Die Komfortzone – der Käfig der Persönlichkeit

“Life begins at the end of your comfortzone”.[1] In einer Zeit, in der alles im Wandel zu sein scheint, werden Flexibilität und Anpassungsfähigkeit als must-have Attribute proklamiert[2]. Im Informationszeitalter, maßgeblich beeinflusst und beschleunigt durch Digitalisierung und Automatisierung, steigen Chancen und Risiken in einem nie da gewesenen Ausmaß. Jobs verändern sich oder fallen ganz weg[3], Unternehmen wechseln den Standort und das Internet verschafft viele neue Möglichkeiten. Studium und alternative Weiterbildungsmöglichkeiten werden zunehmend flexibel und ortsunabhängig. Warum fällt es den meisten Menschen so schwer, Ihr Glück selbst in die Hand zu nehmen? Nie zuvor war es leichter, Chancen wahrzunehmen und den Lebensweg nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten. Die unsichtbaren Gitterstäbe der Selbstlimitierung schützen vor dem großen Unbekannten.

 

Was ist die sog. Komfortzone?

Die Komfortzone kann man sich als den begrenzten Kontrollbereich eines jeden Individuums vorstellen. In diesem Bereich werden alle Erfahrungen und Fähigkeiten gesammelt, die eine Mensch in seinem Leben gemacht und erworben hat. Es handelt sich um einen intersubjektiven Wahrnehmungsbereich, in dem sich die Person wohl fühlt, akute Ängste nicht vorherrschen und die Alltagsroutinen vorbestimmend sind. Das Modell der Komfortzone betrifft jeden Lebensbereich. Das zentrale Merkmal der persönlichen Komfortzone ist, dass sie wachsen, unter bestimmten Umständen aber auch kleiner werden kann. Probleme, denen Menschen in ihrem ganzen Leben unweigerlich ausgesetzt werden, liegen in der Regel außerhalb der Komfortzone.

 

Abb. 2: Die Komfortzone (Quelle: Eigene Darstellung).

 

Beispiele

Im beruflichen Kontext kann die Komfortzone der aktuelle Beruf im Allgemeinen sein. Vielen Menschen ist ihr aktueller Beruf nach einiger Zeit langweilig geworden. Die meisten von ihnen sehnen sich nach Veränderung, da sie in ihrem aktuellen Berufsumfeld und in der Tätigkeit keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr sehen. Auf der anderen Seite bringt die Routine Sicherheit, die sie nicht aufgeben möchten. Die Zwickmühle zwischen Motivation für neue Möglichkeiten und der gefühlten Handlungsunfähigkeit führt bei vielen zu der ernüchternden Erkenntnis, dass der Spatz in der Hand besser ist als die Taube auf dem Dach. Die Komfortzone ist in diesem Kontext demnach die Berufsroutine: Das Büro mit großem Fenster, die Kollegen mit denen man sich versteht und allem voran Aufgaben, die man beherrscht und die den eigenen Kontrollbereich nicht zu weit strapazieren.

Auch Urlaubsortwiederholer sind häufig Komfortzonenliebhaber. Im Kontext Urlaub und Erholung finden sich viele Leute in folgender Situation: Das Hotel in den Bergen, welches jedes Jahr für den ersehnten Urlaub gebucht wird. Nettes Personal, tolle Zimmer und eine Umgebung voller Entspannungsmöglichkeiten laden ein – sich(er) jährlich zu wiederholen.

Die gleichen Leute mit denen man etwas unternimmt, die gleichen Lokale die man besucht, das gleiche Essen, das bestellt wird. Unabhängig davon, wie klein die scheinbare Wahl ausfällt, für viele Menschen ist das Gewohnte die einzige Option.

 

Woher kommt die Komfortzone?

Aus wissenschaftlicher Perspektive betrachtet ist dieses Verhalten nur all zu menschlich. Das Gehirn ist darauf ausgerichtet Stress und Unsicherheit zu vermeiden und keine Energie zu verschwenden[4]. Ein menschliches Gehirn im Autopilot nimmt bekannte Wege, ergreift Lösungen die positiv erfahren wurden. Auf der einen Seite ist das Balance-System im Limbischen System des menschlichen Gehirns für den Drang nach Erhaltung und Harmonie verantwortlich. Das limbische System steuert unsere Emotionen. Innerhalb dieses Systems gibt es die drei Subsysteme: Dominanz, Stimulanz und Balance. Das Balance-System sorgt dafür, dass der Mensch Sicherheit und Geborgenheit sucht, während Angst und Stress vermieden werden[5]. Auf der anderen Seite ist die Vermeidung von negativen Gefühlen bei Risiken eine erlernte Konditionierung. Wenn Menschen durch ein Umfeld geprägt werden, welches Risiko eher abneigend gegenüber steht, ist Sicherheit im Wertesystem hoch positiv bewertet. Die Eroberung von neuen Gebieten, die Erweiterung des eigenen Kontrollbereichs und das Erlernen neuer Fähigkeiten waren in der Regel nach dem Abschluss der Schule nicht notwendig, um das eigene Leben zu erhalten. Der Mensch bleibt stehen, er wächst nicht mehr.

