Binge Eating – (Fr)essattacken mit Kontrollverlust

 „Sich mit Essen besaufen“. So könnte man Binge Eating übersetzen, denn im Amerikanischen wird der Ausdruck „to binge“ im Zusammenhang mit exzessivem Trinken gebraucht.[1] Ähnlich wie beim Alkoholkonsum, der nichts mit normalen Durst zu tun hat, hat auch Binge Eating kaum etwas mit Hunger zu tun. Und obwohl Binge Eating zu den häufigsten Essstörungen zählt, ist die Erforschung der Krankheit immer noch in ihren Anfängen.[2]

 

Was ist „Binge Eating“?

Innerhalb der Gruppe der Fütter- und Essstörungen in der aktuellen Fassung des Klassifikationssystems für psychische Störungen (DSM-5), stellt die Binge-Eating-Störung eine eigenständige Diagnose dar. Wiederkehrende Essanfälle, ausgelöst durch verschiedene Faktoren (z.B. negative Stimmungen, interpersonelle Konflikte, Sorgen um Gewicht und Figur), bilden das Kernsymptom der Störung.[3] Dabei erlebt der Patient einen kompletten Kontrollverlust über sein Essverhalten. Er hat das Gefühl, nicht mit dem Essen aufhören zu können und keine Macht über Menge und Art der Nahrung zu haben.[4] Durch die enormen Nahrungsmengen, die die Betroffenen innerhalb kürzester Zeit verschlingen, geht die Krankheit häufig mit Übergewicht und einem daraus resultierendem geringen Selbstwertgefühl einher.[5]

 

Dunkelziffer extrem hoch

Überwiegend junge Erwachsene oder Menschen in der Lebensmitte erkranken an der Binge-Eating-Störung.[6] Im Durchschnitt liegt das Ersterkrankungsalter bei 23,3 Jahren. Mit einem Verhältnis von 3:2 liegen die Prävalenzzahlen bei Frauen im Vergleich zu Männern etwas höher.[7] Eine Aussage über die genaue Anzahl der Erkrankten kann man nicht treffen, da Experten von einer hohen Dunkelziffer ausgehen. Das liegt zum einem daran, dass die Krankheit noch nicht sehr weit erforscht ist. Zum anderen finden die Essattacken meist dann statt, wenn die Patienten alleine sind.[8] Das bedeutet, Familie und Freunde der Betroffenen bekommen häufig gar nichts von den Fressanfällen mit. Schätzungen zufolge sind rund ein bis vier Prozent der Bevölkerung betroffen. Somit ist die Binge-Eating-Störung die mit Abstand verbreitetste Essstörung.[9]

 

Abgrenzung zu Adipositas und Bulimie

Mehr als die Hälfte der Binge-Eating-Patienten ist übergewichtig oder sogar stark übergewichtig (adipös). Betrachtet man das allerdings umgekehrt, ist nur ein geringer Teil der übergewichtigen Menschen von einer Binge-Eating-Störung betroffen.[10] Übergewicht und Adipositas zählen außerdem – im Gegensatz zur Binge-Eating-Störung – nicht zu den psychischen Störungen, sondern fallen unter die Kategorie Gesundheitsstörungen.[11]

Bei der Bulimie unterscheidet sich das klinische Erscheinungsbild von der Binge-Eating-Störung hauptsächlich darin, dass Binge-Eating-Betroffene keine unangemessenen Maßnahmen zur Kontrolle des Körpergewichts einsetzen. Erbrechen, stark gezügeltes Essverhalten oder exzessives Sporttreiben, was typische Symptome für eine Bulimieerkrankung sind, bleiben bei Binge-Eating-Patienten aus.[12] Demzufolge haben die Betroffenen meist kein Problem mit Untergewicht.[13]

 

Was ist der Auslöser?

Als Ursachen für eine Esssucht spielen mehrere psychologische, biologische und soziale Aspekte eine Rolle. Ein Zusammenspiel von Kränkungen im Hinblick auf Attraktivität und Aussehen sowie Übergewicht in der Kindheit ist in den meisten Fällen der größte Risikofaktor für Binge Eating. Außerdem wirken sich strenge elterliche Ernährungspraktiken negativ auf das Essverhalten eines Kindes aus. Das Kind lernt nicht, sich nach seinen eigenen Bedürfnissen zu richten und Hungergefühle zu regulieren, da immer von den Eltern bestimmt wird was und wie viel das Kind isst. Zudem sind auch häufig Menschen betroffen, die krampfhaft versuchen einem Schönheitsideal näherzukommen. Durch das ständige Diäthalten und das Verzichten auf bestimmte Nahrungsmittel, steigert sich das Verlangen nach Essen und fördert so die Entstehung von Binge Eating.[14]

 

Ausblick

Die Aussicht auf Erfolge in der Behandlung bei einer Binge-Eating-Störung in Form einer Psychotherapie sind relativ gut.[15] Zentrale Ziele dieser Behandlung bestehen in der Veränderung der Denkweise, die zu den regelmäßigen Essattacken führen (z.B. Sorgen um Gewicht und Figur) sowie der Aufbau eines normalen und gesunden Essverhaltens. Zusätzlich müssen komorbide Probleme, wie Übergewicht und Adipositas, im Rahmen eines Gesamtbehandlungsplans berücksichtigt werden.[16]

 

Fußnoten

[1] Vgl. Lebenshungrig (2019)

[2] Vgl. Dobmeier (2018)

[3] Vgl. Tuschen-Caffier/Hilbert (2016), S. 4

[4] Vgl. Tuschen-Caffier/Hilbert (2016), S. 10

[5] Vgl. Dobmeier (2018)

[6] Vgl. Dobmeier (2018)

[7] Vgl. Tuschen-Caffier/Hilbert (2016), S. 13

[8] Vgl. Dobmeier (2018)

[9] Vgl. Dobmeier (2018)

[10] Vgl. BZgA (o.J.)

[11] Vgl. Tuschen-Caffier/Hilbert (2016), S. 12

[12] Vgl. Tuschen-Caffier/Hilbert (2016), S. 12

[13] Vgl. Dobmeier (2018)

[14] Vgl. Dobmeier (2018)

[15] Vgl. Tuschen-Caffier/Hilbert (2016), S. 12

[16] Vgl. Tuschen-Caffier/Hilbert (2016), S. 4

 

Literatur

BZgA (o.J.): Binge-Eating-Störung, https://www.bzga-essstoerungen.de/was-sind-essstoerungen/arten/binge-eating-stoerung/, abgerufen am 03.09.2019

Dobmeier, J. (2018): Binge-Eating, https://www.netdoktor.de/krankheiten/binge-eating/, abgerufen am 02.09.2019

Lebenshungrig (2019): Was ist Binge Eating?, https://lebenshungrig.de/ursache-wirkung-essstoerung-bulimie-magersucht-diaeten/was-ist-binge-eating/, abgerufen am 02.09.2019

Tuschen-Caffier, B./Hilbert, A. (2016), Binge-Eating-Störung, Göttingen

 

Bildquelle

https://pixabay.com/de/photos/magen-gesundheit-diät-dessert-3532098/