Das Broken-Heart-Syndrom. Was steckt dahinter?

Der Verlust eines geliebten Menschen oder die Trennung des Lebenspartners stellen einschneidende Lebensereignisse dar. Während zunächst ein schockähnlicher Zustand eintritt und die Realität verleugnet wird, brechen nach und nach die Gefühle heraus. Das Herz ist wie gebrochen. Ein „gebrochenes Herz“ ist aber nicht nur ein emotionales Problem, denn das sog. „Broken-Heart-Syndrom“, auch als „Takotsubo-Syndrom“ (TTS) bezeichnet, ist eine ernstzunehmende Herzmuskelerkrankung. Sie wurde erstmals 1990 von japanischen Wissenschaftlern beschrieben und fand weltweite Aufmerksamkeit als eine reversible Kardiomyopathie, die durch ein emotionales Ereignis vor allem bei älteren Frauen ausgelöst wird und aufgrund ihrer Symptomatik einem akuten Koronarsyndrom gleicht. Heute weiß man, dass das TTS beide Geschlechter und alle Altersgruppen betreffen und in verschiedenen Formen auftreten kann. Dabei können in der Akutphase lebensbedrohliche Komplikationen auftreten und Folgeerkrankungen des Gehirns und Herzens sind nicht auszuschließen. Etwa 90% der Betroffenen sind weiblich und im Durchschnitt 66,4 Jahre alt.¹ Das „Takotsubo-Syndrom“ wurde nach der japanischen Oktopusfalle „Takotsubo“ benannt, da die ungewöhnliche Verformung des linken Ventrikels dieser ähnelt.² Das TTS wurde 2006 von der American Heart Association offiziell als primär erworbene Kardiomyopathie anerkannt.³ Trotz intensiver Forschungsbemühungen um ein besseres Verständnis der Erkrankung ist die Genese bis heute nicht abschließend geklärt.⁴ In seltenen Fällen kann ein TTS auch als „Happy-Heart-Syndrom“ nach sehr positiven Lebensereignissen wie dem Gewinn des Jackpots auftreten.⁵

1.1 Symptome

Das Takotsubo-Syndrom äußert sich in Atemnot, Brustenge (ca. 20-40%) und Schmerzen im Oberkörper (ca. 70-80%), welche typische Syndrome des akuten Koronarsyndroms (ACS) darstellen. Aus diesem Grund führt die Erkrankung oft zu einer Vorstellung in der Notaufnahme.⁶ Zudem leiden Patienten unter vielfältigen Bewegungsstörungen des Herzmuskels und einer eingeschränkten Pumpfunktion.⁷

1.2 Ursache

Die Ursache ist bis heute nicht vollständig geklärt, jedoch vermuten Fachleute, dass das autonome Nervensystem eine Schlüsselrolle in der Krankheitsentstehung spielt, da es für die Ausschüttung von Stresshormonen (sog. Katecholamine), die unter anderem an der Regulation von Herzfunktion und Blutdruck vor allem unter Stressbedingungen beteiligt sind, verantwortlich ist.⁸ Im Gegensatz zum Herzinfarkt, bei dem verstopfte Arterien für die Beschwerden verantwortlich sind, wird beim Takotsubo-Syndrom also ein erhöhter Ausschuss an Stresshormonen suggeriert.⁹ Dieser erhöhte Anteil lässt sich in vielen Fällen auf ein intensives negatives emotionales Erlebnis zurückführen. In weitaus mehr Fällen aber folgt das TTS einem physischen Trigger wie bspw. Migräne oder Operationen.¹⁰ Außerdem bestätigt eine Studie des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK), dass bei Männern alles, was den Körper belastet wie bspw. Infektionen, Unfälle oder Operationen oft Auslöser für eine TTS sind. Bei Frauen dagegen ist psychischer bzw. emotionaler Stress Auslöser für eine Takotsubo-Kardiomyopathie. Zudem hat die Studie ergeben, dass körperlicher Stress als Auslöser die Prognose sowohl bei Frauen als auch bei Männern erheblich verschlechtert.¹¹

1.3 Diagnose

Aufgrund dessen, dass die klinischen Symptome des TTS dem akuten Koronarsyndrom sehr stark ähneln, kommen generell die gleichen diagnostischen Verfahren zum Einsatz. Bei Verdacht auf das TTS muss obligatorisch ein Herzinfarkt ausgeschlossen werden. Im EKG kommt es zu verschiedenen Veränderungen, so zeigen sich in der akuten Phase der Erkrankung zu 40-50% ST-Streckensenkungen und zu 40-60% T-Negativierungen. Das EKG ermöglicht jedoch keine sichere Differenzierung des TTS zum akuten Koronarsyndrom, weshalb auf eine Koronarangiographie zum sicheren Ausschluss einer behandlungsbedürftigen Koronarläsion nicht verzichtet werden kann. Weiter werden die Echokardiographie, die ein charakteristisches Bild mit z.T. ballonartigen Aufweitung der linken Herzkammer zeigt und eine Herzkatheteruntersuchung zur Diagnostik eingesetzt.

1.4 Therapie und Prognose

An erster Stelle steht die Eliminierung des Stressors, ggf. mit psychosomatischer Unterstützung. Weiter kann auch auf klassische Herzinsuffizienzmedikation wie Betablocker oder ACE-Hemmer gegen eine arterielle Hypertonie, die häufig bei Takotsubo-Patienten vorliegt, zurückgegriffen werden.¹² Wichtig ist in allen Fällen, die Patienten sowohl kurz- als auch langfristig zu beobachten und wie Herzinfarkt-Patienten zu überwachen, sowie nach der Entlassung regelmäßig zu untersuchen. Systematische Abfragen mit einem Fragebogen zu den Auslösern eines gebrochenen Herzens und bestehenden Grunderkrankungen sind sinnvoll, um den Verlauf der Krankheit besser einzuschätzen und die Therapie individuell anzupassen.

