Ein Tic anders – das Tourette-Syndrom

Jan Zimmerman vergleicht es mit einem Niesen, genauer gesagt mit dem kribbelnden Gefühl kurz vorher in der Nase. Allerdings kribbelt es bei Zimmerman in den Stimmbändern und nicht in der Nase kurz bevor ein beleidigendes Wort oder ein ganzer Satz aus ihm herausplatzt (Leber, 2019). Er leidet unter dem Tourette-Syndrom in Verbindung mit dem Symptom Koprolalie, was ihn immer wieder dazu bringt, obszöne Schimpfwörter zu rufen (Schughart, 2019). Mit seinem YouTube-Kanal „Gewitter im Kopf – Leben mit Tourette“ nimmt Zimmerman die Zuschauer mit in seinen Alltag und schafft es so, ein größeres Bewusstsein für das Tourette-Syndrom, insbesondere bei einem jüngeren Publikum zu schaffen, wobei jedoch eher die Unterhaltung als die Information im Vordergrund steht.

Das Tourette-Syndrom: Symptome und Ätiologie

Das Gilles-de-la-Tourette-Syndrom ist durch die Kombination von multiplen motorischen und mindestens eines phonetischen bzw. vokalen Tics gekennzeichnet (Ludolph, 2012, S.856). Motorische Tics sind rasche, unwillkürliche und wiederholte Bewegungen, während vokale Tics als phonetische Produktionen gelten, die keinem offensichtlichem Zweck dienen und plötzlich einsetzten (Döpfner, 2009, S.648). Das Tourette-Syndrom kann nur dann diagnostiziert werden, wenn die Tics länger als ein Jahr anhalten, wobei die motorischen und die vokalen Tics nicht zwangsläufig gleichzeitig auftreten müssen (Neuner & Ludolph, 2009, S.1378). Sowohl die motorischen als auch die vokalen Tics, werden anhand ihrer Komplexität in einfache und komplexe Tics unterteilt. So können z.B. Augenzwinkern oder Grimassieren als einfache und Hüpfen oder Beißen als komplexe motorische Tics gesehen werden, während einfache vokale Tics z.B. ein Räuspern sein können und bei komplexen Tics ganze Sätze wiederholt oder auch obszöne Wörter geäußert werden (Neuner & Schneider, 2016, S.564-565). Bei den meisten Verläufen treten die motorischen Tics im Alter zwischen drei und acht Jahren auf und einige Jahre später auch die vokalen Tics, wobei die Symptomatik ihren höchsten Schweregrad in der ersten Hälfte der zweiten Lebensdekade, also um das 12.-14. Lebensjahr erreicht, um dann während oder nach der Pubertät stark abzunehmen (Neuner & Ludolph, 2009, S.1378). Allerdings verlieren nicht alle jugendlichen Tourette-Patienten die Symptomatik. Die betroffenen Kinder und Jugendlichen leiden in vielen Fällen zusätzlich auch noch unter weiteren Verhaltensauffälligkeiten wie einer ADHS-Symptomatik mit gesteigerter Impulsivität, Ablenkbarkeit und Hyperaktivität (Ludolph, 2012, S.860). Auch Zwangsstörungen, Angststörungen, Depressionen sowie starke Wutausbrüche sind häufige Begleiterscheinungen des Tourette-Syndroms (vgl. Bloch & Leckman, 2009, S.499-500). Männliche Jugendliche sind dabei bis zu viermal so häufig betroffen wie weibliche Jugendliche, wobei die Prävalenzrate für das Tourette-Syndrom bei ca. 1% liegt (Neuner & Schneider, 2016, S.568). Auch wenn der Vererbungsmodus bei Tourette oder anderen Ticstörungen nicht geklärt ist, so ist bekannt, dass erstgradige Verwandte eines Patienten mit Ticstörungen ein Risiko von 5-15% haben auch zu erkranken (Ludolph, 2012, S.862). Das verantwortliche Gen ist dabei jedoch nicht bekannt, allerdings wird, wie bei anderen neuropsychiatrischen Erkrankungen, von einer multigenetischen Disposition ausgegangen (Ludolph, 2012, S.862). Zudem scheinen auch prä- und perinatale Faktoren einen Einfluss auf die Entstehung des Tourette-Syndroms zu haben, z.B. konnte eine Studie aufzeigen, dass ein positiver Zusammenhang zwischen mütterlichem Nikotinkonsum während der Schwangerschaft und der Entstehung der Krankheit besteht (Neuner & Schneider, 2016, S.564). Des Weiteren kann auch intermittierender Stress während kritischer Phasen der pränatalen Hirnentwicklung zur Genese des Tourette-Syndroms beitragen (Neuner & Ludolph, 2009, S.1380). Ein weiterer Faktor, der mit zur Entstehung des Syndroms beitragen kann, sind immunologische Prozesse, so wird ein Zusammenhang zwischen einer Infektion mit einer bestimmten Streptokokkenart und dem Tourette-Syndrom angenommen (Neuner & Schneider, 2016, S.564).

