Diagnose ADHS! Wie weiter?

Im vorherigen Blog wurde Paul vorgestellt. Für ihn wurde im Frühjahr die Störung ADHS diagnostiziert. Für die Einleitung in das Thema wird empfohlen den Blog „Diagnose ADHS…“ zu lesen.

Die Diagnose ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) ist nun knapp drei Monate her und ein langer Leidensweg liegt hinter der Familie.

Da der erste Schreck nun verdaut ist und der Informationsprozess in Gang gesetzt wurde, kann die positive Seite des Ganzen ebenfalls betrachtet werden. Pauls Eltern haben endlich eine Erklärung für das Verhalten ihres Sohnes und die ständigen Zerreissproben im Alltag. Paul kann nichts dafür und macht es nicht mit Absicht. Denn ADHS ist in seinem Fall eine angeborene Verhaltensstörung, da auslösende Umweltstressoren wie z.B. eine schwere Kopfverletzung, Sauerstoffmangel bei der Geburt oder schwerwiegende Infektionen im Kleinkindalter ausgeschlossen werden können (Vgl. Hallowell/Ratey, 2022, Kapitel 1, Absatz 4).

Nichtsdestotrotz leidet das Familienleben unter den Symptomen der ADHS Störung und Paul ist traurig über fehlende soziale Interaktionen und dem ständigen Anecken. Es soll ein Weg gefunden werden, bei dem es Paul und seinem Umfeld ermöglicht wird, einen angemessenen Umgang mit der ADHS Störung zu erlernen, um die funktionellen und emotionellen Einschränkungen für Paul zu reduzieren und einen gut funktionierenden Alltag zu erreichen. Hierbei stehen verschiedene kognitiv-verhaltenstherapeutische Behandlungsansätze, sowie der Einsatz von Psychopharmaka zur Verfügung (Vgl. Lauth/Minsel, 2009, S. 64).

Die Behandlungsmöglichkeit einer ADHS Störung sind sehr vielfältig und beinhalten Verhaltenstherapie, Psychotherapie, Homöopathie, tierbegleitende Therapie, die Medikation und weitere Möglichkeiten wie z.B. Kinesiologie, Cranio-Therapie und Neuro Feedback (Vgl. Spitzer, 2014, S. 72-72). Aufgrund der eingeschränkten Möglichkeiten, wird sich dieser Blog auf die effektive Auswahl von Pauls Eltern beschränken.

Im Rahmen des Informationsprozesses bezüglich der verschiedenen Therapiemöglichkeiten für Paul, wurde Pauls Eltern bewusst, dass sie bereits erste Schritte in die richtige Richtung gemacht haben. Paul hat nämlich bereits seit zwei Jahren eine heilpädagogische Reittherapie mit dem Pony Maya, was ohne Diagnosewissen der Eltern bereits korrekt in die Wege geleitet wurde. Denn eine tierbegleitende Therapie mit Hunden oder Pferden ermöglicht es Kindern, unabhängig von der jeweiligen Diagnose, durch das Tier angenommen zu werden, denn ein Pferd unterscheidet nicht zwischen Kindern mit oder ohne Störung. Maya nimmt Paul so wie er ist, spürt genau, ob es ihm gut geht, reagiert feinfühlig auf Emotionen und verzeiht viele kleine, ungewollte Fehler. Dadurch entwickeln Kinder in Verbindung mit den geschulten Tieren ein besseres Selbstwertgefühl und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten (Vgl. Taubert, 2009, S. 143).
Gemäss einer Studie aus dem Jahr 2005 konnten die Hälfte der 30 untersuchten Kinder mit der Diagnose ADHS nach der Absolvierung der 15-wöchigen Therapie unter dem Einsatz von Therapiepferden ein ruhigeres Verhalten und einer bessere Ausdauerleistung vorweisen. Riedel führte hierbei Vor- und Nachtests durch und führte Messungen von Dopamin, Noradrenalin und Adrenalin durch (Vgl. Riedel, 2005).

