Das Messie-Syndrom – Wenn Unordentlichkeit zur Krankheit wird

Deutschlandweit gibt es etwa 2,5 Millionen Messies. Der Lebensraum dieser 2,5 Millionen Menschen wird mehr und mehr von all den Dingen überwuchert, die sie horten. Grenzenlos gesammelte Gegenstände wie Bücher, Altpapier, Kleidung – zum Teil sogar noch unausgepackt – stapeln sich akkurat bis zur Zimmerdecke. Das sind 2,5 Millionen Menschen, die aufgrund einer Zwangserkrankung ihre sozialen Kontakte im Extremfall bis auf null zurückfahren, um Besucher nicht in ihre Wohnung lassen zu müssen. Es ist wie in einer Abwärtsspirale, in der die Betroffenen immer weiter aus einem normalen Leben herausgezogen werden.[1]

 

Was ist überhaupt ein „Messie“?

Abgeleitet wird der Begriff vom englischen Wort „mess“, was so viel wie Chaos oder Durcheinander bedeutet.[2] Als Messies werden seit Ende der neunziger Jahre diejenigen Menschen bezeichnet, die zwanghaft Dinge sammeln und sich nicht davon trennen können. Objekte der Sammelleidenschaft sind meist Gegenstände, denen die Betroffenen persönlichen Wert oder einen potenziellen Nutzen beimessen. Man findet in Messie-Wohnungen also vor allem Papiere wie alte Unterlagen, Zeitungen und Werbespots, aber auch Kleidung, kaputte Elektrogeräte und Geschirr.[3]

Zudem ist es ein weit verbreitetes Missverständnis, dass alle Messies in ihrer Wohnung vermüllen oder verwahrlosen. Nicht ganz unschuldig sind dabei auch die Medien, die ausschließlich die skandalösen Aspekte in den Vordergrund stellen.[4] Es ist tatsächlich nur eine kleine Minderheit, die Essensreste und Abfälle sammelt und zwischen Ungeziefer und Schmutz lebt. Dieser Zustand wird auch Vermüllungssyndrom genannt und tritt eher in Verbindung mit anderen psychischen Erkrankungen (z.B. Demenz oder Schizophrenie) auf.[5]

 

Ein innerer Messie-Zustand

Bei einem Messie-Syndrom handelt es sich nicht einfach nur um äußerliche chaotische Zustände, die man mit ein bisschen Organisationstalent wieder in den Griff bekommen könnte. Das Problem eines Messies liegt viel tiefer im Inneren der Person.[6] Die Betroffenen schaffen es nicht, die äußeren Anforderungen der Umgebung mit den eigenen Wünschen und Trieben in Einklang zu bringen. Sie sind ständig auf der Suche nach etwas, das sie nicht benennen können.[7] Unbewusst versuchen sie „Löcher in der Seele“[8] zu stopfen. Ursachen dafür können Bindungsstörungen, kritische Lebensereignisse oder traumatische Verlusterlebnisse sein, die eine Einschränkung des emotionalen Erlebens hervorrufen. Um dies zu kompensieren, besitzen sie Gegenstände, an denen sie sich zwanghaft festhalten. Das Ganze wird in der Gesellschaft oberflächlich als Messie-Verhalten bezeichnet, meist steckt dahinter aber eine Mischung aus mehreren Krankheitsbildern.[9]

 

Zwangsstörung, Sucht, Depression – Eine Kombination aus allem

 

Zwangsstörung

Der überwiegende Teil der Messies weist keine klassische Zwangsstörung, sondern nur zwanghafte Elemente auf. Zwanghafte Messies können sich nicht von emotional besetzten Gegenständen lösen. Sie erleben die Trennung von einem Gegenstand als Verlust eines Teils der eigenen Identität und ist hochgradig angstbesetzt. Auch ein extremes Vermeidungsverhalten, bei dem die Betroffenen alle anstehenden Entscheidungen vor sich herschieben – aus Angst etwas falsch zu machen – kann ein weiterer Grund für eine Zwangsstörung sein.[10]

 

Sucht

Um den unerträglichen Zustand von Leere auszublenden, kaufen und sammeln Messies Gegenstände, ohne diese Dinge eigentlich zu wollen oder zu brauchen. Diese Sucht ist wie eine Behandlung für sie selbst, um die innere Leere auszugleichen.[11] Die zwanghaften Messies gehen sehr ordentlich und strukturiert mit dem Sammeln und Horten um. Die Suchtkranken hingegen haben einen ausgeprägten Kontrollverlust, der sich in chaotischen und unstrukturierten Zuständen ohne System zeigt.[12]

