Rehabilitation nach Schlaganfall mittels „Gehirntraining“

Apoplex, Apoplexia cerebri, apoplektischer Insult, zerebrovaskulärer Insult oder wie der vermutlich bekannteste Begriff: Schlaganfall.[1] Schlaganfälle treten unerwartet auf und hinterlassen bei den Betroffenen oft eine „Spur der Verwüstung“. 2016 war der Schlaganfall die zweithäufigste Todesursache weltweit, siehe untenstehende Abbildung.[2] Aufgrund der Häufigkeit spielt der Schlaganfall eine große Rolle bei den Ausgaben des Gesundheitssystems in Form von Akutbehandlungen, Rehabilitation und Folgekosten für etwaige Therapien.

Häufigste Todesursachen weltweit im Jahr 2016.
Quelle: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/38995/umfrage/weltweite-odesfaelle-aufgrund-chronischer-krankheiten/

Begriffserklärungen

Schlaganfall

Ein Schlaganfall ist ein sehr plötzlich eintretendes Ereignis, welches meist Teile des Gehirns langfristig zerstört. Die Folgen sind sensomotorische Störungen, Kommunikationsstörungen, Veränderungen im Denken und Verhalten sowie enorme Belastungen für die Person selbst und deren Umfeld.[3] Schlaganfälle können durch verschiedenste Faktoren ausgelöst werden, die häufigste Ursache sind jedoch die Unterbrechung der Blutversorgung des Gehirns oder das Platzen eines Blutgefäßes im Gehirn.[4] Dadurch wird das Gehirn nicht mehr mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt, wodurch Gehirnzellen absterben. Auch das Alter spielt eine Rolle, treffen kann es grundsätzlich jeden, jedoch wird laut Forschungsergebnissen dem fortgeschrittenen Alter, einem ungesunden Lebensstil und genetischen Faktoren eine große Bedeutung zugewiesen. Typische Symptome sind unter anderem Schwindel, einseitige Lähmungen oder Sichtstörungen, Kopfschmerzen oder Wortfindungsprobleme. Wichtig ist die Früherkennung der Symptome, um lebensnotwendige Schritte setzen zu können.[5]

Neurofeedback

Beim Neurofeedback handelt es sich um ein eher moderneres und hochspezialisiertes Therapieverfahren, welches seit den 1960er Jahren zum Einsatz kommt. Da es sich um eine sehr junge Therapiemethode handelt, befinden sich die Forschungen noch am Anfang.[6] Dennoch weckt es immer mehr das Interesse der Wissenschaft und der klinischen Anwendung.[7] Diese Therapieform beruht auf der Plastizität des Gehirns, also der Fähigkeit des Gehirns, sich selbst zu regenerieren und neu zu strukturieren. Hauptziel dieser Behandlung ist, dass die Patienten lernen, die eigenen Gehirnwellen bzw. die Gehirnaktivität gezielt beeinflussen und verändern zu können.[8] Am Patienten werden dabei Elektroden angebracht, die die Hirnaktivitäten aufzeichnen, an einen Computer weiterleiten und folglich bildlich dargestellt werden. Die Informationen des Gehirns werden als Animationen, Bildern oder Szenen dargestellt und verändern sich entsprechend der Hirnaktivität. Durch diese Visualisierung kann der Patient wiederholt ausprobieren, wie sich die Gehirnaktivitäten durch eigenes Verhalten verändern.[9] Vor der Anwendung dieser Therapiemethode sollte dem Patienten jedoch bewusst sein, dass es nicht immer sofortige Wirkungen zeigt und höchstwahrscheinlich mehrere Therapiesitzungen notwendig sind.[10] Neurofeedback steigert sowohl das psychische Wohlbefinden und das Erleben von Selbstwirksamkeit, wird jedoch auch als vielversprechender Ansatz bezüglich der kognitiven Rehabilitation, durch Training der langsamen kortikalen Potentiale, betrachtet.[11]

