Chronisches Erschöpfungssyndrom – Teil 2

Das chronische Erschöpfungssyndrom rückt durch die Corona-Pandemie zunehmend in den öffentlichen Fokus. Im ersten Teil des Beitrags wurden das Krankheitsbild und die Prävalenz des chronischen Erschöpfungssyndroms thematisiert. Die anhaltende Müdigkeit und stark reduzierte Leistungsfähigkeit tritt immer öfter in einem großen Teil der jüngeren Bevölkerung in Deutschland auf. Unter den Betroffenen sind häufiger Frauen als Männer.[1] Vgl. Kattan, C. (2021), S. 1-6 Doch welche Ursachen sind verantwortlich für die Entstehung des chronischen Erschöpfungssyndroms und welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es? Diese Fragen werden – mit einem besonderen Blick auf die Psychologie – im zweiten Teil des Beitrags behandelt.

Die Bestimmung der Ursachen ist in Bezug auf das „chronical fatigue syndrom“ (kurz: CFS) nicht so leicht. Es kann sowohl als eigenständige Erkrankung auftreten, aber auch ein Begleitsymptom einer zugrundliegenden Erkrankung sein.[2] Vgl. Buchberger, B./ Zwierlein, R./ Rohde, V. (2022), S. 340- 346  Allgemein handelt es sich beim CFS nicht um eine psychische Erkrankung. Dennoch kommt es zu psychischen Veränderungen als Reaktion auf die Krankheitssymptomatik.[3] Vgl. Streinz, J. (2015), S. 1- 5 Zu den potentiellen Ursachen soll nach ersten Forschungsergebnissen eine gestörte Mitochondrienfunktion gehören. Die Mitochondrien lassen sich als die „Kraftwerke der Zellen“ beschreiben und liefern den Zellen die benötigte Energie, um ihre Funktionsfähigkeit aufrechtzuerhalten.[4] Vgl.Streinz, J. (2015), S. 1- 5
Eine weitere Ursache könnte eine psychische Überbelastung sein, die über einen längeren Zeitraum anhält. Mögliche Auslöser sind zu hohe Leistungsansprüche und Leistungsdruck sowie emotionale Konflikte oder bestimmte Umwelteinflüsse. Aber auch Ängste und ein hohes Verantwortungsgefühl, mit dem die Zurückstellung der persönlichen Bedürfnisse einhergeht, können zu einer psychischen Überbelastung führen. Weiterhin wird auch die heutige Gesellschaft und ihr Einfluss auf das Individuum als Ursache vermutet. Heutzutage sind die Menschen einer enormen Informationsflut und Reizüberflutung ausgesetzt. Außerdem herrscht aufgrund der modernen Kommunikationstechnologien eine permanente Erreichbarkeit vor und Hektik bestimmt den Alltag.[5] Vgl. Kattan, C. (2021), S. 1- 6 

CFS als Begleitsymptom anderer Erkrankungen

Im Rahmen einer Depression kann begleitend die Symptomatik des chronischen Erschöpfungssyndroms auftreten. Die Betroffenen leiden häufig unter Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten und einer allgemeinen Müdigkeit. Antriebs- und Lustlosigkeit gehören ebenso zur einer depressiven Symptomatik und treten in einigen Fällen auch beim CFS auf.
Eine anhaltende psychische Belastung – häufig durch berufliche Überlastung – führt zu einem körperlichen Erschöpfungszustand, aus dem ein Burnout resultiert. Durch die ausgelöste körperliche Stressreaktion kommt es zu einer zunehmenden körperlichen Erschöpfung und Tagesmüdigkeit, die Teil der Symptomatik des chronischen Erschöpfungssyndroms sind.
Die „Fibromyalgie“ – auch „Faser-Muskel-Schmerz“ genannt – ist eine rheumatische Erkrankung, die verschiedene Körperregionen betrifft und psychische Beeinträchtigungen hervorruft. Neben den körperlichen Schmerzen äußert sich diese Erkrankung in Form von Schlafstörungen, überdauernder Erschöpfung, Tagesmüdigkeit und Schwindel. Außerdem treten oftmals Konzentrationsstörungen auf. Dies sind alles Symptome, die bei einem CFS auftreten.
Nach einer viralen Erkrankungen kann eine s.g. „postvirale Fatigue“ über einige Wochen bis Monate nach Genesung bestehen bleiben. Auch hierbei treten die typischen Symptome des chronischen Erschöpfungssyndroms auf.[6]Vgl. Kattan, C. (2021), S. 27- 36      

Covid-19 als Auslöser?

