Autismus – wenn Reizüberflutungen das Leben kontrollieren

„Gebt uns nicht auf. Wir brauchen eure Hilfe.“ – Wie nehmen Autisten ihre Umwelt wahr?

Sobald jemand den Begriff „Autismus“ oder „autistisches Kind“ auffasst, wird gelegentlich folgendes Szenario gedanklich abgespielt: ein Kind, welches mit seinem Oberkörper hin und her wippt, nicht spricht und über weniger Intelligenz verfügt als seine Altersgenossen. Kaum jemand hinterfragt den Begriff näher, er wird einfach hingenommen als eine Krankheit. Doch was steckt eigentlich dahinter? Und wie sieht es in den betroffenen Personen aus?

Begriffserklärung

Autismus bezeichnet Defizite in der Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen sowie der verbalen und nonverbalen Kommunikation. Ebenso fallen eingeschränkte und sich wiederholende Verhaltensmuster, Aktivitäten und Interessen unter den Begriff. Die ersten Symptome treten in den meisten Fällen bereits in der Kindheit auf.[1] Früher wurde zwischen verschiedenen Typen der Autismus-Störung unterschieden, heute fallen sie alle zusammen unter den Begriff „Autismus-Spektrum-Störungen“ (ASS). Betroffene Personen haben Schwierigkeiten dabei, sich in andere hineinzufühlen und reagieren nicht auf soziale Signale. Nonverbale Kommunikationsmittel, wie bspw. Blickkontakt oder Mimik, übermitteln den betroffenen Personen keinerlei Information, sie können damit nichts anfangen. Entgegen vielen Erwartungen ist die Intelligenz in den meisten Fällen nicht beeinträchtigt, sie haben „einfach“ nur große Schwierigkeiten mit der sozialen Interaktion und Kommunikation.[2] Mit anderen interagieren und kommunizieren zu können empfinden betroffene Personen als äußerst anstrengend, weswegen sie immer wieder Phasen der Erholung benötigen, um funktionieren zu können und daher befassen sie sich lieber mit materiellen oder sachlichen Dingen.  Betroffene erleben oft eine Reizüberflutung, das Sortieren und Filtern von Reizen aus ihrer Umgebung bereitet ihnen ein Gefühl der Überforderung. Nicht-betroffene Personen genießen einen überlaufenen Weihnachtsmarkt mit lauter Musik und vielen Eindrücken, wohingegen Autisten dies als reinste Katastrophe wahrnehmen und mit der Situation völlig überfordert sind.[3]

Entstehung

Bis heute sind die ursächlichen Bedingungen für die Entstehung einer ASS nicht ausreichend erforscht, jedoch fallen vor allem biologische Faktoren dabei ins Gewicht. Den Genen wird eine große Rolle zugespielt. Mehrere miteinander interagierende Gene begünstigen die Entstehung, jedoch ist nicht geklärt welche Gene genau dazu beitragen. Angenommen wird, dass diese genetischen Veränderungen zu Entwicklungsstörungen des Gehirns führen. Diese Veränderungen sind jedoch so gering, dass man sie mit bildgebenden Verfahren, wie bspw. mit MRT-Bildern, nicht erfassen kann.[4] Gewisse Umweltrisikofaktoren, wie Infektions- oder Virenerkrankungen während der Schwangerschaft sowie Geburtskomplikationen, ein niedriger sozioökonomischer Status oder ein höheres Alter können sich ebenso begünstigend auf die Entstehung einer ASS auswirken.[5]

Wie sieht es nun in Autisten aus?

Aufgrund der oben bereits angeführten Symptomatik Betroffener, eignen sich viele betroffene Personen Rituale oder stereotype Abläufe an, damit sie von ihrer schnellen Umwelt nicht überfordert werden. Dies äußert sich in Wiederholen von bestimmten Abläufen oder gewissen Ordnungsmustern. Dadurch können sie sich ein wenig aus dieser schnellen, reizüberfüllten Umwelt zurückziehen und zur Ruhe kommen.[6] Für Außenstehende mag das oft so wirken, als wären autistische Personen „besessen“. Eine autistische Person berichtet, dass sie diese sich wiederholenden Abläufe quasi als „Auftrag des Gehirns“ erhält und sie sich erst dann gut und getröstet fühlt, wenn diese Handlung wiederholt wird.[7] Häufig wiederholen betroffene Personen auch eine Frage, die ihnen gerade gestellt wurde. Dies machen sie nicht, weil sie die Antwort nicht wissen, sondern aus dem Grund, um mehr Zeit für die Beantwortung zu gewinnen. Das Abrufen von Erinnerungen fällt ihnen sehr schwer, sie müssen mehr oder weniger ihr ganzes Gedächtnis nach einer passenden Antwort durchsuchen. Der autistische Junge Naoki Higashida beschreibt das Gespräche-Führen als eine „verdammt harte Arbeit“.[8] Er empfinde es so, als müsse er jeden Tag und jede Minute eine neue Fremdsprache erlernen oder als würde er in einem Meer aus Worten ertrinken.[9] Autistischen Personen wird auch oft nachgesagt, sie mögen keinen Körperkontakt. Dies trifft in einigen Fällen gewiss zu, aber warum? Durch Berührungen kann autistischen Personen vermittelt werden, dass der Berührende eine gewisse Art von Kontrolle über ihren Körper hat. Doch wie soll jemand Fremder einen Körper kontrollieren, den die eigene Person selbst nicht unter Kontrolle hat? Dies vermittelt autistischen Personen eine Art von Kontrollverlust und damit einhergehend Angst und Panik – Gefühle, die niemand als angenehm empfindet.[10]