 

Depression

Auch sind häufig einsame und depressive Menschen vom Messie-Syndrom betroffen. Die materiell greifbaren Objekte dienen als Ausgleich für den Mangel an Zuwendung und die eigene Gefühlsarmut. Um das Selbstwertgefühl zu steigern, sammelt der Depressive immer mehr Gegenstände und landet so in einem Teufelskreis. Die wahren sozialen Defizite können durch die fortschreitende Isolation nicht aufgefangen werden. Das führt wiederum zu einer Verschlimmerung der Depression.[13]

 

Wie kann geholfen werden?

Es ist wichtig zu wissen, dass Messies zwar Hilfe brauchen, sich diese Hilfe aber nicht auf die Bewältigung des Haushalts oder Aufräum- und Entrümpelungsarbeiten beschränken dürfen. Vielmehr müssen die psychischen Hintergründe der betroffenen Person miteinbezogen werden.[14] Hilfreich wäre eine professionelle psychotherapeutische Therapie, die aber nur dann Erfolg haben kann, wenn der Betroffene den Willen hat, seine Situation zu verändern. Jedoch ist das häufig schon der Punkt, an dem es scheitert, denn viele lehnen zunächst Hilfsangebote ab. Hat sich eine Person für eine Therapie entschieden, stehen die Erfolgschancen relativ gut. Gleichzeitig zur Verhaltenstherapie sollten auch die Angehörigen miteinbezogen werden, damit das Verständnis für das Messie-Syndrom gefördert und der Umgang mit der Störung erleichtert wird.[15]

 

Fazit

Für die vom Messie-Syndrom betroffenen Menschen und auch für ihre Angehörigen braucht es viel Geduld, um sich von alten Verhaltensmustern lösen zu können. Abhilfe lässt sich auf Dauer nur mit gegenseitiger Achtung und Wertschätzung schaffen. Dabei ist meist der Schlüssel zum Erfolg derjenige Ansatz, der nicht das Symptom in den Vordergrund stellt, sondern den eigentlichen Beweggrund der Betroffenen dahinter aufspürt.[16]

 

Fußnoten

[1] Vgl. Schröter (2017), S. 11

[2] Vgl. Gross (2002)

[3] Vgl. Spektrum (2014)

[4] Vgl. Schröter (2017), S. 12

[5] Vgl. Spektrum, (2014)

[6] Vgl. Schröter (2017), S. 12

[7] Vgl. Gross (2002)

[8] Gross (2002)

[9] Vgl. Gross (2002)

[10] Vgl. Gross (2002)

[11] Vgl. Rehberger (2013), S. 8

[12] Vgl. Gross (2002)

[13] Vgl. Gross (2002)

[14] Vgl. Neurologen und Psychiater im Netz (2015)

[15] Vgl. Neurologen und Psychiater im Netz (2015)

[16] Vgl. Schröter (2017), S. 12-13

 

Literatur

Gross, W. (2002): Messie-Syndrom: Löcher in der Seele stopfen, https://www.aerzteblatt.de/archiv/33777/Messie-Syndrom-Loecher-in-der-Seele-stopfen, abgerufen am 03.09.2019

Neurologen und Psychiater im Netz (2015): Messie-Syndrom: Hilfe im Haushalt für die Betroffenen nicht nützlich, https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/psychiatrie-psychosomatik-psychotherapie/ratgeber-archiv/meldungen/article/messie-syndrom-hilfe-im-haushalt-fuer-die-betroffenen-nicht-nuetzlich/, abgerufen am 04.09.2019

Rehberger, R. (2013), Selbsthilfe für Messies: Ursachen verstehen – Änderungen wagen, Stuttgart

Schröter, V. (2017), Messie-Welten: Das komplexe Störungsbild verstehen und behandeln, Stuttgart

Spektrum (2014): Messie-Syndrom, https://www.spektrum.de/ratgeber/messie-syndrom/1018463, abgerufen am 03.09.2019

 

Bildquelle

https://pixabay.com/de/illustrations/chaos-ordnung-chaostheorie-485491/