Das Takotsubo-Syndrom hat soweit bisher bekannt eine gute Langzeitprognose und beim Großteil erholt sich die Herzfunktion nach spätestens drei Monaten wieder. Trotzdem können aber auch Monate danach ernsthafte Folgeerkrankungen auftreten.¹³ So entwickelt etwa jeder fünfte Patient während der ersten Tage nach dem Anfall ernste Komplikationen wie etwa Bildung von Blutgerinnseln oder lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen. Bei bis zu 4% kann die Erkrankung zum Tod führen.¹⁴ Die akute Erkrankungsphase birgt ein deutliches Risiko akuter bedrohlicher Komplikationen, so entwickeln bis zu 20% eine akute Herzinsuffizienz, bis 10% einen kardiogenen Schock und 10-20% höhergradige Arrhythmien.¹⁵ Langzeitbeobachtungen zeigten, dass Patienten, die an dem Takotsubo-Syndrom leiden, anfälliger für Folgeerkrankungen des Gehirns und Herzens sind.¹⁶ Weiter zeigte eine Studie, dass die Herzkrankheit bei Patienten mit Diabetes besser verläuft als ohne Diabetes, Krebs verschlechtert die Prognose.¹⁷

1.5 Fazit

Die das TTS so populär gemachte und auch weiterhin weitverbreitete Bezeichnung des „Broken-Heart-Syndroms“ wird heute vor allem mit einer Person in Verbindung gebracht, die einen schrecklichen persönlichen Verlust erlitten hat und an starken Brustschmerzen leidet. Diese Vorstellung ist allerdings nicht mehr zeitgemäß. Die Erkrankung kann beide Geschlechter und jedes Alter treffen und in seltenen Fällen sogar zum Tod führen. Neben emotionalen Trigger können auch physische Stressoren dem TTS vorausgehen. Patienten, die an dem TTS leiden, sollten sowohl kurz- als auch langfristig beobachtet und untersucht werden, denn es können schwerwiegende Komplikationen auftreten. Da jedoch häufig trotz allem der Gedanke des „Broken-Heart-Syndroms“ weiter besteht, stellt das TTS bis heute ein oft verkanntes Krankheitsbild dar.¹⁸


¹ Vgl. Schlossbauer et al. (2016), S. 1185

² Vgl. Nater et al. (2020), S. 1232

³ Vgl. Schlossbauer et al. (2016), S. 1185

⁴ Vgl. Napp/Bauersachs (o.D.)

⁵ Vgl. Universitätsklinikum Freiburg (2021)

⁶ Vgl. Napp/Bauersachs (o.D.)

⁷ Vgl. Reimann (2016) 

⁸ Vgl. Reimann (2016)

⁹ Vgl. Napp/Bauersachs (o.D.)

¹⁰ Vgl. Schlossbauer et al. (2016), S. 1186 

¹¹ Vgl. ÄrzteZeitung (2017)

¹² Vgl. Napp/Bauersachs (o.D.)

¹³ Vgl. ÄrzteZeitung (2017)

¹⁴ Vgl. Reimann (2016)

¹⁵ Vgl. Napp/Bauersachs (o.D.)

¹⁶ Vgl. Reimann (2016)

¹⁷ Vgl. ÄrzteZeitung (2017)

¹⁸ Vgl. Schlossbauer et al. (2016), S. 1189

Literatur

ÄrzteZeitung (2017), Männer und Frauen regieren verschieden auf „gebrochenes Herz“, https://www.aerztezeitung.de/Medizin/Maenner-und-Frauen-reagieren-verschieden-auf-gebrochenes-Herz-302498.html, abgerufen am 06.10.2021.

Napp, L./ Bauersachs, J. (o.D.), Takotsubo-Kardiomyopathie, https://www.springermedizin.de/emedpedia/dgim-innere-medizin/takotsubo-kardiomyopathie?epediaDoi=10.1007%2F978-3-642-54676-1_174, abgerufen am 06.10.2021.

Nater, U./ Ritzen, B./ Ehlert, U. (2020), Psychosomatische und stressabhängige körperliche Beschwerden. In: Hoyer, J./ Knappe, S. (Hrsg.), Klinische Psychologie & Psychotherapie, 3. Auflage, Springer, S. 1232.

Reimann, M. (2016), Takotsubo-Kardiomyopathie: Wenn Stress das Herz aus dem Takt bringt, https://www.uniklinikum-dresden.de/de/presse/aktuelle-medien-informationen/takotsubo-kardiomyopathie-wenn-stress-das-herz-aus-dem-takt-bringt, abgerufen am 06.10.2021.

Schlossbauer, S./ Ghadri, J.-R./ Templin, C. (2016), Takotsubo-Syndrom – ein häufig verkanntes Krankheitsbild, https://econtent.hogrefe.com/doi/10.1024/1661-8157/a002434, abgerufen am 06.10.2021.

Universitätsklinikum Freiburg (2021), Mit gebrochenem Herzen zum Kardiologen, https://www.uniklinik-freiburg.de/presse/publikationen/im-fokus/2021/mit-gebrochenem-herzen-zum-kardiologen.html, abgerufen am 06.10.2021.

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