Die Krise junger Influencer

Egal, ob auf YouTube, Instagram oder TikTok, sogenannte „Influencer“ zeigen uns unentwegt ihr traumhaftes Dasein. Sie erfahren rund um die Uhr Aufmerksamkeit, verbringen ihre Zeit an den schönsten Orten der Welt und werden mit Geschenken überhäuft. Im Gegenzug müssen sie nichts tun, außer ihr Leben mit Hunderttausenden oder gar Millionen Menschen zu teilen. Je detaillierter und intimer, desto besser. Ein fairer Deal, oder?

Von der Schulbank zum Social-Media-Star

Charli D’Amelio ist 15 Jahre alt, als eines ihrer ersten Tanzvideos auf TikTok über Nacht millionenfach geklickt wird. Innerhalb kürzester Zeit schießen ihre Follower in die Höhe, zwei Jahre lang ist Charli die amtierende TikTok-Queen (Jepson, 2021). Mittlerweile ist sogar die ganze Familie berühmt: Die D’Amelio Show, eine Reality-TV-Sendung über Charli, ihre Schwester Dixie und die gemeinsamen Eltern läuft bereits in zweiter Staffel beim Streaming-Dienst Hulu (hulu PRESS, 2022). Gestern drückte Charli noch die Schulbank, heute tanzt sie bei Dancing with the Stars, dreht Musikvideos mit JLo und hat einen Werbedeal mit Dunkin Donuts (Jepson, 2021). Ein Leben, von dem viele träumen. Doch zu welchem Preis?

„Findest du, das ist es wert?“

Die Schülerin kann sich den Hype um ihre Person nicht erklären. Sie tanzt, weil sie es liebt und sie postet, weil es jeder macht (Zukin, 2020). Nun steht sie an der Spitze der beliebtesten Social-Media-Plattform ihrer Generation und muss dafür bezahlen. Denn niemand konnte sie darauf vorbereiten, was es bedeutet, permanent von Millionen von Menschen beobachtet zu werden. Alles, was sie sagt oder tut, wird bewertet. In einer Episode der D’Amelio Showgibt Charli offen zu, dass sie seit Jahren an einer Angstattacke leidet, die einfach nicht enden will (D‘Amelio, C., 2021). Als sie ein Video postet, in dem sie zu einem Song von Billie Eilish tanzt, wird in den Kommentaren über ihren Tod diskutiert (The D’Amelio Show, 2021). „Findest du, das ist es wert?“ (D’Amelio, H., 30:01) fragt ihre Mutter. Eine Frage, die sich Charli wohl noch oft stellen wird. 

Selbstbild basierend auf Likes 

Der Erfolg von Influencern basiert darauf, möglichst viel (positive) Aufmerksamkeit zu erzeugen. Sie stehen ständig unter Druck zu performen oder zu produzieren, immer mit dem Ziel externer Bestätigung (Schumacher, 2019). Wenn alles, was man sagt oder tut, darauf ausgelegt ist, anderen zu gefallen, gerät das eigene Selbstbild in ein Abhängigkeitsverhältnis. Selbst erwachsene Personen mit stabilen Identitäten scheitern an dieser Herausforderung, denn die Meinung von Millionen von Menschen zu kontrollieren, ist ein Fass ohne Boden. Was bedeutet das für junge Menschen wie Charli, die weder über ein fundiertes Verständnis von sich selbst noch über die emotionalen Ressourcen verfügen, um diesem Druck dauerhaft standzuhalten (Mercer, 2019; CBS News, 2019)? Sie erschaffen ein Selbstbild, das darauf basiert, was andere von ihnen sehen wollen, noch bevor sie eine Idee von eigenen persönlichen Werten entwickeln können (Mercer, 2019). Und wenn du nicht weißt, wer du bist, sagen dir eben deine 150 Millionen Follower auf TikTok, wer du bist. 

Sucht nach Anerkennung

Als junger Influencer psychisch gesund zu bleiben sowie eine stabile Identität zu entwickeln, scheint eine Herausforderung zu sein. „For children and teens, identity can easily morph and become lost in fame, with their notoriety becoming an engrained part of their personality” (Greenspan, 2020). Verliert sich das eigene Selbst bereits früh in der Berühmtheit, ist es fortwährend auf externe Bestätigung angewiesen. Für die gegenwärtige Generation von Internetstars ist das unmittelbare Feedback sozialer Medien damit eine endlose Quelle sofortiger Befriedigung (Greenspan, 2020). Jede Benachrichtigung aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn. Bleibt das Feedback aus, gefährdet das nicht nur die auf Likes basierende Identität – es müssen Kompensationsmöglichkeiten mit ähnlicher Wirkung gefunden werden (Greenspan, 2020). Eine Suche, die in Alkohol- und Drogenmissbrauch oder einer Suchtverlagerung in andere Lebensbereiche enden kann. 