Seit Beginn der Corona-Pandemie ist zu beobachten, dass immer mehr Menschen nach einer COVID-19-Infektion an dem CFS erkranken. Erste Studien deuten daraufhin, dass die Energiegewinnung der Körperzellen aus verschiedenen Quellen erschwert ist. Bisher konnte keine einzelne Ursache ausfindig gemacht werden, so dass von mehreren Vorgängen ausgegangen wird, die als Auslöser für die Erkrankung fungieren. Dazu gehören u.a. ein veränderter Stoffwechsel und Hormonhaushalt sowie gegen den eigenen Körper gerichtete Entzündungsbotenstoffe. Neben einer veränderten Hirnfunktion wird ebenfalls eine verminderte Aktivität der Stresshormone vermutet. Dadurch werden Entzündungsreaktionen nicht mehr ausreichend gebremst, der Blutdruck wird niedriger und Kreislaufbeschwerden treten auf.
Außerdem waren spezifische Entzündungsbotenstoffe, z.B. Interleukin-6 und Interleukin-10, nach der Infektion weiterhin erhöht. Diese sind für eine überschießende Immunreaktion mitverantwortlich. Diesbezüglich herrscht die Annahme, dass autonome Dysfunktionen ausgelöst werden, indem s.g. proinflammatorische Zytokine – z.B. Interleukin-7 – die Blut-Hirnschranke in der postinfektiösen Phase überwinden. Dadurch kommt es zu Symptomen wie einem gestörten Schlaf-Wach-Rhythmus, Müdigkeit, Antriebslosigkeit und kognitiven Dysfunktionen.[7] Vgl. Lamprecht, B. (2020), S. 398- 405 Mittlerweile wird SARS-CoV-2 als Autoimmunvirus bezeichnet, da es die Bildung von autoaggressiven Antikörpern fördert. Diese haben starke Auswirkungen auf das menschliche Immunsystem und können bei einer genetischen Prädisposition als Auslöser für Autoimmunerkrankungen wirken. Deswegen wird aktuell bei einem postinfektiösen CFS von einer Autoimmunerkrankung ausgegangen.[8] Vgl. Buchberger, B./ Zwierlein, R./ Rohde, V. (2022), S. 340- 346

Behandlungsmöglichkeiten

Zunächst muss erwähnt werden, dass es derzeit keine heilenden Therapien oder Medikamente gibt. Die vorhandenen Behandlungsmöglichkeiten sind alle symptomorientiert. Es gibt einerseits Empfehlungen, die eine Steigerung des Aktivitätsniveaus mithilfe moderater körperlicher Aktivitäten zum Ziel haben. Andererseits gibt es Programme, die eher den achtsamen Umgang mit den persönlichen Energiereserven fokussieren, um rechtzeitig eine drohende Überlastung zu verhindern.[9] Vgl. Buchberger, B./ Zwierlein, R./ Rohde, V. (2022), S. 340- 346 Je nach individueller Symptomatik werden Mangelzustände ausgeglichen oder chronische Infektionen behandelt. Eine Ernährungsumstellung oder Mikronährstofftherapie können ebenfalls Linderung verschaffen. Auch psychotherapeutische Unterstützung kann hilfreich sein.[10] Vgl. Streinz, J. (2015), S. 1- 5)

Die psychotherapeutischen Verfahren beruhen auf der Annahme, dass multifaktorielle Ursachen für die Entstehung, Auslösung und Aufrechterhaltung der Erkrankung verantwortlich sind. Deshalb basiert die kognitive Verhaltenstherapie auf dem „Angst-Vermeidungs-Lernen“ und fokussiert sich auf die aufrechterhaltenden kognitiven und behavioralen Faktoren. Ziel ist es, dass die Betroffenen ihre Symptome als temporär und modifizierbar betrachten und nicht als unveränderbar. Dadurch soll ihr Funktionsniveau wiederhergestellt und so die Selbstwirksamkeit und -kontrolle bezüglich der eigenen Lebensführung gefördert werden. Zusätzlich werden gemeinsam Bewältigungsstrategien entwickelt, die auf die von der Störung betroffenen Bereiche angewendet werden können.
Der Psychotherapeut kann den Patienten dabei unterstützen, dysfunktionale Kognitionen zu erkennen und zu überprüfen. Außerdem wird in Verhaltensexperimenten ausprobiert, wie sich die Wiederaufnahme von bisher vermiedenen Aktivitäten auswirkt. So sollen negative Verstärkerbedingung – z.B. Vermeidungsverhalten – abgebaut und positive Veränderungen wahrgenommen werden. Weiterhin können Betroffene die Regulation ihres Schlaf-Wach-Rhythmus und Stressbewältigungsstrategien erlernen.
In der britischen Leitlinie des „National Institute for Health and Care Excellence“ (Oktober 2021) wird statt einer schrittweisen Steigerung des Aktivitätsniveaus das s.g. „Pacing“ empfohlen. Dabei handelt es sich um ein Aktivitätsmanagement, bei dem der schonende Umgang mit den individuellen Energiereserven im Alltag im Vordergrund steht. Die Patienten sollen dafür sensibilisiert werden, frühzeitig Warnsignale, die eine drohende Überlastung anzeigen, wahrzunehmen und rechtzeitig gegenzusteuern. Dafür werden beispielsweise Symptomtagebücher geführt. [11]Martin, A./ Gaab, J. (2011), S. 231- 238

