Handelt unser Gehirn egoistisch und selbstsüchtig?

Die Prävalenz von Adipositas und Übergewicht nimmt weltweit immer weiter zu. Über die Hälfte der Deutschen sind übergewichtig. Männer sind häufiger von Übergewicht betroffen als Frauen und mit dem Alter steigt zudem die Tendenz übergewichtig zu sein (Vgl. Schienkiewitz et al., 2017, S. 21-28).

Laut der aktuellen Stressstudie der Techniker Krankenkasse zeigt sich ebenfalls, dass der Stresspegel der Deutschen zugenommen hat, 2013 war es noch jeder Fünfte der häufig gestresst war, heute ist es jeder Vierte. Insbesondere bei Frauen hat extremer Stress zugenommen. Was laut Studie am häufigsten zu Stress führt sind hohe Anforderungen an sich selbst, Konflikte im privaten Umfeld oder Erkrankungen in der Familie (Vgl. Techniker Krankenkasse, 2021, S. 4-6).

Doch was könnte das Ganze mit dem Egoismus und der Selbstsucht des Gehirns zu tun haben?
Schon 1921 fand Marie Krieger heraus, dass das Gehirn in der Hierarchie des Stoffwechsels die oberste Stellung einnimmt (Vgl. Krieger, 1921, S.87-134). Als die Versorgungsnotlage in Deutschland immer größer wurde und der sogenannte Steckrübenwinter sich zuspitzte, untersuchte Marie Krieger derweil in Jena die Atrophie der menschlichen Organe bei unzureichender Mangelernährung. Jeden Tag wurden die Körper von Kriegsopfern zu Forschungszwecken untersucht. Die Opfer wiesen zum Teil einen Gewichtsverlust von fast 50 % auf, es wurden alle Organe einzeln untersucht und gewogen, dabei fiel ein Organ auf, welches lediglich einen Verlust von nur bis zu zwei Prozent einzubüssen hatte, das Gehirn. Kriegers Erkenntnisse liessen vermuten, dass das Gehirn zuerst dafür sorgt, dass es ausreichend Energie bekommt und was übrigbleibt, wird dann dem restlichen Körper zur Verfügung gestellt.

Diese Erkenntnisse wurden 2007 von Muhlau und Kollegen bei der Untersuchung von magersüchtigen Personen bestätigt, die mittels Magnetresonanztomographie untersucht wurden (Vgl. Muhlau et. al., 2007, S. 1850-1857). Bosy-Westphal und Kollegen fanden im Rahmen ihrer Forschung mit Probanden, die eine kalorienreduzierte Diät machten, ebenfalls das Phänomen, dass das Gehirn im Gegensatz zu den restlichen Organen nur minimal in Grösse und Gewicht einbüssen musste (Vgl. Bosy-Westphal et.al., 2009, S. 993-1001).

Auch Achim Peters und sein Forschungsteam beschäftigten sich seit vielen Jahren in Lübeck mit der Stoffwechselhierarchie und formulierten die Selfish-Brain-Theorie was auf Deutsch übersetzt „selbstsüchtiges Gehirn“ heisst. Die zentralsten Pfeiler der Selfish-Brain-Theorie sind:
Zuerst reguliert das Gehirn den eigenen Energiefüllstand. Dafür wird das Stresssystem aktiviert, um die notwendige Energie in Form von Glukose aus den Körperreserven zu ziehen (grüne Ampel Richtung Gehirn). Im Anschluss darf das Stresssystem zurück in die Ruhelage und es zeigt sich wieder eine grüne Ampel Richtung Körper (Muskeln/Fett) (Vgl. Peters et al., 2004, S.143-180).

Das Stresssystem ist immer wachsam und jeder von uns kennt das Gefühl, wenn es während einer ungewohnten Situation (z.B. einer Prüfung) hochgefahren wird. Im Rahmen der Forschung zur Selfish-Brain-Theorie wurden Probanden psychosozialem Stress ausgesetzt. Die Teilnehmer waren männlich, zwischen 18 und 33 Jahre alt und assen zuvor alle das gleiche Mittagessen. Im Rahmen einer nachgestellten Prüfungssituation sollten sich die Männer zunächst kurz vorstellen und ernteten nur ernste Blicke und negative Kommentare von den Prüfern, zudem wurde die ganze Prozedur gefilmt. Danach mussten die Teilnehmer von 2023 immer 17 abziehen und bei jedem Fehler wieder von vorne anfangen und die Prüfer reagierten entsprechend empört (Vgl. Schlichting, 2013, S. 19-32).
Trotz der Tatsache, dass die Probanden wussten, dass es bei dem Versuch um rein wissenschaftliche Zwecke ging, zeigten die entnommenen Blutproben eine nicht unwesentliche Veränderung resp. Anpassung. Adrenalin und Kortisol waren stark erhöht und es zeigte sich die Aktivierung des sympathischen Nervensystems sowie körperliche Symptome wie Herzrasen, Zittern oder Schwitzen. Doch was passiert im Körper genau?
Das Gehirn fordert in dieser vermeintlich alarmierenden Situation Energie an, um die Aufgabe besser lösen zu können. Die Ampel Richtung Körper springt sofort auf Rot und das sympathische Nervensystem gibt den Befehl: „Bauchspeicheldrüse sofort die Ausschüttung von Insulin stoppen“. In der Folge können die Muskeln keine Energie in Form von Glukose mehr aufnehmen. Im Gegensatz zum Gehirn, welches auch ohne Insulin Glukose aufnehmen kann.


