Dyskalkulie – Wenn Zahlen ein Rätsel sind

Rechnen, Lesen und Schreiben sind wichtige Kompetenzen des Menschen. Manche Personen weisen jedoch in einem oder mehreren dieser Bereiche Probleme auf. Wenn der Bereich des Rechnens betroffen ist und eine ausgeprägten Beeinträchtigung der Rechenfertigkeiten vorliegt, wird von einer Rechenstörung, einer sogenannten Dyskalkulie, gesprochen. Ungefähr ein Kind pro Schulklasse ist von einer Rechenstörung betroffen.

Definition

Unter einer Dyskalkulie wird eine Beeinträchtigung mathematischer Fertigkeiten verstanden, die nicht auf eine inadäquate Beschulung oder grundsätzliche Intelligenzminderung zurückzuführen ist. Insbesondere sind hierbei die Grundrechenarten, wie das Addieren, Subtrahieren, Multiplizieren, sowie Dividieren betroffen (Dilling & Freyberger, 2019, S. 290).

Diagnostik

In der 10. Version der „International Classification of Diseases“ [ICD-10] findet sich Dyskalkulie unter F81.2 und wird den umschriebenen Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten zugeordnet. In Abbildung 1 sind die diagnostischen Kriterien für eine „Dyskalkulie“ nach dem ICD-10 aufgelistet (Dilling & Freyberger, 2019, S. 286, 290 – 291).

Abb.1: Diagnosekriterien Dyskalkulie nach ICD-10
Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung an Dilling & Freyberger, 2019, S. 290 – 291

In der Regel wird die Diagnose durch Ärzte und Ärztinnen für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie oder Kinder- und Jugendpsychotherapeuten bzw. -therapeutinnen anhand von Gesprächen mit den Eltern, dem Kind und ggf. Lehrkräften, dem Durchführen eines Intelligenz-, sowie Rechentests gestellt. Außerdem muss u.a. überprüft werden, ob eine Legasthenie vorliegt und ausgeschlossen werden, dass organische oder psychische Erkrankungen ursächlich sind (Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e.V. [BVL], 2018, S. 18 – 21).

Ursachen und Einflussfaktoren

Eine eindeutige Ursache für eine Rechenstörung lässt sich nicht finden. Vielmehr wird davon ausgegangen, dass die Entstehung auf einem Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren basiert. Es handelt sich hierbei sowohl um genetische, als auch neuropsychologische Faktoren, wie eine gestörte Aktivierung in relevanten Gehirnarealen und eine eingeschränkte Funktionsfähigkeit des Arbeitsgedächtnisses. Daneben lassen sich verschiedene Faktoren, wie bspw. eine problematische Interaktion zwischen Kind und Lehrkraft, sowie familiäre Probleme identifizieren, die einen negativen Einfluss auf bestehende Rechenschwierigkeiten haben können (BVL, 2018, S. 11 – 15).

Symptome und Komorbiditäten

Häufig zeigen sich bereits im Vorschulalter erste Anzeichen, die auf das Vorliegen einer Rechenstörung hinweisen können. Die betroffenen Kinder haben z.B. Schwierigkeiten, Zahlen zu benennen, Probleme beim Zahlen- und Mengenverständnis und machen Fehler beim Zählen spezifischer Objekte. Weitere charakteristische Kennzeichen und Auffälligkeiten, die mit der Zeit bemerkbar werden, sind Schwierigkeiten beim Rechnen mit einfachen Grundrechenarten, Probleme im Umgang mit Mengen- und Maßeinheiten, sowie das häufige Verdrehen von Zahlen. Zudem greifen Betroffene häufig auf die Methode des Fingerzählens zurück. Insbesondere im Laufe der Grundschulzeit werden die Probleme deutlicher. Des Weiteren hat eine Dyskalkulie Auswirkungen auf das alltägliche Leben, da Betroffene Probleme beim Lesen der Uhr oder dem Umgang mit Geld haben können (BVL, 2018, S. 8 – 9).

Bei vielen zeigen sich neben der Dyskalkulie psychische Probleme und Auffälligkeiten im Verhalten, wie depressive Symptome oder aggressives Verhalten. Betroffene Kinder haben häufig Probleme mit dem Selbstwert, sind ängstlich und entwickeln eine Schulangst. Zudem reagieren manche mit psychosomatischen Beschwerden, wie Bauchschmerzen. Zu den komorbiden Störungen zählen die Lese- und/oder Rechtschreibschwäche und die Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung (Kipman, 2021, S. 19).

