Das Empty-Nest-Syndrom

Was genau ist das Empty-Nest-Syndrom?

Plötzlich ist es so weit: das letzte eigene Kind zieht von Zuhause aus. Viele Eltern reagieren auf diese Veränderung mit gemischten Gefühlen, und einige haben große Schwierigkeiten, mit der neuen Lebenssituation umzugehen, was als sogenanntes „Empty-Nest-Syndrom“ (ENS) bekannt ist. Der Begriff „Empty Nest“ bedeutet übersetzt „leeres Nest“ und beschreibt eine Lebenssituation, die eintritt, sobald das letzte Kind das Elternhaus verlassen hat und vollständig ausgezogen ist. Reagieren Eltern auf diese Lebensveränderung mit depressiven Symptomen und entwickeln dabei Gefühle von Verlust, Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit, wird das als „Empty-Nest-Syndrom“ bezeichnet (Harkness, 2008, S. 318; Oliver, 1977, S. 87).

Ursachen und Einflussfaktoren

Es wurde bisher häufig Infrage gestellt, ob es das Empty-Nest-Syndrom wirklich gibt. Auch die möglichen Ursachen und Entstehungsbedingungen wurden vielfach erforscht und diskutiert. Insgesamt sind die empirischen Belege gemischt und nicht abschließend bestätigt (Adelmann, Antonucci, Crohan & Coleman, 1989, S. 174). In den 1960er und 1970er Jahren, in denen das Empty-Nest-Syndrom erstmals seinen Namen bekam, wurde angenommen, dass der Verlust der Mutterrolle durch den Auszug der Kinder der Auslöser für die Depressionen und Gefühle der Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit sei. Die Mutterrolle wurde als die zentrale Lebensaufgabe angesehen, mit der sich Frauen selbst identifizierten und definierten, und mit derer sie auch ihre Selbstachtung aufrechterhielten. Durch den Auszug der Kinder würden Mütter ihre Lebensaufgabe sowie auch die soziale Rolle verlieren, durch die sie ihre Identität zuvor aufbauten, was zu einer Identitätskrise und zu Depressionen führe (Adelmann et al., 1989, S. 174; Oliver, 1977, S. 88; Perrig-Chiello, 2014, S. 1–2). Das ENS wurde lange Zeit speziell dem weiblichen Geschlecht zugeordnet, was unter anderem der damaligen Sozialisation der Frau zuzuschreiben ist, da in dieser Zeit die Familie und das Großziehen der Kinder als Hauptaufgabe der Frauen angesehen wurde. So zeigen einige Untersuchungen, dass Frauen, die nicht anderweitig berufstätig sind, mit höherer Wahrscheinlichkeit Symptome des Empty-Nest-Syndroms entwickeln. Dies wurde damit erklärt, dass Frauen, die nebenbei in einem Beruf tätig sind, sich mit zwei zentralen Lebensbereichen identifizieren können und nach dem Auszug der Kinder somit immer noch eine andere Lebensaufgabe besitzen (Radloff, 1980, S. 775).

„Das Problem ist nicht das leere Nest. Das Problem ist die leere Frau“

(Oliver, 1977, S. 94)

Weiterhin wurde auch die soziale Verbundenheit als Einflussfaktor vermutet. Das Erleben von Verlust oder Unsicherheiten in Beziehungen und Bindungen in der Kindheit könne zu einer Vulnerabilität (Anfälligkeit) führen, wodurch sich die Wahrscheinlichkeit erhöhe, Probleme im Umgang mit dem „leeren Nest“ zu entwickeln (Harkness, 2008, S. 319). Weitere Studien weisen darauf hin, dass das Auftreten des Empty-Nest-Syndroms in den 1960er und 1970er Jahren eine Art Kohorteneffekt gewesen sei, wodurch das ENS in der Zeit als typische Depression einer Frau angesehen wurde (Adelmann et al., 1989, S. 186). Anderweitige Untersuchungen zeigten, dass eine Depression keine zwangsläufige Reaktion auf ein „leeres Nest“ ist, und Eltern, deren Kinder ausgezogen sind, nicht häufiger von Depressionen betroffen sind als solche, deren Kinder noch im Haus leben oder solche, die gar keine Kinder besitzen. Es gibt sogar Hinweise darauf, dass diese weniger depressiv seien (Radloff, 1980, S. 775–780). Aus soziökonomischer Perspektive bringe der Auszug der Kinder zudem auch positive Faktoren mit sich, wie beispielsweise finanzielle Entlastung und vermehrte Freizeit, was das Wohlbefinden von Eltern nach dem Auszug der Kinder positiv beeinflussen kann (Piper, 2021, S. 18). Zuletzt tragen die sich wandelnden gesellschaftlichen und sozialen Bedingungen dazu bei, dass sich die Eigenständigkeit der Kinder zeitlich verschiebt und sich auch die Art und Weise der Loslösung von den Eltern verändert, da beispielsweise viele Menschen erst später Heiraten oder in Ausbildung und Studium lange finanziell von den Eltern abhängig sind, was die Entstehung und Ausprägung der Symptome des ENS zusätzlich beeinflussen kann (Lachenmaier, 1995, S. 11).

