Dissoziative Störungen – ab welchem Zeitpunkt wird es „unnormal“?

Ab wann ist ein gewisses Verhalten krankhaft? Ab welchem Zeitpunkt spricht man von einer Störung? Diese Fragen sind oftmals nicht einfach zu beantworten. Die Grenze zwischen „normal“ und „unnormal“, kann nicht immer eindeutig definiert werden. Um eine klarere Vorstellung zu erhalten, ab wann man von einer dissoziativen Störung spricht und welche Auswirkungen diese für einen Menschen hat, soll dieser Beitrag daher einen Überblick über die wichtigsten Arten geben, die Symptome erläutern und kurz die Therapiemöglichkeiten erwähnen.

Dissoziative Störungen – Was ist das im Allgemeinen?

Grundsätzlich werden dissoziative Störungen durch einen erheblichen Verlust der psychischen Integration im Bereich des Erlebens und Handelns definiert. Dabei wird meistens die eigene Bewusstheit, das Gedächtnis, die Umweltwahrnehmung oder das Identitätserleben kurzzeitig unterbrochen. In extremen Fällen kann der Verlust des Bewusstseins längere Zeit andauern. Die betroffene Person wird durch den Verlust der integrativen Funktionen erheblich eingeschränkt. Dieser stört, verändert oder verhindert sogar die Erfahrung der Ganzheitlichkeit der Person. Prozesse, die davon betroffen sein können, sind beispielsweise die Erinnerung an die Vergangenheit oder das Erleben von Kontrolle über Körperempfindungen und -bewegungen. Die Prozesse können sowohl kurzfristig und plötzlich auftreten, als auch allmählich und schleichend beeinträchtigen. Außerdem ist es möglich, dass die Störungen die Person nur vorübergehend befallen, allerdings aber auch chronischer Natur sein können.[1]

Im Folgenden werden die vier wichtigsten Arten von dissoziativen Störungen näher erläutert.

Dissoziative Amnesie

Diagnose. Die Person ist nach traumatischen Erfahrungen unfähig, sich an wichtige persönliche Informationen oder Lebensereignisse zu erinnern.[2]

Details. Im Normalfall betrifft der Gedächtnisverlust alle Ereignisse, die innerhalb eines begrenzten Zeitraums nach einer traumatischen Erfahrung erlebt wurden. Die Störung weist ein umfassendes Ausmaß auf, wodurch die Symptome nicht mehr durch gewöhnliche Vergesslichkeit zu erklären sind. Neben der dissoziativen Amnesie existiert die selektive Amnesie, bei der lediglich einige Ereignisse innerhalb einer belastenden Zeit entfallen. Außerdem anzuführen ist die vollständige Amnesie als seltenste Form. Diese erstreckt sich auf das ganze Leben. Außerdem erkennt die Person weder Verwandte noch Freunde, kann allerdings lesen, sprechen und vernünftig denken. Auch Talente und erworbenes Wissen bleibt erhalten. Während einer Amnesie verhält sich der Betroffene im Allgemeinen unauffällig. Es ist aber durchaus möglich, dass Desorientiertheit und zielloses Umherirren als Folge des Gedächtnisverlustes eintritt. Eine amnestische Episode kann sowohl nur einige Stunden, als auch viele Jahre andauern. Der kurzfristige Eintritt und auch das plötzliche Verschwinden der Amnesie ist sehr charakteristisch. Im Normalfall werden die Gedächtnislücken vollständig wiederhergestellt.[3]

Dissoziative Fugue

Diagnose. Die Person verlässt plötzlich und unerwartet das Zuhause oder den Arbeitsplatz und ist unfähig, sich an die Vergangenheit zu erinnern. Außerdem stellt sich Verwirrung, bezogen auf die eigene Identität, ein oder die Person nimmt sogar eine völlig neue Identität an.

Details. Der Betroffene wählt gelegentlich einen neuen Namen, einen neuen Wohnort oder Arbeitsplatz und nimmt teilweise sogar neue Persönlichkeitszüge an. Es ist durchaus möglich, dass es der Person sogar gelingt, ein neues, komplexes, gesellschaftliches Leben aufzubauen, was allerdings meist nur von kürzerer Dauer ist. Oftmals ist die Folge dieser Störung ein begrenztes, nach außen hin zielbewusstes Umherreisen. Während dieser Zeit fehlen soziale Kontakte gänzlich oder sind auf ein Minimum beschränkt. Eine Fugue tritt häufig nach schweren Belastungen ein, beispielsweise nach einer Ehestreitigkeit, einer persönlichen Zurückweisung oder beruflichen Schwierigkeiten. Die Zeitspanne zur Wiederherstellung variiert, allerdings ist diese gewöhnlich vollständig. An die Erfahrungen und Ereignisse während der Flucht kann sich der Betroffene im Normalzustand allerdings nicht mehr erinnern.[4]

