Diagnose Krebs und Partnerschaft

Mit der Diagnose einer Krebserkrankung verändert sich nicht nur das Leben der Betroffenen schlagartig. Auch für die Familie und besonders den Partner löst diese existenzielle Bedrohung Gefühle wie Angst, Trauer und Ohnmacht sowie eine große Unsicherheit aus, wie die Zukunft aussehen wird. Trotz der medizinischen Fortschritte und Behandlungsmöglichkeiten ist die Diagnose Krebs für viele Menschen immer noch verbunden mit Schmerzen, Siechtum, Pflegebedürftigkeit und Tod.[1] Bei meiner täglichen Arbeit in einer onkologischen Tagesklinik erlebe ich immer wieder, wie wichtig die Einbindung der Patienten/innen in ein gut funktionierendes soziales Umfeld und besonders die Unterstützung durch den Ehepartner ist und welche Probleme dabei auftreten können.

Soziale Unterstützung

Soziale Unterstützung stellt eine bedeutende Ressource für die Bewältigung belastender Situationen dar.[2] Bei der Differenzierung der sozialen Unterstützung wird oft auf die Klassifizierung von House (1981) zurückgegriffen, bei der unterschieden wird in instrumentelle Unterstützung (konkrete Hilfeleistungen wie finanzielle Unterstützung oder Erledigung von alltäglichen Aufgaben), informationelle Unterstützung (hilfreiche Informationen, Ratschläge) und emotionale Unterstützung (Empathie, Trost oder Zuspruch).[3] Zahlreiche Untersuchungen haben gezeigt, dass Personen mit gelingender partnerschaftlicher Unterstützung die krankheitsbedingten Belastungen besser kompensieren können und bessere Heilungschancen entwickeln, aber auch, dass der Partner selbst durch die Krebserkrankung und die dadurch entstehenden Veränderungen, einer hohen Belastung ausgesetzt ist.[4]

Psychische Belastungen der Betroffenen

Die psychischen Belastungen, die mit der Diagnose Krebs einhergehen beziehen sich nicht nur auf die Prognose, die therapeutischen Möglichkeiten oder Heilungschancen der Erkrankung, sondern auch auf die veränderten Lebensumstände. Betroffene haben beispielsweise Ängste und Sorgen, ob eine körperliche Veränderung stattfinden wird, ob sie dann noch attraktiv oder liebenswert sein werden, ob sie auf Hilfe angewiesen sein werden oder ob und wie der Partner mit der veränderten Situation umgehen wird.[5] Viele dieser Faktoren sind natürlich davon abhängig in welchem Stadium sich die Krebserkrankung befindet, aber auch wie das partnerschaftliche Verhältnis vor der Diagnosestellung war. Die körperlichen Veränderungen, die als Folge der Therapie auftreten können, sind ebenfalls für viele der Betroffenen sehr belastend. Der Verlust einer Brust bei Mammakarzinom, Impotenz und Inkontinenz nach einer Prostataoperation oder ein Stoma nach einer Darmoperation können das Empfinden auslösen, nicht mehr attraktiv oder begehrenswert zu sein und sich auf das Zulassen von Nähe oder sexueller Intimität auswirken.[6]

Krankheitsbezogene Belastungen der Partner

Für den Partner der Betroffenen bedeutet die Diagnose neben der emotionalen Belastung, dass ein geliebter Mensch schwer erkrankt ist, auch eine gravierende Veränderung des Lebens. Die Lebensplanung weicht der Unsicherheit, welchen Verlauf die Erkrankung nimmt und die tägliche Routine aber auch die Lebensqualität können sich verändern, vor allem in den Therapiephasen. Es bestehen Erwartungen seitens des Krebspatienten, des sozialen Umfeldes sowie des Behandlungssystems, denen der Partner gerecht werden muss. Die Aufgabenzuweisung innerhalb der Familie können sich stark verändern und der gesunde Partner muss seine Interessen und Bedürfnisse oftmals zurückstellen, da sie Belange des erkrankten Partners im Vordergrund stehen. Zudem kann die Situation berufliche oder finanzielle Probleme mit sich bringen.[7] Der starke Wunsch zur Gesundung und zum Wohlbefinden des erkrankten Partners beizutragen steht oft im Konflikt mit der erlebten Hilflosigkeit und Ohnmacht.[8] Wissenschaftliche Untersuchungen zeigten, dass Angehörige durch eine Krebserkrankung einer gleich hohen Belastung ausgesetzt zu sein scheinen, wie die Betroffenen selbst.[9]

