Was versteht man unter „Emotionaler Abhängigkeit“?

„Freiwillige Abhängigkeit ist der schönste Zustand, und wie wäre der möglich ohne Liebe.“[1]

Abhängigkeit bedeutet u. a. das „unausweichliche Angewiesensein eines Individuums […] auf andere Individuen.“[2] Während Goethe Abhängigkeit als schönsten Zustand in einer Beziehung bezeichnet, wird diese heutzutage häufig als „toxisch“ betitelt. Destruktive Abhängigkeit gilt mittlerweile als ein weiterverbreitetes Problem, das zu einer Zunahme emotionaler Störungen führt.[3]

Definition & Merkmale 

Eine Liebesbeziehung einzugehen, steht unvermeidbar in Verbindung mit emotionaler Abhängigkeit, da man sich in die Hände eines anderen Individuums begibt und somit verletzbar wird. Das Ausmaß variiert dabei von absoluter und somit beeinträchtigender Hörigkeit bis hin zu positiven Formen, die das Leben beglücken.[4]

Emotionale Abhängigkeit äußert sich primär darin, dass eigene Bedürfnisse unter die einer anderen Person gestellt werden, wodurch ein Ungleichgewicht innerhalb der Beziehung resultiert. Persönliche Wünsche und eigenes Glück rücken in den Hintergrund. Die persönliche Freiheit wird somit eingeschränkt. Gleichzeitig ist emotionale Abhängigkeit durch ein durchgängiges Streben nach Aufmerksamkeit durch den Partner charakterisiert. Die Abwesenheit des Partners wird deshalb häufig von Panik begleitet. Neben den aus diesen Merkmalen resultierenden Ängsten (Angst vor Alleinsein und Verlust der Zuneigung) existieren noch weitere Ängste, die emotionale Abhängigkeit bestimmen. Dazu gehören die Angst vor Bedeutungslosigkeit, Machtverlust und vor Verlust des Sinnes.[5]

Eine ausgeprägte emotionale Abhängigkeit gilt als dependente (abhängige) Persönlichkeitsstörung. Zu den bereits genannten Kennzeichen kommt hinzu, dass Betroffene eine andere Person benötigen, die die vollständige Verantwortung für sie übernimmt.[6] Sie weisen eine eingeschränkte Fähigkeit auf, alltägliche Entscheidungen zu treffen uns sind gehemmt, anderen zu widersprechen. Charakteristisch ist zudem unterwürfiges interpersonelles Verhalten.[7] Betroffene werden außerdem von Insuffizienzgefühlen begleitet.[8]

Entwicklung

Für emotionale Abhängigkeit existieren verschiedene potenziell auslösende Faktoren, wie bspw. Verlustangst, die Betroffene in einer Beziehung ständig begleitet und meist aus einem vorherig erlebten Verlust resultiert. Die Angst, den Partner an eine andere Person zu verlieren, geht dabei mit der Selbstaufgabe einher, diesen bestmöglich zu halten.[9] Emotionale Abhängigkeit kann zudem aus einem niedrigen Selbstwertgefühl hervorgehen. Dieses verstärkt wiederum die Verlustangst und mündet häufig in ausgeprägten Anklammerungstendenzen verbunden mit Eifersuchtsgefühlen.[10] Auch die Unzufriedenheit bezüglich des eigenen Lebens gilt als potenziell ursächlicher Faktor. Hierbei kann es Betroffenen schwerfallen, eine gleichgewichtige Freude zu erzeugen, wie sie durch den Partner hervorgerufen wird. Parallel fehlt es Betroffenen durch ihren primären Fokus auf den Partner an sozialen Kontakten und Hobbys, die das Potenzial hätten, sie unabhängig von ihrem Partner zu erfüllen.[11]

Auswirkungen auf Betroffene & die Bindungsbeziehung 

Emotionale Abhängigkeit kann sich negativ auf den eigenen Selbstwert auswirken, da dieser abhängig von dem Partner ist bzw. von diesem durch die eigenen Handlungen und Denkweisen definiert wird. Betroffene können außerdem meist keine realen Einschätzungen der Situationen mehr vornehmen, wodurch das „Machtverhältnis“ innerhalb der Beziehung verschoben wird. Auch das ständige Handeln nach den Bedürfnissen des Partners kann sich längerfristig negativ auf die eigene mentale Gesundheit auswirken, da persönliche Wünsche dauerhaft untergraben werden.[12] Um die Beziehung aufrechtzuerhalten, gestalten emotional abhängige Menschen diese eher submissiv. Aufgrund ihrer ausgeprägten Empathie gelingt es ihnen meist, in Abhängigkeit von der Persönlichkeit des Partners, eine befriedigende anhaltende Beziehung zu führen. Allerdings stellen Eigenschaften wie mangelnde Verantwortungsübernahme, verbunden mit demonstrierter Hilflosigkeit sowie Anklammerungstendenzen eine Gefährdung für die Beziehung dar. Der Partner kann sich hierdurch eingeengt und belastet fühlen. Außerdem stellt es sich als schwierig heraus, für das Glück einer anderen Person zu sorgen und die Verantwortung für diese weitestgehend zu übernehmen. Eine darauffolgende Trennung kann mit krisenhaften Zuspitzungen in Kombination mit Depressivität einhergehen.[13]