Therapiemöglichkeiten

Die Therapie des Tourette-Syndrom sollte im Regelfall multimodal durchgeführt werden, wobei die Psychoedukation der Betroffenen und deren Angehörigen eine wichtige Rolle spielt, auch da schreiende und zuckende Tourette-Patienten oft bedrohlich wirken und entsprechende Reaktionen in ihrem Umfeld auslösen (Neuner & Ludolph, 2009, S.1383). Nach den therapeutischen Sofortmaßnahmen, wie der Psychoedukation, können verschiedene verhaltenstherapeutische Psychotherapieverfahren zur Behandlung angewendet werden, wie z.B. das Habit-Reversal-Training. Dabei steht die Schärfung der Wahrnehmung und der Möglichkeit zur Beeinflussung der Tics im Vordergrund und es werden zudem Gegenreaktionen zu den Tics entwickelt (Neuner & Schneider, 2016, S.569). Pharmakologisch wird die Behandlung des Syndroms in verschiedenen Ländern unterschiedlich gehandhabt, wobei das einzige offiziell zur Behandlung zugelassene Medikament Halperidol wegen seiner starken Nebenwirkungen oft nicht verwendet wird (Ludolph, 2012, S.869). In einigen schweren Fällen wird auch das invasive Verfahren der tiefen Hirnstimulation eingesetzt, welches bei einigen Patienten zu einer Reduktion der Tics führen kann (vgl. Marcelino, Mainka, Ganos & Kühn, 2020, S.305).

Hilfsorganisationen

Hilfsorganisationen und Selbsthilfegruppen haben eine wichtige Funktion als Anlaufstellen in Bezug auf Beratung, Auskünfte, Sammlung von neuen Forschungsergebnissen oder Öffentlichkeitsarbeit (Holub, 2014, S.64). Auch können die Betroffenen in Selbsthilfegruppen in Kontakt kommen und sich regelmäßig austauschen. Hierzulande ist die Tourette-Gesellschaft Deutschland e.V. bundesweit vernetzt und setzt sich für die Belange der Betroffenen ein, ebenso wie der Interessen-Verband Tic & Tourette-Syndrom, der sich darum bemüht das Leben der Betroffenen einfacher zu gestalten (Schnell, Weidinger & Musil, 2019, S.581).

Literatur

Bloch, M.H., & Leckman, J.F. (2009). Clinical course of Tourette syndrome. Journal of psychosomatic research, 67(6), S.497-501

Döpfner, M. (2009) Ticstörungen. In: Schneider, S., & Margraf, J. (Hrsg.) Lehrbuch der Verhaltenstherapie. Springer, Berlin, Heidelberg.

Holub, F. (2014). Die „unheimliche Krankheit“ Tourette Syndrom. Die psychosoziale Lage Betroffener einer stigmatisierten Randgruppe. Dissertation. Wien: Universität Wien.

Leber, S. (2019). Leben mit Tourette-Syndrom – Am Flughafen ruft er „Allahu Akbar“. Tagesspiegel Online. Verfügbar unter: https://www.tagesspiegel.de/themen/reportage/leben-mit-tourette-syndrom-am-flughafen-ruft-er-allahu-akbar/24497982.html Zugriff am 27.11.2020

Ludolph, A. (2012) Ticstörungen und Tourette-Syndrom. In: Fegert, J.M., Eggers, C., & Resch. F. (Hrsg.) Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters. Springer, Berlin, Heidelberg.

Marcelino, A.L., Mainka, T., Ganos, C., & Kühn, A.A. (2020). Tiefe Hirnstimulation als Therapieoption für das Tourette-Syndrom. Nervenheilkunde, 39(5), S.305-313.

Neuner, I., & Ludolph, A. (2009). Tic-Störungen und Tourette-Syndrom in der Lebensspanne. Der Nervenarzt, 80(11), S.1377-1388.

Neuner, I., & Schneider, F. (2016) Ticstörungen und Tourette-Syndrom. In: Schneider, F. (Hrsg.) Klinikmanual Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Springer, Berlin, Heidelberg.

Schnell, J.M., Weidinger, E., & Musil, R. (2019). Patienten mit Tic-Störungen: weit bekannt, doch unterversorgt. Fortschritte der Neurologie Psychiatrie, 87(10), S.577-589.

Schughart, A. (2019). „Gewitter im Kopf“: Ein Youtube-Kanal rund um das Tourette-Syndrom. Wolfsburger Allgemeine Zeitung Online. Verfügbar unter: https://www.waz-online.de/Nachrichten/Digital/Gewitter-im-Kopf-Ein-Youtube-Kanal-rund-um-das-Tourette-Syndrom Zugriff am 27.11.2020

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