Und wenn sie nicht gestorben sind, dann betrügen sie sich noch heute – Ist Monogamie nur eine Wunschvorstellung?

Bis dass der Tod euch scheidet, so lautet die Idealvorstellung der Menschen in monogamen Beziehungen. Die eine große Liebe, davon träumen viele. Dabei sind die Ansprüche an die Ehe höher als früher. Romantisch soll sie sein, dazu ein verlässlicher Partner, die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit bei gleichzeitiger Freiheit.[1] Zudem erwarten rund 90 % Treue von ihrem Partner. Kann eine monogame Beziehung all diese Ansprüche erfüllen?

In unserer heutigen Gesellschaft ist die serielle Monogamie vorherrschend. Es werden Beziehungen mit einem Partner geführt und nach mittelfristigen Zeiträumen wieder aufgelöst.[2] Die Form der Monogamie kann zu tiefen emotionalen Verbindungen führen und die Persönlichkeitsentwicklung bereichern, gleichwohl führen diese Gründe vermutlich auch zu der höheren Trennungs- und Scheidungsrate, weil sie große Erwartungen schüren.[3]

Monogamie liegt in unseren Genen, Treue nicht!

Im Tierreich bedeutet Monogamie, dass das Paar während der Paarungszeit zusammenbleibt, sie impliziert jedoch keine Treue. Damit ist die biologische Definition von Monogamie nicht auf den Menschen übertragbar. Für Menschen ist Monogamie mit Treue verbunden. Dennoch geht jeder Zweite fremd. Bei Apps wie Tinder ist fast die Hälfte aller Mitglieder liiert; 30 % davon verheiratet.[4] Laut einer Umfrage der ElitePartner-Studie 2020 lag sogar bereits jeder Dritte in einem fremden Bett.[5] Diese Zahlen schließen nicht nur auf ein paar schwarze Schafe, sondern auf ein grundlegendes Problem mit der Treue.

Ob jemand treu ist oder nicht, lässt sich nicht durch eine genetische Veranlagung erklären. Es hängt von unserer Entscheidung zu einem bestimmten Verhalten zusammen. Wir haben die Wahl, ob wir treu sein wollen oder nicht.[6] Allerdings wird es uns nicht leicht gemacht. Heutzutage ist die Versuchung zur Untreue wesentlich größer als noch vor einigen Jahren. So lässt sich sexuelle Intimität heutzutage per App bestellen wie eine Pizza. Und das sogar ganz anonym.

Einige Menschen neigen eher zum Fremdgehen als andere. Einen erheblichen Einfluss darauf hat die Bindungsbeziehung zur Mutter. Hatte ein Kind bei Abwesenheit der Mutter keinen Kummer, zeigt dieses Kind im Erwachsenenalter tendenziell eher Neigungen zum Fremdgehen. Sie haben Angst vor zu engen Bindungen. Kinder, die die Nähe zur Mutter suchten, entwickelten Vertrauen und Bindung.[7] Fremdgehen könnte somit ein Ausdruck der Angst vor zu viel Nähe und emotionaler Bindung sein. Die Untreue schafft eine Distanzierung zur Beziehung.[8] Inwiefern die Beziehungszufriedenheit eine Rolle spielt, kann anhand von Studien nur schwer nachgewiesen werden, da die Zufriedenheit durch einen Betrug auf beiden Seiten sinken kann. In Studien wurden oft die Gründe ‚Reiz nach Neuem‘ und ‚sexuelle Attraktion‘ genannt.[9]

Über die Frage, wer häufiger fremdgeht, Mann oder Frau, sind sich die Studien im Internet uneinig. Aber viel wichtiger sind die Gründe. Frauen gehen vorwiegend aus emotionalen Gründen wie zu wenig Zuwendung oder Aufmerksamkeit in der Beziehung fremd. Männer hingegen geben ihren kurzfristigen körperlichen Impulsen nach, ganz nach dem Motto „die Gelegenheit hat sich kurzfristig ergeben“.[10]

Wo beginnt Untreue?

