Psychotherapie-Richtlinienverfahren

Wenn eine Person psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen möchte, stößt sie bei der Recherche nach einem Therapeuten oder einer Therapeutin auf eine Vielzahl unterschiedlicher Therapieverfahren. Grundsätzlich wird zwischen Richtlinienverfahren und weiteren Therapieverfahren differenziert (Wirtz, 2017, S. 1375, 1377). Der Fokus dieses Beitrags liegt auf den Richtlinienverfahren.

Was sind Richtlinienverfahren?

Richtlinienverfahren sind wissenschaftlich anerkannte Psychotherapieverfahren, die auf einem ausführlichen Theoriesystem bzgl. der Entstehung von Krankheiten beruhen und bei denen die Wirksamkeit ihrer angewandten Methoden belegt ist. Lediglich bei diesen Verfahren übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland die Kosten der Behandlung (Gemeinsamer Bundesausschuss, 2021, S.13; Bundespsychotherapeutenkammer [BPtK], 2021, S. 24) .
Grundsätzlich handelt es sich bei einer Psychotherapie um eine „ […] gezielte, professionelle Behandlung psychischer Störungen und/oder psych. bedingter körperlicher Störungen mit psychol. Mitteln […]“ (Wirtz, 2017, S. 1375).

Psychische Störungen, die eine Psychotherapie indizieren, sind bspw. Depressionen, Essstörungen, Angststörungen, Zwangsstörungen, sowie Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen. Zudem kommt eine psychotherapeutische Behandlung bei psychosomatischen Störungen zum Einsatz (Gemeinsamer Bundesausschuss, 2021, S. 20).

Richtlinien-Verfahren in Deutschland

Zu den Richtlinienverfahren gehören (Gemeinsamer Bundesausschuss, 2021, S. 13 – 14):

  • Die Verhaltenstherapie
  • Die systemische Therapie
  • Die analytische Psychotherapie
  • Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie

Die vier Verfahren unterscheiden sich u.a. hinsichtlich ihrer Sitzungsanzahl pro Woche und der allgemeinen Therapiedauer (Tab.1).

Verhaltens-therapieSystemische TherapieAnalytische PsychotherapieTiefen-
psychologische Therapie
Häufigkeit der Sitzungen zu Beginn der TherapieMeist 1 Mal pro WocheMeist 1 Mal pro Woche oder alle zwei WochenMeist 2 – 3 Mal pro WocheMeist 1 Mal pro Woche
Therapiedauer12 – 80 Sitzungen12 – 48
Sitzungen
12 – 300 Sitzungen12 – 100 Sitzungen
Tab. 1: Vergleich der Richtlinienverfahren bzgl. Sitzungsanzahl und Therapiedauer
Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung an BPtK, 2021, S. 49, Kassenärztliche Bundesvereinigung, 2022

Zudem unterscheiden sich die Verfahren in ihrer Annahme bzgl. der Krankheitsentstehung und ihren Zielen.

Die Verhaltenstherapie

Die Verhaltenstherapie beruht auf der Annahme, dass das Verhalten von Individuen von im Laufe des Lebens gemachten Erfahrungen beeinflusst wird. Psychische Erkrankungen können folglich das Resultat von ungünstigen Lernprozessen bzw. erlernten dysfunktionalen Verhaltens- und Denkmustern sein und in Verbindung mit belastenden Erlebnissen auftreten (BPtK, 2021, S. 50; Zimbardo & Gerrig, 2003, S. 662). Neben wahrnehmbaren Verhaltensweisen, werden zudem Prozesse emotionaler, motivationaler, kognitiver und physiologischer Natur unter dem Begriff „Verhalten“ zusammengefasst (Gemeinsamer Bundesausschuss, 2021, S. 14).
Grundsätzlich handelt es sich hierbei um eine symptomorientierte Therapie (Wirsching & Fritzsche, 2020, S. 38). Ziel einer Verhaltenstherapie ist es bestehende, dysfunktionale Verhaltensweisen, sowie Denkmuster wahrzunehmen, zu verändern bzw. abzubauen und neue unproblematischere zu erlernen. Zwischen den einzelnen Sitzungen hat der Klient oder die Klientin häufig die Aufgabe, die neu angeeigneten Verhaltensweisen und Strategien eigenständig im Alltag zu erproben und zu vertiefen (BPtK, 2021, S. 50; Zimbardo & Gerrig, 2003, S. 662).

Die systemische Therapie

Die systemische Therapie beruht auf der Annahme, dass eine psychische Erkrankung aufgrund einer gestörten Interaktion in einem sozialen System, wie der Familie, dem Arbeitsumfeld oder der Partnerschaft entsteht. Aufgrund dessen werden in der Therapie häufig wichtige Bezugspersonen, wie Eltern, Geschwister oder Partner bzw. Partnerinnen miteingebunden. Ziel der Behandlung ist die Identifikation von Störungen im System, die Erarbeitung von möglichen gesundheitsfördernden Lösungswegen und damit einhergehend das Verändern der Interaktionen, die zur Symptomatik beitragen. Eine typische Methode, die in der systemischen Therapie angewandt wird, ist die Aufstellung (BPtK, 2021, S. 51; Gemeinsamer Bundesausschuss, 2021, S. 14; Wirtz, 2017, S. 1664).

