass Rache positive Emotionen auslöst und damit tatsächlich süß ist. In einer auf diesen Ergebnissen aufbauenden Studie konnten Carlsmith, Wilson und Gilbert aber belegen, dass Rache nicht dauerhaft positive Emotionen auslöst: Dabei wurden die hedonischen Reaktionen nach der Durchführung einer Bestrafung gemessen und festgestellt, dass Bestrafenden wesentlich weniger glücklich waren als Nicht-Bestrafenden, sowohl nach einer 1- als auch nach einer 10-minütigen Verzögerung(Carlsmith, Wilson & Gilbert, 2008, S. 1323). Also scheint Rache doch nicht nur süß, sondern auch bitter zu sein. Eine weitere Studie bei der eine vollständige Messung des affektiven Zustands von Bestrafenden und nicht-Bestrafenden vorgenommen wurde, kommt zu dem Ergebnis, „dass beide Perspektiven richtig sind. Das heißt, die affektiven Folgen von Rache sind weder gänzlich positiv („süß“) noch sind sie gänzlich negativ („bitter“). Vielmehr unterstützen die Ergebnisse ein bittersüßes Modell der Rache, bei dem solche Ereignisse sowohl positive als auch negative Reaktionen auslösen können“ (Eadeh, Peak & Lambert, 2017, S. 32).

Eine aktuelle Studie zum Thema Rache konnte nun zusätzlich Belege dafür finden, dass Vergeltungsaggression einer zeitlichen Diskontierung unterliegt: nach dem die Versuchspersonen entschieden hatten, dass die Grenze überschritten wurde und Rache geübt werden muss, wurde untersucht, ob sie jetzt Rache üben möchten, mit einer kleineren Auswirkung, oder abwarten und sich später mit größeren Auswirkungen rächen wollten: Es wurde gezeigt, dass Menschen solche intertemporalen Entscheidungen über Rache ähnlich behandeln wie bei anderen Belohnungen: sie zogen es vor, jetzt etwas zu erhalten, anstatt später mehr zu bekommen (West, Lasko, Hall, Khan & Chester, 2022, S. 54).

Fazit:

Rache ist eine sehr komplexe Emotion, die mehrere aufeinander aufbauende Reaktionen und antagonistische Affekte nach sich zieht. Der Moment des Rache Nehmens wird als positiv und befriedigend empfunden. Ist aber dieser kurze „Rausch“ vorüber, scheinen Menschen sich danach deutlich schlechter zu fühlen, als ohne Rache. Demnach ist Rache nicht nur süß, sondern auch bitter. Wie genau diese Emotionen entstehen und wo die psychologischen Gründe dafür liegen könnten, müssen zukünftige Forschungen zu diesem Thema ergeben.

Literatur:

Carlsmith, K. M., Wilson, T. D. & Gilbert, D. T. (2008). The paradoxical consequences of revenge. Journal of Personality and Social Psychology, 95(6), 1316–1324. https://doi.org/10.1037/a0012165

Duden. (2022). Rache. Zugriff am 01.12.2022. Verfügbar unter: https://www.duden.de/rechtschreibung/Rache

Eadeh, F. R., Peak, S. A. & Lambert, A. J. (2017). The bittersweet taste of revenge: On the negative and positive consequences of retaliation. Journal of Experimental Social Psychology, 68, 27–39. https://doi.org/10.1016/j.jesp.2016.04.007

Garms-Homolová, V. (2022). Sozialpsychologie der Zuneigung, Aufopferung und Gewalt. Über Liebe, prosoziales Verhalten, Aggression und Hass (Lehrbuch). Berlin, Heidelberg: Springer /

Maes, J. (1994). Psychologische Überlegungen zu Rache. https://doi.org/10.23668/PSYCHARCHIVES.8984

Quervain, D. J.‑F. de, Fischbacher, U., Treyer, V., Schellhammer, M., Schnyder, U., Buck, A. et al. (2004). The neural basis of altruistic punishment. Science (New York, N.Y.), 305(5688), 1254–1258. https://doi.org/10.1126/science.1100735

Statista. (2015). Haben Sie sich schon mal an einem Ex-Partner/einer Ex-Partnerin gerächt? Nach dem Schmerz und der Trauer über eine Trennung oder einem Seitensprung kommt häufig die Wut auf den oder die Ex. „Rache ist süß“, heißt es dann bei vielen., Parship. Zugriff am Zugriff am 29.11.2022. Verfügbar unter: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/425896/umfrage/umfrage-in-deutschland-zu-rache-am-ex-partner-der-ex-partnerin/

Werth, L., Seibt, B. & Mayer, J. (2020). Sozialpsychologie – Der Mensch in sozialen Beziehungen. Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg.

West, S. J., Lasko, E. N., Hall, C. J., Khan, N. G. & Chester, D. S. (2022). Some revenge now or more revenge later? Applying an intertemporal framework to retaliatory aggression. Motivation Science, 8(1), 33–55. https://doi.org/10.1037/mot0000248

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