Auch hier herrscht Uneinigkeit. Zudem gibt es keine Definition von Untreue. Für den einen ist es bereits das heimliche Schreiben mit einer anderen Person, für andere beginnt sie erst bei körperlicher Intimität. Demnach muss jedes Paar für sich Regeln aufstellen. Und da liegt oftmals schon das Problem. Das Thema (Un-)Treue kommt bei den meisten erst auf den Tisch, wenn sie bereits in einer Krise stecken.[11] Eine schlechte Kommunikation zerstört die Beziehung. Eine offene und ehrliche Kommunikation hingegen kann Untreue verhindern. Wir müssen den Partner verstehen wollen und von ihm verstanden werden.[12]

Wenn Treue so schwerfällt, warum halten wir dann an der Monogamie fest? 

Evolutionär bedingt neigen wir dazu, uns nach stark emotionalen und dauerhaften Beziehungen zu sehnen. Heutzutage ist es ein psychisches Grundbedürfnis, sich mit einem ausgewählten und nicht austauschbaren Partner zu verbinden.[13] Der Geist ist also durchaus monogamiewillig, doch die Sinneslust und Körperlichkeit führt zu einem ewigen Kampf gegen die Untreue.[14] Für eine monogame Beziehung spricht in erster Linie der Wunsch nach Treue, den die meisten Menschen haben. Diese Art der Beziehung wirkt sich zudem positiv auf die psychische Gesundheit aus. So leiden Menschen in einer langjährigen glücklichen Beziehung seltener unter Angststörungen und Depressionen. Auch Kinder profitieren von der Beziehungsform, da sie durch das Aufwachsen mit beiden Elternteilen stabilere Beziehungen aufbauen können und im Erwachsenenalter weniger unter Bindungsangst leiden.[15] Der Haken: jede dritte Ehe wird heutzutage geschieden. Der häufigste Grund ist Untreue. Vom Heiraten lassen wir uns dennoch nicht abbringen.[16] Dies lässt sich vor allem dadurch erklären, dass jeder hofft, dass es gut geht.[17]

Früher war alles besser! Oder?

Zeigten doch unsere Vorgängergenerationen viel stabilere Beziehungen, die oftmals bis zum Lebensende hielten. Trotzdem lässt sich diese Frage mit einem klaren „Nein“ beantworten. Früher waren Frauen abhängiger als heute, da sie sowohl aus finanziellen, als auch soziokulturellen Gründen nicht alleine leben konnten.[18] Untreue gehörte auch früher schon zum Standardprogramm. Der Unterschied zu heute liegt darin, dass die Paare trotzdem zusammenblieben. War ihre Ehe doch eine gute Zweckgemeinschaft; diente dem Überleben des Partners und der Nachkommen.[19] Mit der Unabhängigkeit der Frauen kam auch ihre Untreue. So gehen heute mehr Frauen fremd als noch vor einigen Jahren.[20]

Durch die Veränderung der Rollenbilder von Mann und Frau, befinden wir uns in einem Wandlungsprozess. Weg von den alten Beziehungsmodellen hin zu mehr freiem Entscheidungswillen.[21] Weitere Beziehungsmodelle werden gesellschaftsfähig. Die offenen Beziehungen, das Dauer-Singlesein, die Polyamorie, Ehe für Homosexuelle oder auch die Singles im beziehungsähnlichem Zustand.

Fazit Ob Monogamie noch zeitgemäß ist, mag ich nicht zu beurteilen. Die steigende Scheidungsrate bei gleichzeitig sinkenden Eheschließungen zeigt lediglich eine Tendenz.[22] Wir haben heutzutage die Wahl, die für uns passende Beziehungsform frei auszuleben, ob nun mit einem Partner oder mehreren, in einer offenen Beziehung oder in einer Monogamie bleibt jedem selbst überlassen.[23]


[1] Vgl. (Hoffmann & Huss, 2020)

[2] Vgl. (Braza, 2021, S. 3)

[3] Vgl. (Hoffmann & Huss, 2020)

[4] Vgl. (Ott, 2015)

[5] Vgl. (presseportal.de, 2020)

[6] Vgl. (Wagener, 2019)

[7] Vgl. (Matyjas, 2015, S. 29)

[8] Vgl. (Wissenschaft.de, 2008)

[9] Vgl. (Bozoyan & Schmiedeberg, 2020, S. 3)

[10] Vgl. (Beil, 2020)

[11] Vgl. (Perel, 2020)

[12] Vgl. (Gordon, 2013)

[13] Vgl. (Matyjas, 2015, S. 27)

[14] Vgl. (Lendt & Fischbach, 2011)

