„The Purge“ im realen Leben?

Gesetze geben dem menschlichen Handeln einen Rahmen vor, in dem es sich frei bewegen kann. Sie verhindern, dass die Welt im Chaos versinkt und jeder Mensch seinen Trieben unreflektiert folgt.

Grundidee von „The Purge“?

Was würde nun allerdings geschehen, wenn diese Gesetze außer Kraft gesetzt werden? 

Diesem Szenario geht die Filmreihe „The Purge“ auf den Grund und möchte aufzeigen, wie sich Menschen in diesem Falle verhalten würden. Während sich ein Teil der Gesellschaft in Ihren Häusern einschließt, geben sich viele Teilhaber der Gesellschaft dem Ausnahmezustand hin und verüben Straftaten, in dem Wissen, dafür keine rechtlichen Konsequenzen zu tragen.

Dieser Beitrag geht der Frage nach, ob eine „Purge-Nacht“ auch in der Realität funktionieren würde. Anders gesagt wird betrachtet, welche Rolle Gesetze und soziale Kontrolle im Hang zur Kriminalität spielen.

Die Kosten-Nutzen-Analyse

Oftmals wird Eigeninteresse als Haupt-Antrieb für menschliches Handeln angesehen (Kamarck, 2002, S. 22). So gut wie jeder Mensch strebt also danach, die eigenen Interessen zu verwirklichen. Damit dabei keine Einschränkung der Menschen im direkten oder indirekten Umfeld geschieht, gelten Gesetze. Werden diese nicht eingehalten, muss das Individuum mit einer Bestrafung rechnen. Gesetze und Strafverfolgung sind wichtige Werkzeuge im Umgang mit Kriminalität (UNODC, 2019, S. 8).

Steht die bewusste Ausführung einer Straftat bevor, wird vermutlich eine Kosten-Nutzen-Analyse durchgeführt (siehe Abbildung 1). Greifen weder Strafverfolgung noch Gesetze, ist das Individuum weniger gehemmt, eine kriminelle Handlung wirklich durchzuführen (Britt & Rocque, 2016, p. 184).

Abbildung 1: Beispiel einer Kosten-Nutzen-Analyse (Quelle: eigene Darstellung)

Außergesetzliche Folgen

Neben gesetzlichen Folgen zeigen sich jedoch auch außergesetzliche Konsequenzen, die auf das Individuum wirken. Diese scheinen mindestens genauso groß zu sein, wie die gesetzlichen Folgen (Nagin & Pogarsky, 2001, S. 865). Dazu zählen etwa Gewissensbisse, Schuldgefühle, Scham und Stigmatisierung (Meldrum, Lehman & FLexon, 2021, S. 1588). Es handelt sich dabei also nicht um eine direkte Bestrafung. Vielmehr beziehen sich die Folgen auf innere Vorgänge des Täters, sowie die Auswirkung auf seine zwischenmenschlichen Beziehungen. Potenzielle Täter fürchten also zum einen, die Tat zu bereuen oder aufgrund dessen Schamgefühl zu ertragen. Zum anderen wird die Reaktion des Umfelds befürchtet. So könnten nahestehende Menschen Angst vor dem Täter bekommen, ihn meiden, oder gar beschimpfen und ihn zukünftig auf seine Tat reduzieren. Hinzu kommen gesellschaftliche Folgen. So kann es unter anderem schwieriger werden, einen Job zu erhalten, wenn eine Vorstrafe vorliegt. 

Weiterhin nennen Meldrum, Lehman & FLexon (2021, S. 1586) gewisse Persönlichkeitsmerkmale, welche die Beachtung außergesetzlicher Folgen mindern:

Da es sich bei außergesetzlichen Folgen eher um indirekte Auswirkungen handelt, sind sie zunächst nicht greifbar. Deshalb führen beispielsweise Impulsivität und geringe Selbstkontrolle zur Missachtung dieser indirekten Folgen. Im Vordergrund steht dann die Emotion, die im jeweiligen Moment wirkt. Langfristige Folgen werden dabei eher ausgeblendet. Das Ergebnis der Kosten-Nutzen-Analyse ergibt in diesem Moment also einen höheren Nutzen, als die Kosten. Der unmittelbare Nutzen überwiegt dabei die in der Zukunft liegenden außergesetzlichen folgend.