Abbildung 2: Glukoseversorgung des Gehirns – Quelle: Eigene Darstellung

Nach der belastenden Situation ist das Adrenalin nach einer halben Stunde fast wieder auf einem normalen Niveau, Kortisol und Insulin benötigen hierfür jedoch deutlich länger.
Als die Prüfungssituation vorbei war, wurden die Probanden in zwei Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe erhielt Zugang zu einem üppigen Buffet, die andere zu einem eher mageren Buffet, allen wurde regelmässig Blut abgenommen. Die Teilnehmer am üppigen Buffet assen im Durchschnitt 34 Gramm extra Kohlenhydrate und mit dem Auffüllen der Energiespeicher, konnten sich die stressbedingten körperlichen Symptome schnell eingestellt. Am kohlenhydratarmen Buffet nebenan zeigte sich eine andere Situation. Noch lange nach dem Essen zeigten die Probanden Erschöpfungszustände und Müdigkeit und benötigten deutlich länger, um sich von den Strapazen zu erholen (Vgl. Schlichting, 2013, S. 19-32).

Fazit:
Der Versuch macht deutlich, dass eine Extraportion Glukose das Energieproblem einer stressigen Situation sehr schnell lösen bzw. lindern kann und dass das Gehirn bei einer mangelnden Zufuhr von Glukose zum Plagegeist wird. Doch was bedeutet das für unsere beschleunigte Welt, in der wir jeden Tag vielen Stressoren ausgesetzt sind?

Mir hat es sehr geholfen dieses Thema zu vertiefen, um ein besseres Verständnis davon zu bekommen, was in meinem Körper passiert. Ich bin wieder achtsamer geworden, was meine Phasen von Stress betrifft und gönne mir häufiger eine Yoga-Einheit im Alltag, um meinen Körper die Chance zu geben, wieder in die Balance zu kommen, ohne in die Gummibärchentüte greifen zu müssen.

Literaturverzeichnis:

Schienkiewitz, A. et al. (2017) Übergewicht und Adipositas bei Erwachsenen in Deutschland. Journal of Health Monitoring, S. 21 –28.

Techniker Krankenkasse (TK) (2021), TK-Stressstudie 2021 „Entspann dich, Deutschland!“, abgerufen am 22.02.22, In: https://www.tk.de/resource/blob/2116464/9ff316aaf08870ed54aa8a664502ac67/2021-stressstudie-data.pdf.

Krieger, M. (1921), Über die Atrophie der menschlichen Organe bei Inanition, Zeitschrift für angewandte Anatomie und Konstitutionslehre, S. 87-134.

Muhlau, M. et.al. (2007), Gray matters decrease of the anterior cingulate cortex in anorexia nervosa, Am.J.Psychiatry 164, S. 1850-1857.

Bosy-Westphal A, et. al. (2009), Contribution of individual organ mass loss to weight loss-associated decline in resting energy expenditure, Am J Clin Nutr., S. 993-1001.

Peters, A. et al. (2004) The selfish brain: competition for energy resources, Neuroscience & Biobehavioral Reviews, S. 143–180.

Schlichting, K. (2013), Neuroendokrine Antwort auf Stress und Stress-bezogene Energiesupplementation bei normalgewichtigen jungen Männern, S. 19-32.

Medienquellen:

Abbildung 1: Beitragsbild (Quelle: istockphoto In: https://www.istockphoto.com/de/foto/junge-sch%C3%B6ne-blonde-frau-mit-blauen-augen-halten-rosa-donut-%C3%BCber-isolierten-gm1212513050-352011555)

Abbildung 2: Glukoseversorgung des Gehirns – Quelle: Eigene Darstellung