 

Wo liegt überhaupt das Problem?

An dieser Stelle kann man durchaus die Frage stellen, wo überhaupt ein Problem liegt. Wenn die Komfortzone so komfortabel ist und Sicherheit bietet, ist doch alles gut – oder nicht?

Wenn sie überlegen und reflektieren, in welchen Momenten sie wirklich glücklich waren, denken die meisten Menschen unweigerlich an Augenblicke und Erlebnisse, bei denen sie Ihre Komfortzone verlassen haben. Besondere Momente im Leben sind häufig dadurch geprägt, dass ein Mensch von Routinen abweicht und etwas Besonderes tut. Dabei muss beachtet werden, dass die Handlung nur für die Person selbst besonders und außergewöhnlich sein muss; es handelt sich um eine subjektive Erfahrung. Das erste Problem an der Komfortzone ist also: Wer nie seine Komfortzone verlässt, verpasst die besonderen Momente des Lebens.

Ein weiteres Problem liegt in der Verwirklichung der subjektiven Lebenspläne und Träume. Bei vielen Menschen weicht die Person, die sie gerne wären, von der Person ab, die sie sind. Um sich weiter zu entwickeln ist es unabdingbar neue Wege zu gehen, unter Umständen schwere Wege, die Herausforderungen mit sich bringen und ein Risiko, das unterschiedlich hoch sein kann[6]. Der schwierigste Part kann darin begründet sein, erst einmal zu erkennen, dass man durch seine Komfortzone von Vorhaben und Plänen abgehalten wird und sich selbst im Zaum hält.

 

Kritik und Möglichkeiten am Prinzip der Komfortzone

Das Modell der Komfortzone stellt dar, dass sowohl Ängste und das Unbekannte, als auch das Glück außerhalb der Komfortzone liegen. Wer seinen Einflussbereich vergrößern möchte, muss neues ausprobieren und Herausforderungen annehmen. Je häufiger und intensiver Personen neue Dinge versuchen, desto größer wird der Bereich an Aktivitäten in denen sie sich wohl und angstfrei bewegen können. Auch Verstärkungseffekte sind die Folge: Mut für neues kann trainiert werden und führt bei positiven Ergebnissen zu noch mehr Mut und Zuversicht, größere und schwierigere Dinge auszuprobieren (Verstärkungseffekte).

Kritisch kann man argumentieren, dass sich der Sprung aus der Gewohnheit leichter anhört, als er wirklich ist. Außerdem hat Risiko auch eine natürliche Wahrscheinlichkeit tatsächlich einzutreten. Diese Einwände haben ihre Berechtigung und jeder sollte kritisch prüfen, was für ihn möglich und wünschenswert ist. Das Ziel hinter dem Prinzip ist zu erkennen, an welcher Stelle man neue Entwicklungsmöglichkeiten nicht ergreift, weil das sichere Umfeld und das Bekannte zu bequem geworden sind.

 

Quellenverzeichnis

[1] Lewis, J.: 2016, Buchtitel.

[2] Vgl. Karrierebibel, (01.06.2017), https://www.karrierebibel.de.

[3] Vgl. Statista, (04.06.2017). https://de.statista.com.

[4] Ahlfeld, B.: 2015, S. 25.

[5] Häusel, H.-G.: 2015, S. 13f.

[6] Ahlfeld, B.: 2015, S. 31ff.

 

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Titelbild Komfortzone (Quelle:https://pixabay.com/de/fallschirm-fallschirmspringen-658397/)

Abb. 2: Die Komfortzone (Quelle: Eigene Darstellung)

 

Literaturverzeichnis

Ahlfeld, B.: Überwinde die Angst du selbst zu sein. 1. Auflage. Books on Demand. Wien 2015

Häusel, H.-G.: Think Limbic! 5. Auflage. Haufe. Freiburg 2014

Lewis, J.: Life begins at the end of your comfort zone. 1. Auflage. Rock Point. New York 2016

 

Internetquellen

karrierebibel.de: Anpassungsfähigkeit: Wie flexibel sind Sie?

URL: http://karrierebibel.de/flexibilitat-flexibel-test (01.06.2017)

statista.com: So viele Jobs könnte die Automatisierung kosten.

URL: https://de.statista.com/infografik/8751/durch-automatisierung-gefaehrdete-arbeitsplaetze (04.06.2017)

pixabay.com: freie Bilder

URL:

https://pixabay.com/de/fallschirm-fallschirmspringen-658397/