Behandlungsmöglichkeiten

ASS sind bis heute nicht ursächlich behandelbar, die Behandlung zielt daher darauf ab, einen möglichst guten Umgang mit der Symptomatik zu ermöglichen und das Leben im sozialen Umfeld zu erleichterten.[11] Dabei wird auch das soziale Umfeld der betroffenen Person miteinbezogen. Im Rahmen der psychotherapeutischen Verhaltenstherapie wurden Programme vorgestellt, die soziale Kompetenz, den Umgang mit Stresssituationen und das Erlernen von Entspannungsmethoden vermitteln bzw. erleichtern sollen. Dadurch sollen die betroffenen Personen im Alltag entlastet werden. Durch den Einsatz von Logopädietherapie sollen die expressiven Sprachfertigkeiten, Tonlagen und die Lautstärke verbessert werden.[12] Ebenso können sich Musik-, Kunst oder Wassertherapie, gelegentlich auch in Verbindung mit Delphinen, förderlich auswirken.[13] Ein autistischer Junge berichtet bspw., dass er das Wasser als so ruhig und friedlich erlebt und sich darin frei und glücklich fühlt.[14] Im höheren Alter ist für Autisten wichtig, in die Berufswelt integriert zu werden. Dadurch kann ihnen das Gefühl von Autonomie vermittelt werden, was wiederum das Selbstwertgefühl steigert und eine große Chance für die Teilhabe an einem „normalen“ gesellschaftlichen Leben bietet.[15]

Fazit

Dieser Beitrag lässt bestimmt nur einen minimalen Blick in die Welt eines Autisten zu und ist keineswegs generalisierbar, jedoch können autistische Personen durch diesen kleinen „Perspektivenwechsel“ vielleicht ein wenig besser verstanden werden, was die Kommunikation zwischen den beiden, doch so verschiedenen, Welten erleichtern kann. Für viele Autisten ist die Vorstellung, dass sie anderen Menschen Kummer oder Unbehagen bereiten, die reinste Qual. Oft wenn sie, in den Augen nicht-autistischer Personen, etwas verkehrt machen oder dafür ausgelacht werden und sich nicht für das „Fehlverhalten“ entschuldigen können, verzweifeln sie an ihrem eigenen Leben.[16] Indem man sich als Person, die nicht an Autismus erkrankt ist, näher mit dem Thema auseinandersetzt und versucht, Autisten zu verstehen, ihnen ausreichend Zeit zu schenken und sie nicht wie „Sonderlinge“ zu behandeln, können beide Seiten davon profitieren. Eine abschließende Bitte des bereits erwähnten autistischen Jungen Naoki Higashida soll dies nochmal verdeutlichen:

„Aber ich bitte euch, all die unter euch, die den ganzen Tag mit uns zusammen sind, verliert nicht die Nerven im Umgang mit uns. Denn wenn ihr das tut, ist es, als würdet ihr unserem Leben jeglichen Wert absprechen – und das nimmt uns die Energie, die wir brauchen, um tapfer weiterzumachen.“[17]


[1] Vgl. Rank, S. M., 2020, S. 161

[2] Vgl. Koch, L. J. et al., 2019, S.137

[3] Vgl. Koch, L. J. et al., 2019, S.138f.

[4] Vgl. Koch, L. J. et al., 2019, S.141

[5] Vgl. Rank, S. M., 2020, S. 163

[6] Vgl. Koch, L. J. et al., 2019, S.140

[7] Vgl. Higashida, N., 2019, S. 115

[8] Vgl. Higashida, N., 2019, S. 27f.

[9] Vgl. Higashida, N., 2019, S. 33f.

[10] Vgl. Higashida, N., 2019, S. 49f.

[11] Vgl. Neurologen und Psychiater im Netz, o.D.

[12] Vgl. Koch, L. J. et al., 2019, S.142

[13] Vgl. NEMO Delphintherapie, o.D.

[14] Higashida, N., 2019, S. 90

[15] Vgl. Koch, L. J. et al., 2019, S.142

[16] Higashida, N., 2019, S. 62f.

[17] Higashida, N., 2019, S. 62

Literatur:

Higashida, N.: (2019) Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann. 7. Auflage, Rowohlt Verlag. Hamburg

Koch, L. J. & Prölß, A. & Schnell, T.: (2019) Autismus-Spektrum-Störung (ASS). In: Psychische StörungsBILDER. (2019) 17:137-145

NEMO Delphintherapie: (o. D.) Frühkindlicher Autismus (RDA) und Asperger-Syndrom. Abgerufen am 16.02.2021. Verfügbar unter: https://therapynemo.com/de/dolphin-therapy/indication/autism/

Neurologen und Psychiater im Netz: (o.D.) Therapeutische Möglichkeiten bei Autismus-Spektrum-Störungen. Herausgeber: Berufsverbände und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz. Abgerufen am 15.02.2021. Verfügbar unter: https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/kinder-jugend-psychiatrie/erkrankungen/autismus-spektrum-stoerung-ass/therapie/

Rank, S. M.: (2020) Autismus. In: Psychische Auffälligkeiten im Säuglings- und Kleinkindalter (2020) 17:161-169

Beitragsbild: 2021, eigene Darstellung, erstellt von Patricia Stetter