Der Luzifer-Effekt – Teufel links, Engel rechts?

Werden Menschen böse geboren? Sind Menschen, die etwas Böses tun, vielleicht von Grund auf anders oder schlummert eine böse Seite in jedem von uns? 

Um diese Fragen zu klären schrieb der renovierte Psychologe Philip Zimbardo das Buch „Der Luzifer-Effekt – Die Macht der Umstände und die Psychologie des Bösen“[1]. Der Hauptthema des Buches widmet sich der Frage, was Menschen dazu veranlasst abscheulich und bösartige Taten zu vollbringen und beleuchtet dabei auch die Ursachen für verschiedene historische Gräueltaten und Verbrechen, wie den Holocaust, den Völkermorden von Stalin, Mao Tse-tung und der Hutu-Regierung in Ruanda.[2]

Abbildung 1: Cover von „Der Luzifer-Effekt – Die Macht der Umstände und die Psychologie des Bösen“

Ein kurzer Überblick über den Inhalt

Entgegen der Meinung vieler Medien und öffentlichen Stellungnahmen, die abscheuliche Verbrechen häufig als die Schandtat eines „schwarzen Schafes“ darstellen, postuliert Zimbardo, dass Menschen Produkte ihrer Umwelt sind und gewisse Umstände Menschen dazu verleiten können Böses zu tun.[3] Dem Autor nach tendieren die klinische und die Persönlichkeitspsychologie zu stark dazu, die Ursachen für die Verbrechen in der Person selbst zu suchen, während die Bedingungen und Umstände der Situation die eigentlichen Verantwortlichen sind.[4]

Diese These wird im Verlauf des Buches eindrucksvoll anhand des Stanford Prison Experiments erläutert. Zimbardo beschreibt diesen Versuch in allen Details und zeigt, wie aus durchschnittlichen Menschen sadistische Wärter wurden, weswegen der Versuch schon bereits nach nur wenigen Tagen abgebrochen werden musste. Diese Ergebnisse sind besonders tragisch, wenn man bedenkt, dass es sich bei den Teilnehmern um durchschnittliche Studenten der Standford Universität handelte.[5] Dieser Versuch hat klar gezeigt, dass durchschnittliche Menschen in kürzester Zeit ihre Persönlichkeit grundlegend ändern können, selbst wenn diese Veränderung böse Charakterzüge beinhaltet.

Darüber hinaus macht der Autor mehrere Faktoren für diese situationsbedingten Persönlichkeitsänderungen verantwortlich, in denen ganz normale Menschen zu bösen Menschen werden. Seiner Meinung nach spielen unter anderem die Anonymität, die zum Beispiel durch das Tragen von Uniformen gefördert wird, sowie kognitive Dissonanz, soziale Billigung und die Entmenschlichung entscheidende Rollen.[6] Besonders aufschlussreich sind dabei die Beispiele, an denen diese Behauptungen belegt sind. Diesbezüglich sind vergangene Gräueltaten ausführlich beschrieben und anhand psychologischer Einflüsse erklärt. So ist als einer der Gründe für den Völkermord der Nazis an den Juden beispielsweise die Entmenschlichung genannt. Diese Entmenschlichung fand durch die Abwertungen der Juden zu „Kakerlaken“ statt, dass zur Legitimierung und Rationalisierung dieses abscheulichen Verhalten beigetragen hat.[7] Viele solcher Ereignisse sind in dem Verlauf des Buches systematisch dargestellt und darüber hinaus erklärt, wie diese sozialpsychologischen Konstrukte Einfluss auf die Realität des Menschen nehmen, sodass sich diese so grundlegend verändern, dass es zu situationsbedingten Persönlichkeitsänderungen kommt.

Meine Rezension

Zimbardo gehört zu den wahrscheinlich berühmtesten Psychologen unserer Zeit. Sein berühmtester Versuch und gleichzeitig bedeutsamster Beitrag zur Sozialpsychologie ist das Stanford Prison Experiment, dass sogar erfolgreich verfilmt worden ist.[8] Allerdings muss ich offen gestehen, dass die Dramatik und potenziellen Ausmaße der Erkenntnisse Zimbardos trotzdem für mich erschreckend waren. Zwar ist mir bewusst, dass Menschen durchaus manipulierbar sind und dazu gebracht werden können Dinge zu tun, die sie unter normalen Umständen nicht tun würden. Mir war jedoch nicht bewusst, wie tief gehend diese Manipulierbarkeit wirklich reicht. Der Gedanke, dass wir alle unter den richtigen beziehungsweise falschen Umständen dazu in der Lage sind uns in Mördern oder sogar schlimmeres zu verwandeln, lässt einen doch stutzig werden. Darüber hinaus ist das Buch sehr systematisch aufgebaut und spannend geschrieben. Zimbardo schafft es das Standford Experiment fesselnd aus seiner Sicht mit vielen Details zu erzählen, sodass eine Geschichte entsteht, die einem Roman in nichts nachsteht. Anschließend erfolgt eine Erklärung der Ereignisse, sowie ein paar Regeln um sich gegen „die Macht des Bösen“ abzuschirmen. Meiner Meinung nach sollte dieses Buch zur Pflichtlektüre im Feld der Sozialpsychologie gehören. Zimbardo schafft es eindrucksvoll die Einflüsse sozialpsychologischer Konzepte darzustellen, sowie eine legitime Antwort auf die Frage zu finden, was Menschen veranlasst Böses zu tun. Allerdings ist dieses Buch auch für Führungskräfte und Politiker empfehlenswert, da viele Entscheidungen, die zu solchen Situationen, wie zum Beispiel den Holocaust geführt haben, von Politikern und weltlichen Anführern zu verantworten sind. Daher macht es für Menschen in solchen Positionen Sinn sich darüber im Klaren zu sein, wie ihre Entscheidungen wortwörtlich für die Entstehung des Bösen verantwortlich sind.

Fußnoten

[1] Vgl. Zimbardo/Petersen (2008), S. 3

[2] Vgl. Zimbardo/Petersen (2008), S. 4

[3] Vgl. Zimbardo/Petersen (2008), S. 191-192

[4] Vgl. Zimbardo/Petersen (2008), S. 6

[5] Vgl. Zimbardo/Petersen (2008), S. 192-193

[6] Vgl. Zimbardo/Petersen (2008), S. 287-289

[7] Vgl. Zimbardo/Petersen (2008), S. 295

[8] Vgl. Stanford Prison Experiment (o. J.)

Literaturverzeichnis

Stanford Prison Experiment. (o. J.). Quiet Rage: The Documentary. Abgerufen 9. Dezember 2019, von https://www.prisonexp.org/quiet-rage

Zimbardo, P. G., & Petersen, K. (2008). Der Luzifer-Effekt: Die Macht der Umstände und die Psychologie des Bösen. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag.

Abbildungsverzeichnis

Beitragsbild:

https://pixabay.com/de/illustrations/h%C3%B6lle-fegefeuer-himmel-treppe-pfad-735995/

Abbildung 1:

Cover von Zimbardo, P.: Der Luzifer-Effekt – Die Macht der Umstände und die Psychologie des Bösen. 2008; Foto: Tore Böge