Die analytische Therapie

Die analytische Therapie gehört zu den psychoanalytisch begründeten Psychotherapieverfahren und hat ihren Ursprung in der Psychoanalyse von Sigmund Freud. Entsprechend der analytischen Therapie gelten innere, verdrängte Konflikte und Beziehungserfahrungen aus der Vergangenheit, insbesondere aus der Kindheit als ursächlich für die Entstehung psychischer Erkrankungen. Ziel der analytischen Therapie ist es diese unbewussten Konflikte und damit verbundenen Gefühle und Erinnerungen ins Bewusstsein des Klienten oder der Klientin zu rufen. Im Fokus dieser Therapie steht hierfür das erneute Durchleben früherer Konflikte. Dadurch soll er oder sie sich selbst und seine bzw. ihre Gefühle und Handlungen besser und genauer verstehen. Anschließend hat er oder sie die Möglichkeit zu überprüfen, ob diese zum aktuellen Zeitpunkt angemessen sind oder verändert werden müssen (BPtK, 2021, S. 51; Psychotherapie-Informationsdienst, o.D.).

Die tiefenpsychologische Therapie

Ebenso, wie die analytische Therapie stellt die tiefenpsychologische Therapie ein psychoanalytisches Psychotherapieverfahren dar und ist ätiologisch ausgerichtet (Gemeinsamer Bundesausschuss, 2021, S. 13). Diesem Therapieverfahren liegt die Annahme zugrunde, dass innere unbewusste, ungelöste aktuelle oder in der Vergangenheit liegende Konflikte und Beziehungserfahrungen zur Entstehung psychischer Erkrankungen beitragen können. Ziel der tiefenpsychologischen Therapie ist die Identifikation dieser unbewussten und verdrängten Konflikten, die Einfluss auf das Leben nehmen und zur Entstehung aktueller psychischer Beschwerden beitragen, sowie die Auseinandersetzung mit diesen, damit entsprechend eine Veränderung stattfinden kann (BPtK, 2021, S. 50). Im Gegensatz zur analytischen Therapie, die weniger konfliktzentriert ist, wird bei der tiefenpsychologischen Therapie das Ziel der Behandlung eingegrenzt. Zudem wird eher an einem aktuellen Konflikt der Gegenwart gearbeitet (Gemeinsamer Bundesausschuss, 2021, S. 13).

Fazit

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich die einzelnen Richtlinienverfahren hinsichtlich der Erklärung, wie psychische Erkrankungen entstehen, dem Ziel der Behandlung, der Sitzungsanzahl pro Woche und der Therapiedauer unterscheiden. Grundsätzlich kann nicht verallgemeinernd gesagt werden, welches der genannten Verfahren besser oder erfolgsversprechender ist. Sowohl die persönliche Situation, sowie das Anliegen der betroffenen Person und deren Vorstellungen hinsichtlich der Therapie spielen hierbei eine entscheidende Rolle und müssen bei der Wahl berücksichtigt werden.

Literatur

Bundespsychotherapeutenkammer [BPtK] (2021). Wege zur Psychotherapie. Zugriff am 18.08.2022. Verfügbar unter https://www.bptk.de/wp-content/uploads/2021/08/bptk_patientenbroschuere_2021-web3.pdf

Gemeinsamer Bundesausschuss (2021). Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses über die Durchführung der Psychotherapie (Psychotherapie-Richtlinie). Zugriff am 20.08.2022. Verfügbar unter https://www.g-ba.de/downloads/62-492-2400/PT-RL_2020-11-20_iK-2021-02-18.pdf

Kassenärztliche Bundesvereinigung (2022). Psychotherapie für Erwachsene: Kontingente und Bewilligungsschritte. Zugriff am 18.08.2022. Verfügbar unter https://www.kbv.de/media/sp/Psychotherapie_Uebersicht_Erwachsene.pdf

Psychotherapie-Informationsdienst (o.D.). Basis-Informationen: Was ist Psychotherapie?. Zugriff am 18.08.2022. Verfügbar unterhttps://www.psychotherapiesuche.de/pid/therapie

Wirsching, M. & Fritzsche, K. (2020). Psychotherapie. In K. Fritzsche & M. Wirsching (Hrsg.), Basiswissen Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (S. 33 – 47). Berlin: Springer Verlag GmbH Deutschland. https://doi.org/10.1007/978-3-662-61425-9_3

Wirtz, M. A. (Hrsg.). (2017). Dorsch – Lexikon der Psychologie (18., überarbeitete Auflage.). Bern: Hogrefe.

Zimbardo, P. G., & Gerrig, R. J. (2003). Psychologie (7., neu übersetzte und bearbeitete Auflage, Nachdruck). Berlin, Heidelberg, New York: Springer-Verlag.

Quelle zum Titelbild

Eigene Darstellung