Grundlegendes zur Ermöglichung der Rehabilitation

Die Rehabilitation von Schlaganfallspatienten/innen wird durch ein großes therapeutisches Team ermöglicht. Der Patient „arbeitet“ regelmäßig mit Ärzten, Pflegekräften, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Sprachtherapeuten, Neuropsychologen, Sozialarbeitern, Mitarbeitern der Physikalischen Therapie, Orthopädietechnikern und Diätassistenten an der Wiederherstellung seiner Gesundheit. Dabei wird erarbeitet, dass Betroffene trotz Funktionsstörungen so gut wie möglich in das gewohnte soziale und berufliche Umfeld zurückkehren können. Wichtig dabei ist es, dass mit dem Patienten und dessen nahen Umfeld ein gemeinsames realistisches Ziel festgesetzt wird, welches während der Behandlung natürlich regelmäßig überprüft und angepasst werden muss. Gelegentlich kann dies nicht so leicht umgesetzt werden, da die Zielvorgaben durch kognitive oder affektive Störungen der Betroffenen beeinflusst werden und die Defizite nicht wahrgenommen werden.[12]

Wie hilft dieses Gehirntraining nun bei Schlaganfallpatienten/innen?

Die Rehabilitation zielt darauf ab, dass Betroffene ihren Alltag wieder so gut wie möglich selbstständig bewältigen können, dazu gehören jedoch gewisse Handgriffe oder Bewegungen, die nicht mehr ausführbar sind. Um diese wieder zu ermöglichen wird unter anderem Neurofeedback eingesetzt. Damit Neurofeedback bei Schlaganfallspatienten wirksam ist, müssen diese in der Lage sein, sich ihre Bewegungen vorzustellen. Bewegungen können nicht ausgeführt werden, ohne der entsprechenden Vorstellung dazu. Grundannahme ist, dass Bewegungsvorstellungen und Bewegungsausführungen ähnliche Nervenzellenverbände nutzen und motorisches Lernen durch Beobachtungen von Bewegungen unterstützt wird. Die Fähigkeit der mentalen Vorstellung kann zur besseren Ausführung der tatsächlichen Bewegungen beitragen, ist allerdings individuell verschieden und übungs- und erfahrungsabhängig. Das Neurofeedback-gestützte Bewegungsvorstellungstraining (NF-BVT) zielt darauf ab, die neuronale Plastizität und Reorganisation im Gehirn anzuregen.[13] Obwohl bei einem Schlaganfall die Nervenverbindungen geschädigt werden, hören die beteiligten Zellen nicht zwangsläufig auf, elektrische Impulse abzugeben. Im Gegenteil, sie können unregelmäßige, unangemessen starke oder unpassende Signale senden und somit sämtliche neuronale Netzwerke durcheinanderbringen. Für das Gehirn stellt dies eine besondere Herausforderung dar, die Signale zu filtern und nur die sinnvollen Signale herauszufinden. Durch den Einsatz von Neurofeedback kann das Gehirn unterstützt werden, diesen „Lärm“ im Gehirn zu beruhigen. Somit können die durcheinandergebrachten Netzwerke wieder koordiniert werden, wodurch es ermöglicht wird, verloren gegangene Fähigkeiten oder Bewegungsabläufe wieder neu einüben zu können.[14]

Fazit

Nur durch den Einsatz von Neurofeedback wird eine vollständige Rehabilitation nicht möglich sein, eine Kombination aus verschiedensten Therapieformen (bspw. Physio-, Logo-, Ergotherapie und Neurofeedback) wird vermutlich die besten Ergebnisse erzielen. Wichtig ist es, dass die Therapeuten eigens geschult werden, was wiederum mit Kosten verbunden ist, jedoch können diese Kosten geringer ausfallen als langjährige Behandlungskosten, welche eventuell wesentlich langsamer Erfolge liefern.  Ebenso müssen die Betroffenen in der Lage sein, mit der Therapieform umgehen zu können. Vor allem bei älteren Personen könnten Schwierigkeiten auftreten, da sie vielleicht nichts von der „neumodischen Technik“ halten bzw. damit gewissermaßen überfordert sind und somit schon eine grundlegende negative Haltung der Therapiemöglichkeit gegenüber haben. Die Forschungen zur Unterstützung durch Neurofeedback nach einem Schlaganfall stehen gewiss noch in den Startlöchern, jedoch könnte diese Therapieform, vor allem auch aufgrund der fortschrittlichen Technik und dem zunehmenden Durchschnittsalter der Bevölkerung, zukünftig an Bedeutung gewinnen.