Methoden zur Überwindung 

Um emotionale Abhängigkeit zu überwinden, muss diese an der Wurzel (= Verlustangst, niedriges Selbstwertgefühl, Unzufriedenheit) angepackt werden. Fokussiert wird deshalb besonders die persönliche Weiterentwicklung der betroffenen Person. Diese muss lernen, für sich selbst zu sorgen, Verantwortung zu übernehmen und weniger Kompromisse zu schließen. Sie sollte auf ihr gesamtes Umfeld achten und sich mehr Selbstliebe zukommen lassen. Die Bedürfnisse beider Partner sollten gleichermaßen erfüllt und somit ein Gleichgewicht hergestellt werden. Eine offene Kommunikation ist dabei unumgänglich.[14]

Manifestiert sich eine dependente Persönlichkeitsstörung, stellt Psychotherapie eine mögliche Methode zur Behandlung dar. Allerdings existieren hierfür keine Wirksamkeitsnachweise. Mithilfe von psychoedukativen Strategien wird versucht, die Autonomie und Unabhängigkeit der Betroffenen zu fördern und zugleich das Selbstwertgefühl zu stärken.[15]

Fazit

Emotionale Abhängigkeit ist in einer Bindungsbeziehung unvermeidbar und ist bis zu einem gewissen Grad normal und gesund. Nimmt die Abhängigkeit allerdings ein Ausmaß an, in dem Betroffene ihre Bedürfnisse und Wünsche untergraben, in ihrer Freiheit eingeschränkt oder spezifische Ängste aufweisen, sollte eine Änderung bezüglich der eigenen persönlichen Entwicklung entweder mittels eigener Ressourcen mitmilfe psychotherapeutischer Begleitung angestrebt werden.

Eine weitere zusammenfassende Erklärung der Begrifflichkeit liefert die frei verfügbare Podcastfolge von der Psychologin Muriel Böttger:[16]

Emotionale Abhängigkeit – Podcastfolge von Muriel Böttger


[1] Von Goethe (1854), S. 221.

[2] Becker-Carus (2020).

[3] Vgl. Röhr (2007), S. 4.

[4] Vgl. Röhr (2007), S. 4.

[5] Vgl. Röhr (2007), S. 14-16.

[6] Vgl. Pichlhöfer (2013), S. 121.; Röhr (2007), S. 3.

[7] Vgl. Fiedler (2011), S. 1104; Caspar/Pjanic/Westermann (2018), S. 135.

[8] Vgl. Herpertz/Habermeyer/Bronisch (2011), S. 1027.

[9] Vgl. Matyjas (2015), S. 82; Röhr (2007), S. 11; Röhr (2007), S. 47.

[10] Vgl. Röhr (2007), S. 47-48.

[11] Vgl. Röhr (2007), S. 20.

[12] Vgl. Fiedler (2011), S. 518-519.; Röhr (2007), S. 14-16.

[13] Vgl. Herpertz/Habermeyer/Bronisch (2011), S. 1027.

[14] Vgl. Böttger (2020).

[15] Vgl. Herpertz/Habermeyer/Bronisch (2011), S. 1047.

[16] Vgl. Böttger (2020).


Literatur

Caspar, F./Pjanic, I./Westermann, S. (2018), Klinische Psychologie, Wiesbaden.

Fiedler, P. (2011), Persönlichkeitsstörungen. In: Wittchen, H.-U./Hoyer, J. (Hrsg.), Klinische Psychologie & Psychotherapie, 2. Aufl., Berlin/Heidelberg, S. 1101-1124.

Herpertz, S. C./Habermeyer, V./Bronisch, T. (2011), Persönlichkeitsstörungen. In: Möller, H.-J./Laux, G./Kampfhammer, H.-P. (Hrsg.), Psychiatrie, Psychosomatik, Psychotherapie, 4. Aufl., Berlin/Heidelberg, S. 989-1059.

Matyjas, D. P. (2015), Bindung und Partnerschaftsmodell – Nicht-monogame und monogame Partnerschaften im Kontext von Angst und Vermeidung, Wiesbaden.

Pichlhöfer, C. (2013), Beziehungsdynamik von Co-Abhängigen und Menschen mit abhängiger Persönlichkeitsstörung. In: Kern, S./Spitzer-Prochazka, S. (Hrsg.), Das Drama der Abhängigkeit – Eine Begegnung in 16 Szenen, Wiesbaden, S. 117-131.

Röhr (2007), Wege aus der Abhängigkeit: Destruktive Beziehungen überwinden, Düsseldorf/Zürich.

Von Goethe, Johann Wolfgang (1854), Goethe’s sämtliche Werke – Band 1, Stuttgart.

Internetquellen

Becker-Carus, C. (2020), Abhängigkeit. https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/abhaengigkeit#search=6176df5d4e7d40a610e5c451d7c99d42&offset=0online abgerufen am 07.04.2021.

Böttger, M. (2020), Abhängigkeiten in Beziehungen – Warum du an erster Stelle stehst [Audio-Podcast], In: Share & Grow – Dein Podcast für positive Psychologie und ein starkes Mindset, https://shareandgrow.libsyn.com/abhngigkeiten-in-beziehungen-warum-du-an-erster-stelle-stehst?tdest_id=611659&fbclid=IwAR3E99P8Sf_EOW-PRyUTWpce_ajV00TwrQkDGPh7QKSgL43DsUCvOFA3q_g, online abgerufen am 29.06.2021.

Bildquelle (Titelbild)

Comfreak (2016), https://pixabay.com/de/photos/frau-mann-wasser-paar-zusammen-1369253/, online abgerufen am 12.04.2021.