Fazit

Insgesamt wird deutlich, dass eine verstärkte Erforschung des chronischen Erschöpfungssyndroms notwendig ist. Es gibt bereits zahlreiche Erkenntnisse über die Erkrankung, dennoch können nicht immer eindeutigen Ursachen und Zusammenhänge ausgemacht werden. Weiterhin gibt es bisher keine heilenden Medikamente oder Therapien, so dass die Betroffen nur die Möglichkeit haben, ihre Symptome zu lindern und den Umgang mit ihrer Erkrankung zu erlernen. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass CFS das zweithäufigste überdauernde Symptom nach einer Covid-19-Infektion ist und unzählige Menschen weltweit Kontakt mit dem Virus hatten, werden neue und heilende Behandlungsmethoden benötigt. Die USA sind mit ihrer Einstufung des Syndroms als eine priorisiert zu erforschenden Krankheit bereits einen Schritt weiter. Deutschland sollte nachziehen und ebenfalls seine Forschungsbemühungen verstärken.
Außerdem ist es wichtig, in der Gesellschaft ein Verständnis für das CFS aufzubauen, indem es vermehrt thematisiert wird. Durch die Entstigmatisierung des chronischen Erschöpfungssyndroms wird den Betroffenen der Umgang mit ihrer Erkrankung, die weitreichende Auswirkungen auf ihren Alltag hat, erleichtert.
Die Psychologie kann einen unterstützenden Beitrag leisten, indem die Betroffenen geeignete Methoden aufgezeigt bekommen, mit ihrer Erkrankung umzugehen. Außerdem hilft sie beim Abbau von Vermeidungsverhalten und wirkt damit einem Verstärker der Symptomatik entgegen.
Welche weiteren Behandlungsmethoden wirksam sind und ob es in Zukunft heilende Therapiemethoden oder Medikamente geben wird, bleibt zu beobachten. 

Literaturverzeichnis

Buchberger, B., Zwierlein, R. & Rohde, V. (2022) Post-Corona-Fatigue – das bekannte Bild in neuem Gewand?. Onkologe 28, 340–346. https://doi.org/10.1007/s00761-022-01102-1

Kattan, C. (2021) Chronische Erschöpfung – nur müde oder wirklich krank?. Springer, Berlin, Heidelberg. https://doi.org/10.1007/978-3-662-63874-3_1

Lamprecht, B. (2020) Gibt es ein Post-COVID-Syndrom?. Pneumologe 17, 398–405. https://doi.org/10.1007/s10405-020-00347-0

Martin, A., Gaab, J. (2011) Chronisches Erschöpfungssyndrom. Psychotherapeut 56, 231–238. https://doi.org/10.1007/s00278-011-0828-1

Streinz, J. (2015) Leben mit chronischer Erschöpfung – CFS: Ein Ratgeber für Patienten. W. Zuckschwerdt Verlag GmbH, Germering, München

Bildnachweis

Mohamed_hassan (2022) Müde-erschöpft-betonen-mann-gehen: pixabay.
Zugriff am 12.05.2022 über https://pixabay.com/de/vectors/m%c3%bcde-ersch%c3%b6pft-betonen-mann-gehen-7103575/

References

References
1 Vgl. Kattan, C. (2021), S. 1-6
2, 8 Vgl. Buchberger, B./ Zwierlein, R./ Rohde, V. (2022), S. 340- 346
3, 10 Vgl. Streinz, J. (2015), S. 1- 5
4 Vgl.Streinz, J. (2015), S. 1- 5
5 Vgl. Kattan, C. (2021), S. 1- 6
6 Vgl. Kattan, C. (2021), S. 27- 36
7 Vgl. Lamprecht, B. (2020), S. 398- 405
9 Vgl. Buchberger, B./ Zwierlein, R./ Rohde, V. (2022), S. 340- 346
11 Martin, A./ Gaab, J. (2011), S. 231- 238