[1] Vgl. Antwerpes, F., 2021

[2] Vgl. Statista, Mai 2018

[3] Vgl. van der Brugge, F., 2018, S. 6

[4] Vgl. neuroCare, 2021

[5] Vgl. van der Brugge, F., 2018, S. 6f.

[6] Vgl. Schmid, N., 2020

[7] Vgl. Enriquez-Geppert, 2019, S.186 

[8] Vgl. Schmid, N., 2020

[9] Vgl. Segler, K. & Wiedemann, M., 2017, S. 54f. 

[10] Vgl. Segler, K. & Wiedemann, M., 2017, S. 85 

[11] Vgl. Schneider, S. & Margraf, J., 2009, S. 422 

[12] Vgl. Denkinger, M., & Hagg-Grün, U. & Zeyfang, A., 2018, S.134-138

[13] Vgl. Braun, N. et al., 2016, S. 1074-1079

[14] Vgl. Segler, K. & Wiedemann, M., 2017, S. 193


Literatur:

Antwerpes, F.: (2021) Schlaganfall. In: DocCheck Medical Services GmbH. Abgerufen am 16.02.2021 Verfügbar unter: https://flexikon.doccheck.com/de/Schlaganfall

BrainBalance NeuroFeedback Institut: (2021) Neurofeedback bei Schlaganfall. Abgerufen am 15.02.2021. Verfügbar unter: https://www.neurofeedback-institut.at/indikation/schlaganfall/

Braun, N. & Büsching, I. & Debener S. & Dettmers, C. & Hassa T. & Liepert, J.: (2016) Neurofeedbackgestütztes Bewegungsvorstellungstraining zur Rehabilitation nach einem Schlaganfall. In: Nervenarzt (2016) · 87:1074–1081. Springer.

Denkinger, M., & Hagg-Grün, U. & Zeyfang, A.: (2018): Schlaganfall. In: Basiswissen Medizin des Alterns und des alten Menschen. Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg (Springer-Lehrbuch), S. 127–143.

Enriquez-Geppert, S.: (2019). Neurofeedback aus der Perspektive der Neurowissenschaften. Aktuelle Entwicklungen und Trends. Psychotherapeut, S. 186-193

Margraf, J. & Schneider, S.: (2009). Lehrbuch der Verhaltenstherapie. Band 3. Springer. Heidelberg (Deutschland

neuroCare: (2021) Mit neuroCare erfolgreich in der Rehabilitation – Schlaganfall durch Rehabilitation behandeln. Abgerufen am 19.02.2021. Verfügbar unter: https://www.neurocaregroup.com/rehabilitation.html

Schmid, N.: (2016). Neurofeedback und Biofeedback in der Praxis: Selbstkontrolle von Körper und Gehirnwellen. In: Psychologie in Österreich (5-2016)

Statista: (2020) Häufigste Todesursachen weltweit im Jahr 2016. Abgerufen am 20.02.2021. Verfügbar unter: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/38995/umfrage/weltweite-odesfaelle-aufgrund-chronischer-krankheiten/

van der Brugge, F.: (2018): Symptomatik nach einem Schlaganfall in der Praxis. In: Neurorehabilitation bei Erkrankungen des zentralen Nervensystems. Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg, S. 5–21.

Abbildung: Häufigste Todesursachen weltweit im Jahr 2016. Abgerufen am 20.02.2021. Quelle: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/38995/umfrage/weltweite-odesfaelle-aufgrund-chronischer-krankheiten/

Beitragsbild: 2021, eigene Darstellung, erstellt von Patricia Stetter