Agoraphobie – Wenn gewöhnliche Orte zur Falle werden

Zu Beginn ein Fallbeispiel: „Heute war ein schöner Tag und ich freute mich darauf endlich mal wieder mit meiner Freundin shoppen zu gehen. Wir stiegen aus dem Auto aus und betraten das Kaufhaus. Ich ging einige Schritte als ich plötzlich alles verschwommen sah, mein Herz raste, ich konnte kaum noch atmen und mir war unglaublich schwindelig. Ich dachte das wäre mein Ende, denn es fühlte sich so schlimm an. Ich wollte nur noch raus! Sowas ist mir schon oft passiert beim Einkaufen, auf dem Weihnachtsmarkt und auch auf dem Straßenfest. Was ist nur los mit mir?“.

Menschen, die derartige Zustände in Kaufhäusern, auf öffentlichen Plätzen, in Menschenengen, geschlossenen Räumen, beim Autofahren etc. erleben, leiden häufig am Störungsbild der Agoraphobie. Eine Agoraphobie kann die Lebensqualität von Betroffenen immens einschränken und führt häufig zur Vermeidung derartiger Situationen und somit auch zu sozialem Rückzug. Der folgende Beitrag schafft einen Überblick über das Störungsbild sowie mögliche Therapieansätze zur Behandlung.

Klassifikation, Diagnostik & Verlauf

Das Störungsbild der Agoraphobie ist im internationalen Klassifikationssystem ICD-10 im Kapitel der Angsterkrankungen neben weiteren sehr unterschiedlichen Störungen zu finden, welche im Kontext der Entstehung, des Verlaufs sowie der Behandlungserfordernisse unterschieden werden (Linden, 2005, S.409).

Wie im oben beschriebenen Fallbeispiel bereits deutlich wird, haben Menschen mit einer Agoraphobie Angst vor bestimmten Situationen, was häufig auch mit der Vermeidung dieser einhergeht. Kann die entsprechende Situation nicht gemieden werden, wird diese unter Angst ertragen und ausgehalten. Beispiele für derartige Situationen sind z.B. Autofahren, Aufzüge, öffentliche Verkehrsmittel, Kinos, Kaufhäuser, öffentliche Plätze und Situationen mit Menschenmengen. All diese Situationen haben gemeinsam, dass die Betroffenen sich in diesen Situationen ausgeliefert fühlen, die Situation nur schwer zu verlassen ist und dass Hilfe im Falle eines Notfalls nur schwer oder gar nicht zur Verfügung stehen könnte. Je nachdem wie stark das Störungsbild ausgeprägt ist, kann dies zur massiven Einschränkung der Lebensweise der Betroffenen führen und sogar zur Vermeidung des Verlassens der eigenen Wohnung (In-Albon & Margraf, S.1076-1077).

Die Entwicklung einer Agoraphobie wird durch ein Schlüsselerlebnis ausgelöst, bei dem die Patienten extreme Angstzustände aufgrund realer Gründe durchlebten. Derartige Angstzustände gehen zumeist einher mit starker vegetativer Dysregulation (z.B. Herzrasen, Gefühle drohender Ohnmacht, Schwindel), die sich bis hin zu Panikzuständen entwickeln und verstärken können. Häufig stellen sich Menschen in agoraphobischen Zuständen (mit oder ohne Panikzustand) bei Ärzten vor oder rufen den Notarzt (Linden, 2005, S.409-410).

Ein wichtiger und zentraler Aspekt der Agoraphobie stellt die „Angst vor der Angst“ oder auch der Erwartungsangst dar, d.h. Betroffene, die bereits einige Male agoraphobische Ängste in bestimmten Situationen erlebt haben, fürchten beim erneuten Besuch jener Situation, dass die Angst und die damit einhergehenden Symptome wieder eintreten könnte. Dies wird ausgelöst durch eine verstärkte Beobachtung der vegetativen Symptome der eintretenden Angst (Morschitzky, 2009, S.27).

Behandlung – Was hilft?

Patienten mit dem Störungsbild der Agoraphobie zeigen im therapeutischen explorativen Gespräch häufig Unzufriedenheiten bezüglich ihres Lebensstils, da sie das Gefühl des Kontrollverlusts über ihre psychophysiologischen Reaktionen verspüren, sie keine oder kaum eine Verwirklichung der eigenen Träume erreichen können, ihr Optimismus durch die negativen Kognitionen zerstört wird und es durch das geringe Selbstbewusstsein häufig zur Entwicklung zusätzlicher komorbider Störungen kommt (Schmidt-Traub, 2014, S.21).

Die Behandlung der Agoraphobie erfolgt meist ambulant, dabei ist die Aufklärung des Patienten über die Art der Erkrankung und entsprechender Behandlungsmöglichkeiten sowie der Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung zwischen Patient und Therapeut essenziell wichtig. Wie viele Studien bereits belegen konnten, zeigen sich besonders die kognitive Verhaltenstherapie und die medikamentöse Behandlung mit Antidepressiva wirksam in der Behandlung der Agoraphobie. Trotzdem kommt es häufig zu einer nur geringen und nicht ausreichenden Rückbildung der Symptome, daher bieten Ausdauertraining sowie die Expositionstherapie eine effektive Ergänzung zu den anderen therapeutischen Maßnahmen (Broocks & Bandelow, 2003, S.199).