Als weitere Unterstützungsmassnahme wählen die Eltern von Paul die Ergotherapie. Hierbei wird Paul in Einzelsitzungen spielerisch beigebracht, das Aufgaben geplant, durchgeführt und beendet werden. Eine Fokussierung auf jeweils eine einzelne Aufgabe findet statt und gemeinsam mit der Ergotherapeutin lernt Paul sich nicht ablenken zu lassen, sich zu konzentrieren und vor allem Arbeiten zu beenden. Die Tätigkeiten basieren auf klar definierte Ziele zwischen den Eltern und dem Ergotherapeuten und orientieren sich an der Psychomotorik, bei welcher das Kind nicht zum Tun erzogen wird, sondern an die Hand genommen wird, um gemeinsam Dinge zu tun und daraus zu lernen (Vgl. Schmid, 2012, S. 81).

Im weiteren Schritt haben sich Pauls Eltern als Resultat eines langen Abwägungsprozesses, für eine medikamentöse Therapie entschieden. Die Entscheidung basiert auf der Grundlage, dass:

• eine ADHS-Diagnose vorliegt,
• ein hoher Leidensdruck im sozialen und familiären Umfeld vorliegt,
• Begleitstörungen wie z.B. Depressionen verhindert werden sollen,
• eine Verbesserung der Lebensqualität erzielt werden kann und
• die medikamentöse Behandlung transparent erklärt wurde (Vgl. Kohns, 2020, S. 5-6)

Die Entscheidung für oder gegen eine medikamentöse Behandlung wird in der Gesellschaft sehr kontrovers diskutiert und die Autorin möchte den Einsatz nicht schönreden oder gar eine Empfehlung abgeben. Für Pauls Eltern war die Entscheidung richtig und sie spürten bereits nach einer entsprechenden Einstellungsphase den positiven Effekt. Paul war zugänglicher für Anweisungen im Alltag, er konnte auf andere Menschen besser eingehen und stand nicht den ganzen Tag unter Strom. Auch die Lehrpersonen berichteten von einer sauberen Handschrift, einer besseren Konzentration und einem zugänglicheren Wesen. Aber vor allem bemerkte Paul, das ihm vieles gelingen wollte, was vorher schwierig bis unmöglich war und das war es, was seine Eltern letztlich überzeugte den richtigen Weg zu gehen.

Literaturverzeichnis

Hallowell, E. M./Ratey, J. (2022), ADHS ist kein Makel: Hilfreiche Strategien für Kinder und Erwachsene, 1. Aufl., Hamburg.


Kahl, G. W./Minsel, W.-R. (2009), ADHS bei Erwachsenen: Diagnostik und Behandlung von Aufmerksamkeit-/Hyperaktivitätsstörungen, 1. Aufl., Göttingen.


Kohns, U., (2020), Gründe für die Behandlung der ADHS mit Arzneimitteln, ADHS Deutschland e. V., In: http://www.adhs-deutschland.de/Portaldata /1/Resources /pdf/4_5_neue_akzente/2020/Gruende-fuer-die-Behandlung-der-ADHS-mit-Arzneimitteln_DrUlrichKohns.pdf, abgerufen am 09. August 2022.


Schmid, G. (2012), Case Management: nicht-medikamentöse Therapie In: Kahl, K. G. et. al. Praxishandbuch ADHS, Diagnostik und Therapie für alle Altersstufen, 2. Aufl., Stuttgart.


Spitzer, G. (2014), ADS und ADHS, Strategien für einen entspannten Alltag, 1 Aufl., München.

Medienquelle:

Abbildung 1: Beitragbild – Quelle: https://www.istockphoto.com/de/foto/l%C3%A4chelnd-h%C3%A4lt-bilder-w%C3%A4hrend-der-begegnung-mit-jungen-patienten-mit-autismus-ratgeber-gm1056286816-282279298