Dyadisches Coping

Neben der sozialen Unterstützung ist das dyadische Coping eine Möglichkeit Einfluss auf die Belastungen für den Erkrankten und den Partner zu nehmen, indem verbale und nonverbale Stresssignale des einen durch Reaktionen des anderen beantwortet werden.[10] So können zum einen der wahrgenommene Stress des anderen reduziert als auch paarbezogener Stress bewältigt werden.[11] Eine gemeinsame Bewältigung kann erschwert werden, wenn schon vor Ausbruch der Krankheit partnerschaftliche Konflikte oder eine stringente Rollenverteilung bestanden hat. Auch ein wechselseitiges „Schonklima“ kann dazu führen, dass viele Dinge nicht angesprochen werden und deshalb falsch eingeschätzt werden. So kann eine offene Kommunikation wesentlich zur gemeinsamen Bewältigung von Belastungen beitragen. Weitere Bewältigungsressourcen können die Bereitschaft die eigenen Belange zurückzustellen und die Akzeptanz von neuen Rollenverteilungen sowie die Erfahrung gemeinsam bewältigter Krisen darstellen.[12]

Fazit

Eine Krebserkrankung birgt neben der existenziellen Bedrohung eine Vielzahl von Belastungen für den Betroffenen, aber auch für seinen Partner. Wie mit diesen Belastungen umgegangen wird, kann Auswirkungen auf die Krankheitsverarbeitung und den  Krankheits-verlauf haben. Kohäsion, Stabilität, aber auch Anpassungsfähigkeit sind neben der Fähigkeit zur offenen Kommunikation wichtige unterstützende Faktoren. Die erlebte Erfahrung von Zugehörigkeit, Zuneigung und Zuverlässigkeit kann sogar als Gewinn für die partnerschaftliche Beziehung wahrgenommen werden.[13] Um diesen Prozess zu stärken können Hilfsangebote, wie beispielsweise eine psychoonkologische Beratung, sowohl für die Betroffenen als auch für ihre Partner hilfreich sein, um mehr Verständnis für die Situation und Problematik des anderen oder eine bessere Kommunikation zu erreichen, damit wertvolle Ressourcen in dieser schwierigen Lebensphase genutzt werden können. 


[1] Vgl. Zettl (2011), S. 1.

[2] Vgl. Niemann (2019), S. 53.

[3] Vgl. House (1983), Zitiert nach Niemann (2019) S. 58.

[4] Vgl. Zettl (2011), S. 1.

[5] Vgl. Rexrodt von Fircks (2017), S. 148.

[6] Vgl. Brechtel (2012), S. 111-112.

[7] Vgl. Ernst/Weißflog (2017), S. 144.

[8] Rexrodt von Fircks (2017).

[9] Vgl. Zettl (2011), S. 1.

[10] Dorsch Lexikon der Psychologie.

[11] Vgl. Ernst/Weißflog (2017), S.146.

[12] Vgl. Zettl (2011), S. 2.

[13] Vgl. Zettl (2011), S. 3.


Literaturverzeichnis

Brechtel, A. (2012), Veränderung von Partnerschaft und Sexualität nach Krebstherapie, Forum, 27. Jg., Nr. 2, S. 110–114.

Dorsch Lexikon der Psychologie, Coping, dyadisches Coping, dyadisches, in: https://​dorsch.hogrefe.com​/​stichwort/​coping-dyadisches, abgerufen am 9. 4. 2022.

Ernst, J./Weißflog, G. (2017), Partnerschaft und Krebs, Forum, 32. Jg., Nr. 2, S. 144–147.

House, J. S. (1983), Work stress and social support, 2. Aufl., Reading, Mass.

Niemann, D. (Hrsg.) (2019), Die Rolle des Partners und der Partnerin bei der Bewältigung arbeitsbedingter Belastungen, Wiesbaden.

Rexrodt von Fircks, A. (2017), Krebs und Partnerschaft, Forum, 32. Jg., Nr. 2, S. 148–151.

Zettl, S. (2011), Krebs und Partnerschaft, Forum, S. 1–4.

Beitragsbild von Sophia Shultz. Zugegriffen am 01.04.2022. https://pixabay.com/de/photos/älteres-ehepaar-großvater-oma-6299327/