Therapeutenbegleitete vs. Patientenbegleitete Exposition

Zur Behandlung der Agoraphobie ist die Expositionstherapie die am häufigsten praktizierte Methode im Rahmen der kognitiven Verhaltenstherapie (In-Albon & Margraf, S.1085). Bei der Expositionstherapie geht es darum, dass sich der Patient dem Gegenstand/Situation der Angst stellen muss. Durch die Konfrontation mit dem angstauslösenden Reiz wird eine Gegenkonditionierung ermöglicht, so dass Patienten lernen in Situationen, welche ihnen zuvor enorme Angst gemacht hatten, entspannt zu bleiben. Es existieren verschiedene Methoden der Expositionstherapie, welche sich im zeitlichen Rahmen und den Gegebenheiten der Konfrontation mit dem angstauslösenden Reiz unterscheiden (Gerrig, 2018, S.616).

Es existieren viele Wirksamkeitsbelege zur Methode der Expositionstherapie, jedoch ist es nach wie vor nicht ausreichend bekannt, welche Durchführungsmodalitäten die besten Effekte erzielen und welcher Wirkmechanismus der Exposition zugrunde liegt. Die MAC-Studie untersuchte daher die Effekte der therapeutenbegleiteten gegenüber der patientenbegleiteten Exposition und konnte dabei feststellen, dass die therapeutenbegleitete zu vermehrten Effekten und einer signifikanteren Verbesserung führte.

Es wird davon ausgegangen, dass Patienten mit einem ausgeprägten Störungsbild der Agoraphobie ein hohes Sicherheitsverhalten aufweisen und daher stärker von der Exposition mit Begleitung durch den Therapeuten profitieren. Darüber hinaus könnte die Anwesenheit des Therapeuten bei der Exposition zu einer Verringerung der Erwartungsangst sowie der Angstsensitivität führen (Lang et al., 2012, S.115-122).

Fazit & Ausblick

Die Agoraphobie mit oder ohne Panikstörung stellt die häufigste chronische Störung dar, welche zu einer massiven Beeinträchtigung der Lebensqualität der Betroffenen führt. Es dauert meist mehrere Jahre bis eine zutreffende Diagnosestellung erfolgt, da Betroffene meist mehrere Ärzte, aufgrund der starken vegetativen Symptome konsultieren.

Auch wenn die Wirksamkeit der kognitiven Verhaltenstherapie mit der Expositionstherapie empirisch bereits mehrmals belegt werden konnte, besteht trotzdem noch Forschungsbedarf in dem Bereich der Agoraphobie, da sich die Forschung die Frage der Ätiologie nach wie vor nicht vollständig klären kann.

Auch bei Forschungen zur therapeutenbegleiteten und patientenbegleiteten Exposition besteht noch Bedarf weiterer Untersuchungen, da bereits gezeigt werden konnte, dass die Anwesenheit des Therapeuten zu teilweise besseren Behandlungsergebnissen führte, jedoch bedarf es weitere Untersuchungen zur Unterscheidung der Übungsabläufe zwischen den Gruppen sowie die Wirkmechanismen und Effektivität der Durchführung von Expositionsverfahren.

Literatur- und Quellenverzeichnis

Brooks, A. & Bandelow, B., (2003), Panikstörung und Agoraphobie. In: Reimers, C.D. & Broocks, A. (Hrsg.), (2003), Neurologie, Psychiatrie und Sport, Stuttgart/Germany, DOI: 10.1055/b-0034-12584

Gerrig, R.J., (2018), Psychologie, 21. Aufl., Hallbergmoos/Germany

In-Albon, T. & Margraf, J., (2020), Panik und Agoraphobie. In: Hoyer, J. & Knappe, S. (Hrsg.), (2020), Klinische Psychologie & Psychotherapie, 3. Aufl., Berlin/Germany

Lang, T., Helbig-Lang, S., Gloster A.T., Richter, J., Hamm, A.O., Fehm, L., Fydrich, T., Gerlach, A.L., Ströhle, A., Alpers, G.W., Gauggel, S., Kircher, T., Deckert, J., Höfler, M., Arolt, V. & Wittchen, H.-U., (2012), Effekte therapeutenbegleiteter versus patientenbegleiteter Exposition bei Panikstörung mit Agoraphobie, Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psythotherapie, 41(2), 114-124, Göttingen/Germany, DOI: 10.1026/1616-3443/a000139

Linden, M., (2005), Agoraphobie und Panikerkrankung. In: Linden, M. & Hautzinger, M. (Hrsg.), (2005), Verhaltenstherapiemanual, 5. Aufl., Heidelberg/Germany

Morschitzky, H., (2009), Angststörungen – Diagnostik, Konzepte, Therapie, Selbsthilfe, 4. Aufl., Wien/Austria

Schmidt-Traub, S., (2014), Panikstörung und Agoraphobie – Ein Therapiemanual, 4. Aufl., Göttingen/Germany