Förderung und therapeutische Interventionen

Eine frühzeitige Unterstützung kann sich positiv auf den Verlauf auswirken und dazu beitragen, dass Betroffene Defizite aufholen. Erfolgt hingegen keine Intervention bleiben die Schwierigkeiten beim Rechnen bestehen. Die Betroffenen beenden aufgrund dessen häufig frühzeitig die Schule, haben Probleme bei der Berufsausbildung und sind im Alltag, z.B. beim Einkaufen beeinträchtigt (BVL, 2018, S. 16).

Grundsätzlich ist es wichtig, dass die Förderung individuell an den oder die  Betroffene und dessen bzw. deren Kenntnisstand angepasst wird (Schneider, Lenhard & Marx, 2019, S. 572).

Einerseits kann eine Förderung durch Lehrkräfte in der Schule entweder im Unterricht oder in Förderkursen erfolgen und andererseits können Betroffene externe Facheinrichtungen aufsuchen, in denen auf Dyskalkulie spezialisierte Fachkräfte tätig sind und mit den Betroffenen im Rahmen einer Lerntherapie an ihren Rechenfertigkeiten arbeiten. Gezielte Übungen und der Einsatz von Trainingsprogrammen, wie z.B. „Calcularis“, sollen zu einem besseren Verständnis von Zahlen und Mengen verhelfen und folglich die mathematischen Kompetenzen verbessern. Neben der lerntherapeutischen Förderung kann das Beantragen eines Nachteilsausgleichs in der Schule sinnvoll sein (BVL, 2018, S. 22 – 23; von Aster, 2017, S. 487 – 488).

Bei Vorliegen psychischer oder psychosomatischer Beschwerden ist zudem eine psychotherapeutische Behandlung empfehlenswert (Lempp, 2020, S. 67).

Fazit

Abschließend lässt sich festhalten, dass eine unbehandelte Dyskalkulie Auswirkungen auf eine Vielzahl unterschiedlichster Aspekte des alltäglichen Lebens, wie das Einkaufen und das Ablesen einer Uhr hat und sie dadurch Betroffene in ihrem Alltag und ihrer beruflichen Zukunft enorm beeinträchtigen kann. Zeigen sich Anzeichen einer Dyskalkulie gilt: Je früher eine Intervention stattfindet und Fördermaßnahmen eingeleitet werden, desto positiver gestaltet sich i.d.R. der Verlauf. Aufgrund dessen ist es von hoher Relevanz, dass bereits pädagogische Kita-Fachkräfte, sowie Eltern für diese Thematik sensibilisiert werden und bei Kindern im Vorschulalter auf mögliche Anzeichen achten.

Literatur

Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e.V. [BVL] (Hrsg.). (2018). Dyskalkulie: Ein Ratgeber zum Thema Dyskalkulie – Erkennen und Verstehen. Zugriff am 18.08.2022. Verfügbar unter https://www.bvl-legasthenie.de/images/static/pdfs/bvl/2_Dyskalkulie_2018_web.pdf

Dilling, H. & Freyberger, H. J. (Hrsg.). (2019). Taschenführer zur ICD-10-Klassifikation psychischer Störungen (9., aktualisierte Auflage entsprechend ICD-10-GM (German Modification)). Bern: Hogrefe.

Kipman, U. (2021). Häufige Störungsbilder bei Kindern und Jugendlichen: Diagnostik und Fördermöglichkeiten. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-35051-2_3

Lempp, T. (2020). BASICS Kinder- und Jugendpsychiatrie (Basics) (4. Auflage.). München: Elsevier.

Schneider, W., Lenhard, W. & Marx, P. (2019). Lern- und Verhaltensstörungen. In D. Urhahne, M. Dresel & F. Fischer (Hrsg.), Psychologie für den Lehrberuf (S. 565–585). Berlin: Springer Berlin Heidelberg. https://doi.org/10.1007/978-3-662-55754-9_28

von Aster, M. G. (2017). Dyskalkulie: Wenn Kinder nicht rechnen lernen. Monatsschrift Kinderheilkunde, 165(6), 482–489. https://doi.org/10.1007/s00112-017-0289-x

Quelle zum Titelbild

Eigene Fotografie