Depersonalisationsstörung

Diagnose. Die Person fühlt sich ständig oder wiederholt losgelöst von den eigenen geistigen Prozessen. Sie hat das Gefühl, sich außerhalb des eigenen Körpers zu befinden. Die Realitätskontrolle bleibt dabei allerdings erhalten.[5]

Details. Teilweise stellt sich beim Betroffenen das Gefühl ein, eine Maschine zu sein. Die eigene Person und auch die Mitmenschen werden wie Roboter wahrgenommen. Auch die Überzeugtheit, sich in einem Traum zu befinden, charakterisiert diese Art der dissoziativen Störungen. Die Welt ist unwirklich geworden. Diese Störung beginnt meist im Jugendalter und verläuft dann chronisch. Oftmals führt ein Trauma in der Kindheit zur Depersonalisationsstörung.[6]

Dissoziative Identitätsstörung

Diagnose. Die Person weist zwei oder mehrere unterschiedliche Identitäten auf. Die verschiedenen Persönlichkeitszustände übernehmen wiederholt die Verhaltenskontrolle der Person. Zudem kann sich der Betroffene nicht an wichtige persönliche Informationen erinnern.[7]

Details. Diese Störung ist auch als „Multiple Persönlichkeit“ bekannt. Innerhalb eines Individuums existieren mehrere Persönlichkeiten. Im Normalfall gibt es eine Hauptpersönlichkeit, von der auch der Impuls ausgeht, sich in Behandlung zu begeben. Erinnerungslücken zählen zu den typischen Symptomen der Störung, da mindestens eine Persönlichkeit keinen Zugang zu den anderen Identitäten hat. Die Krankheit verläuft chronisch und beeinträchtigt das Leben sehr stark. Jede Persönlichkeit ist in der Tat eine komplexe Ganzheit mit eigenen Verhaltensweisen, Erinnerungen und Beziehungen. Oftmals sind die Identitäten das genaue Gegenteil zueinander. Der Beginn der Störung ist immer im Kindesalter, wobei die Diagnose selten vor dem Erwachsenenalter gezogen wird. Die Heilung ist oftmals weniger vollständig als bei den anderen vorgestellten Arten.[8]

Therapie von dissoziativen Störungen

Da ein Trauma in den meisten Fällen die Ursache für die dissoziative Störung darstellt, hat der Aufbau von Sicherheit für den Patienten in der ersten Therapiephase höchste Priorität. Der Betroffene muss also zu Beginn emotional, psychisch und physisch stabilisiert werden. Grundsätzlich werden diverse Verfahren zur Therapie von möglichen Traumata eingesetzt. Unter anderem können hier therapeutische Gespräche, Hypnose oder Konfrontation angeführt werden. Diese Formen haben zum Ziel, die abgespaltenen Erfahrungen wieder zu integrieren. Dem Patienten sollen so die Ängste vor traumatischen Erfahrungen genommen werden und das Abwehr- und Vermeidungsverhalten wird minimiert, indem der Betroffene alternative Bewältigungsstrategien erlernt.[9]

 

 

Fußnoten

[1] Vgl. Fiedler (2008), S.2

[2] Vgl. Fiedler (2008), S.3

[3] Vgl. Davison/Neale/Hautzinger (2007), S.218

[4] Vgl. Davison/Neale/Hautzinger (2007), S.218

[5] Vgl. Fiedler (2008), S.3

[6] Vgl. Davison/Neale/Hautzinger (2007), S.219

[7] Vgl. Fiedler (2008), S.3

[8] Vgl. Davison / Neale / Hautzinger (2007), S.219f.

[9] Vgl. Sonnenmoser (21.06.2017), www.aerzteblatt.de

 

Literatur- und Quellenverzeichnis

Davison, G.C., Neale, J.M. & Hautzinger, M. (2007), Klinische Psychologie, 7. Aufl., Weinheim.

Fiedler, P. (2008), Dissoziative Störungen und Konversion, 3. Aufl., Weinheim.

Sonnenmoser, M. (2004): Dissoziative Störungen: Häufig fehlgedeutet, URL: https://www.aerzteblatt.de/archiv/43054/Dissoziative-Stoerungen-Hauefig-fehlg edeutet (21.06.2017).

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