Diese Verhaltensweise zeigen sich ebenfalls bei Psychopathen (Sepaha, 2014, S. 5). Hier findet sich ebenfalls Impulsivität, geringe Frustrationstoleranz und der Hang zur Kriminalität wieder. Ferner empfinden Psychopathen ein geringeres Ausmaß an Angst, Schuld und Empathie.

Fazit

Zusammengefasst ist die Funktion unserer Gesetze also erkennbar, auch wenn viele außergesetzliche Folgen für Straftaten existieren. Viele Menschen lassen sich demnach bereits durch Schuldgefühle, Stigmatisierung, Gewissensbisse, Scham etc. abschrecken. Allerdings existieren Menschen, die aufgrund unterschiedlicher Gründe über diese Folgen hinwegsehen können. Dazu zählen insbesondere Psychopathen, sowie Menschen, welche eher zur Impulsivität und mangelnden Selbstkontrolle neigen. Potenzielle Kriminelle führen mehr oder weniger bewusst eine Kosten-Nutzen-Analyse durch.

Dabei wird auf der einen Seite die Nutzen ihrer Tat betrachtet. Dazu könnte etwa Rache, Geld oder Rückerlangung des Stolzes zählen. Demgegenüber stehen die Folgen ihrer Handlung. Sind neben den außergesetzlichen Folgen noch weitere Folgen durch den Staat zu erwarten, kann die Kosten-gegenüber der Nutzen-Seite überwiegen. Umso klarer wird die Beantwortung der ursprünglichen Frage. Demnach sollten die Umstände einer Purge-Nacht die Kostenseite signifikant reduzieren, da alle gesetzlichen Folgen außer Kraft gesetzt werden. Nun können lediglich die indirekten, außergesetzlichen Folgen auf der Kostenseite aufgeführt werden.  

Über die Informationen dieses Beitrags hinaus wäre jedoch zu klären, inwiefern sich Menschen mit den beschriebenen Charakterzügen von den jeweiligen Umständen beeinflussen lassen würden. Ob die individuelle Kosten-Nutzen-Analyse unter den Umständen einer Purge-Nacht zur Ausübung einer Straftat führen würde, wäre demnach von Person zu Person deutlich zu unterscheiden. Des Weiteren wäre zu klären, welche weiteren Charakterzüge die Kosten-Nutzen-Analyse beeinflussen würden.

Literatur

Britt, C. L., & Rocque, M. (2016). Control as an explanation of crime and delinquency. In A. R. Piquero (Ed.), The handbook of criminological theory (pp. 182–208). John Wiley & Sons.

KAMARCK, A. M. (2002). Economics as a social science: an approach to nonautistic theory. Ann Arbor, University of Michigan Press.

Meldrum, R. & Lehmann, P. & Flexon, J. (2021). Who Would ‚Purge‘? Low Self-Control, Psychopathy, and Offending in the Absence of Legal Controls. Crime & Delinquency. 67. 1582-1613. 10.1177/0011128720940953. 

Nagin, D. & Pogarsky, G. (2001). Integrating Celerity, Impulsivity, and Extralegal Sanction Threats into a Model of General Deterrence: Theory and Evidence. Criminology. 39. 865 – 892. 10.1111/j.1745-9125.2001.tb00943.x. 

Sepaha, P. (2014). ‘Psychopaths: An unrevealed area in Judicial System’. 

UNODC (2019). Global Study on Homicides. Executive Summary, Vienna. Zu finden unter:

https://www.unodc.org/unodc/en/data-and-analysis/global-study-on-homicide.html

Bildnachweis:
Stam (2018). Person wearing red hoodie. Unsplash, zu finden unter:

https://unsplash.com/photos/hZg2kmh1fyo