Möglichkeiten und Hilfe für Betroffene

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten für betroffene Eltern, um mit dem Auszug der Kinder und der neuen Lebenssituation umzugehen und sich gegebenenfalls auch Hilfe zu holen. Selbsthilfegruppen wie beispielsweise „EnMoms“ helfen dabei, den neuen Lebensabschnitt aus einer anderen Perspektive zu sehen, Vorteile zu erkennen und Unterstützung im Umgang mit den Problemen und Krisen zu erhalten („EnMoms – Eine Selbsthilfegruppe für Mütter“, 2022). Zudem kann es hilfreich sein, die Berufstätigkeit zu verändern, wie zum Beispiel durch eine Erhöhung der Arbeitsstunden oder einen neuen Job. Ehrenamtliche Tätigkeiten oder politisches Engagement helfen dabei, wieder neue Aufgaben für sich zu entdecken (Lachenmaier, 1995, S. 18–19). Auch Psychotherapien und Verhaltensberatungen sind eine Möglichkeit, um Unterstützung zu bekommen. Durch kognitive Umstrukturierungen können die negativen Gedanken und Emotionen in Bezug auf den Auszug der Kinder und der neuen Lebenssituation verändert werden. Ziel dabei ist es, den neuen Lebensabschnitt als positive Veränderung zu erkennen, die eigenen Werte, Einstellungen und Rollenbilder an die sich ändernden Bedingungen anzupassen und das eigene Leben wieder in den Fokus zu stellen  (Gatterer, 2019, S. 107; Oliver, 1977, S. 87–90).


Literatur

Adelmann, P. K., Antonucci, T. C., Crohan, S. E. & Coleman, L. M. (1989). Empty nest, cohort, and employment in the well-being of midlife women. Sex Roles, 20(3–4), 173–189. https://doi.org/10.1007/BF00287990

EnMoms – Eine Selbsthilfegruppe für Mütter. (2022). enmoms.de. Verfügbar unter: http://enmoms.de/

Gatterer, G. (2019). Verhaltenstherapie bei depressiven Störungen im Alter. Psychotherapie Forum, 23(3–4), 103–110. https://doi.org/10.1007/s00729-019-00128-y

Harkness, S. (2008). Empty Nest Syndrome. In S.J. Loue & M. Sajatovic (Hrsg.), Encyclopedia of Aging and Public Health (S. 318–319). Boston, MA: Springer US. https://doi.org/10.1007/978-0-387-33754-8_156

Lachenmaier, W. (1995). Das „leere Nest“ – Lebenskrise oder „second honeymoon“? (ifb-Materialien, 2-95). Bamberg: Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg (ifb). Verfügbar unter: https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0168-ssoar-124859

Oliver, R. (1977). The empty nest syndrome as a focus of depression: A cognitive treatment model, based on rational emotive therapy. Psychotherapy: Theory, Research & Practice, 14(1), 87–94. https://doi.org/10.1037/h0087497

Perrig-Chiello, P. (2014). Wenn Kinder gross und Eltern alt werden. Familiale Veränderungen im mittleren Lebensalter. beziehungsweise, Informationsdienst des Österreichischen Instituts für Familienforschung der Universität Wien.

Piper, A. T. (2021). An economic analysis of the empty nest syndrome: What the leaving child does matters. SOEPpapers on Multidisciplinary Panel Data Research Nr. 1119. Berlin: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Verfügbar unter: http://hdl.handle.net/10419/231530

Radloff, L. S. (1980). Depression and the empty nest. Sex Roles, 6(6), 775–781. https://doi.org/10.1007/BF00287233

Bildnachweis

Irasonja (2020). Fenster – Mädchen – Allein – Frau – Jung – Person – Traurig. Zugriff am 15.07.2022. Verfügbar unter: https://pixabay.com/de/illustrations/fenster-m%c3%a4dchen-allein-frau-jung-5850628/