Ein hoher Preis

„We’ve had cases of child stars in different eras and different times. But this is a more enhanced and hyper version of that” (McMahon, 2020). Die Welt hat schon viele junge Stars steigen und fallen sehen. Und sie fallen tief – der Begriff „Kinderstar“ ist beinahe synonym mit „Dysfunktion“ (Mohammed, 2017), meint die Journalistin Farah Mohammed, er beschwört Bilder herauf von mittlerweile erwachsenen Berühmtheiten, die nur mehr mit Drogenexzessen oder öffentlichen Ausrastern Schlagzeilen machen. Experten gehen davon aus, dass junge Influencer durch die Echtzeitüberwachung sozialer Medien noch größeren Gefahren ausgesetzt sind (Greenspan, 2020). Mögliche Konsequenzen sind eine enorme emotionale Belastung, die nachhaltige Beeinträchtigung des eigenen Selbstwertgefühls, ein Verlust von Autonomie, mentale Erschöpfung und – wie bei Charli – ein andauernder Zustand der Angst und Unruhe, begleitet von Panikattacken, Schlaf- und Konzentrationsstörungen (Trait, 2015). 

Eine neue Generation von Kinderstars

Das Influencer-Business boomt. Die Protagonisten werden immer jünger. Kinder wollen heutzutage lieber YouTuber werden statt Astronauten, Plattformen wie TikTok ziehen eine ganze Generation von „Teenfluencern“ heran und immer mehr Eltern zerren ihre Kinder bereits im Kleinkindalter vor die Kamera und vermarkten sie wie Produkte in den sozialen Medien (Lego, 2019; Alicia Joe, 2021). Die Konsequenzen lassen sich erahnen, und sie sind nicht schön. Denn das Leben unter Dauerbeobachtung und die Jagd nach Likes kann zur extremen psychischen Belastung werden. Eine Belastung, der insbesondere Kinder – und auch Teenager wie Charli – (noch) nicht gewachsen sind. Umso mehr brauchen junge Menschen in dieser Position ein Umfeld, dem sie vertrauen können und das sie beim Aufbau von emotionalen Ressourcen unterstützt. So können sie vielleicht doch noch einen Sinn in der eigenen Reichweite finden und ein gesundes Verhältnis zu ihrer Bekanntheit aufbauen. 

Quellen:

Alicia Joe (2021, 29. April). Familienblogger: Wenn Unterhaltung Jugendschutz gefährdet. [Video]. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=03_Jm883nAM

CBS News (2019). What are the psychological effects of being a „kid influencer”? Zugriff am 09.10.2022. Verfügbar unter https://www.cbsnews.com/video/what-are-the-psychological-effects-of-being-a-kid-influencer/

D’Amelio, C. (2021). The D’Amelio Show. Findest du, das ist es wert? Staffel 1, Episode 4, 15:04-15:12. Disney Plus: The Intellectual Property Corporation. 

D’Amelio, H. (2021). The D’Amelio Show. Findest du, das ist es wert? Staffel 1, Episode 4, 30:01. Disney Plus: The Intellectual Property Corporation.

Greenspan, R. E. (2020). TikTok is breeding a new batch of child stars. Psychologists say what comes next won’t be pretty. Zugriff am 13.10.2022. Verfügbar unter https://www.insider.com/psychologists-say-social-media-fame-may-harm-child-star-influencers-2020-5  

hulu PRESS (2022). The D’Amelio Show. Zugriff am 06.12.2022. Verfügbar unter https://press.hulu.com/shows/the-damelio-show/

Jepson, J. (2021). Who is Charli D’Amelio and How She Made TikTok History. Zugriff am 05.12.2022. Verfügbar unter https://ca.egoshoes.com/blog/who-is-charli-damelio/

Lego (2019). The LEGO Group kicks off global program to inspire the next generation of space explorers as NASA celebrates 50 years of moon landing. Zugriff am 06.12.2022. Verfügbar unter https://www.lego.com/en-in/aboutus/news/2019/july/lego-group-kicks-off-global-program-to-inspire-the-next-generation-of-space-explorers-as-nasa-celebrates-50-years-of-moon-landing

Mercer, D. (2019). The rise of the ‚kidfluencer‘: how online fame impacts children’s mental health. Zugriff am 07.10.2022. Verfügbar unter https://www.thenationalnews.com/lifestyle/family/the-rise-of-the-kidfluencer-how-online-fame-impacts-children-s-mental-health-1.940531

Mohammed, F. (2017) Instagram, YouTube, and the New Child Stars. Zugriff am 09.10.2022. Verfügbar unter https://daily.jstor.org/instagram-youtube-and-the-new-child-stars/

Schumacher, F. (2019). Macht das Influencer-Dasein krank? Zugriff am 06.12.2022. Verfügbar unter https://www.faz.net/aktuell/stil/leib-seele/von-wegen-traumberuf-macht-das-influencer-dasein-krank-16035607.html

The D’Amelio Show (2021). Findest du, das ist es wert? Staffel 1, Episode 4, 27:19-28:30. Disney Plus: The Intellectual Property Corporation. 

Trait, A. (2015). Is it safe to turn your children into YouTube stars? Zugriff am 08.10.2022. Verfügbar unter https://www.theguardian.com/technology/2015/sep/16/youtube-stars-vlogging-child-safety-sacconejolys-katie-and-baby

Zukin, M. (2020). How Charli D’Amelio, TikTok’s Biggest Star, Is Balancing Fame in Quarantine. Zugriff am 07.12.2022. Verfügbar unter https://variety.com/2020/digital/news/charli-damelio-tiktok-quarantine-1234726394/

Bildquelle:

Ajegbile, O. (2019). Mann Im Weißen Top Mit Rundhalsausschnitt Und Hoher Linker Hand. Abgerufen am 27.12.2022. Verfügbar unter https://www.pexels.com/de-de/foto/mann-im-weissen-top-mit-rundhalsausschnitt-und-hoher-linker-hand-3314294/