[15] Vgl. (lemonswan.de)

[16] Vgl. (Gulder, 2017, S. 121)

[17] Vgl. (Braza, 2021, S. 4)

[18] Vgl. (Klein, 2001, S. 69)

[19] Vgl. (Seitensprung-Fibel.de)

[20] Vgl. (Beil, 2020)

[21] Vgl. (Gulder, 2017, S. 123)

[22] Vgl. (Ekert & Ekert, 2005, S. 68)

[23] Vgl. (Frey, 2017, S. 302)

Literaturverzeichnis

Beil, J. (16.06.2020). Businessinsider.de. Abgerufen am 29.09.2021 von Fremdgehen in Beziehungen: Was Untreue angeht, haben Frauen die Männer überholt: https://www.businessinsider.de/leben/beziehung/fremdgehen-statistik-warum-frauen-heute-mehr-betruegen-als-maenner/

Bozoyan, C., & Schmiedeberg, C. (09.04.2020). Zufriedenheit in der Partnerschaft und Untreue:. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie.

Braza, A. (2021). Der beziehungsfähige Mensch: Wie Sie mehr Glück und Liebe in Ihre Beziehungen bringen. Berlin.

Ekert, B., & Ekert, C. (2005). Psychologie für Pflegeberufe: Ein Lehr-, Lern- und Arbeitsbuch. Stuttgart.

Frey, D. (2017). Psychologie der Märchen: 41 Märchen wissenschaftliche analysiert – und was wir heute aus ihnen lernen können. München.

Gordon, T. (2013). Gute Beziehungen: wie sie entstehen und stärker werden. Stuttgart.

Gulder, A. (2017). Aufgewacht! Finde das Leben, das dich glücklich macht. Frankfurt am Main.

Hoffmann, U., & Huss, A. (2020). 145 Fragen zur Liebe – Die wichtigsten Erkenntnisse für eine glückliche Beziehung. Igling.

Klein, T. (2001). Partnerwahl und Heiratsmuster: Sozialstrukturelle Voraussetzungen der Liebe. Wiesbaden.

lemonswan.de. Abgerufen am 23.09.2021 von Monogame Beziehung: zeitgemäßes Ideal oder veraltet?: https://lemonswan.de/ratgeber/lemonswan-tipps/monogame-beziehung/

Lendt, H., & Fischbach, L. (2011). Treue ist auch keine Lösung: Ein Plädoyer für mehr Freiheit in der Liebe. München.

Matyjas, P. (2015). Bindung und Partnerschaftsmodell: Nicht-monogame und monogame Partnerschaften im Kontext von Angst und Vermeidung. Wiesbaden.

Mayrhofer, D. (2018). Liebe, wie es dir gefällt, aber …: Diversität von Beziehungsformen und die Frage des Umgangs mit Idealvorstellungen, Werten und Normen in der Psychotherapie und Beratung. Wiesbaden.

Ott, C. (07.05.2015). Welt.de. Abgerufen am 23.09.2021 von 42 Prozent aller Tinder-Nutzer sind bereits liiert: https://www.welt.de/partnerschaft/article140603013/42-Prozent-aller-Tinder-Nutzer-sind-bereits-liiert.html

Perel, E. (2020). Was Liebe aushält: Untreue überdenken, ein Buch für alle, die jemals geliebt haben. Hamburg.

presseportal.de. (27.10.2020). Von Untreue-Studie: Für jede vierte Frau beginnt Fremdgehen schon beim Flirten: https://www.presseportal.de/pm/55165/4745560 abgerufen

Seitensprung-Fibel.de. Abgerufen am 30.09.2021 von Treue früher und heute: Wie hat sich die Vorstellung von Treue in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten gewandelt?: https://www.seitensprung-fibel.de/expertenrat/treue/treue-frueher-heute.php#answer1

Wagener, J. (06.02.2019). zeit.de. Abgerufen am 25.09.2021 von Ob du treu oder untreu bist, hängt nicht von deinen Genen ab: https://ze.tt/ob-du-treu-oder-untreu-bist-haengt-nicht-von-deinen-genen-ab/

Wissenschaft.de. (10.09.2008). Abgerufen am 30.09.2021 von Warum Menschen Fremdgehen: https://www.wissenschaft.de/umwelt-natur/warum-menschen-fremdgehen/

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