Das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom

Das erste Mal hörte ich in einer Dokumentation von dem Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom, bei dem meistens Mütter gegenüber einem Arzt vortäuschen, dass ihr Kind krank sei. Dafür werden Krankenakten manipuliert oder Symptome selbst erzeugt, indem dem Kind grundlos Medikamente verabreicht werden.

Die erste Reaktion, wenn von dieser psychischen Erkrankung gesprochen wird, ist meistens Fassungslosigkeit. Dennoch sollte sich um Objektivität bemüht werden, da das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom (kurz: MBPS) wenig erforscht und sehr komplex ist. Das Phänomen zählt zur Gruppe der artifiziellen Störungen und ist als Sonderform der Kindesmisshandlung zu betrachten (Krupinski, M. 2006).

Typischer Fall

Die betroffene Person bringt das vermeintlich kranke Kind zum Arzt. Dabei sind die Symptome entweder falsch angegeben oder vorgetäuscht. Da es sich meistens um besorgte Mütter handelt, veranlassen die Ärzte ohne deren Wissen unnötige diagnostische und therapeutische Maßnahmen. Die Liste der Täuschungsversuche ist lang. Meistens wird von epileptischen Anfällen berichtet, denn diese sind schwer zu überprüfen. Oftmals werden ohne medizinischen Anlass Medikamente verabreicht die Reaktionen wie bspw. Durchfall auslösen sollen. Untersuchungen zufolge sterben sechs bis zwölf Prozent an den Folgen.

Im Folgenden werden typische Kennzeichen (Gelitz, C. 2019) aufgelistet. Die Liste ist keinesfalls vollständig und dient zur Veranschaulichung. Jede Geschlechterkonstellation ist denkbar.

Kennzeichen

– Das Kind ist bei den ersten Auffälligkeiten nicht älter als fünf Jahre.
– Ein Geschwisterchen hatte ebenfalls ungewöhnliche Beschwerden oder ist gestorben.
– Die Mutter reagiert nicht erleichtert auf unauffällige Befunde, hält die Therapie nicht für ausreichend, wirbt um Unterstützung oder Anteilnahme.
– Sie wurde selbst misshandelt oder vernachlässigt, hat schon einmal eine Erkrankung vorgetäuscht oder leidet unter einer Persönlichkeitsstörung.
– Der Vater ist selten anwesend, wenig involviert oder (angeblich) nicht erreichbar.

Gründe & Ursachen

Mit der Krankenrolle des Kindes wird die Möglichkeit geschaffen, die Rolle der aufopferungsvollen Mutter einzunehmen, die Sicherheit und Unterstützung ausstrahlt. Zudem werden Beziehungen aufgebaut, um sich der »Krankenhausfamilie« zugehörig zu fühlen. Probleme und Konflikte können dadurch verdrängt werden, da der Fokus auf das kranke Kind und das mütterliche Engagement gelegt wird (Gelitz, C. 2019).

Der Psychiater Krupinski vermutet eine gestörte Identität. Den Betroffenen gelingt es nicht, zwischen ihren eigenen Bedürfnissen und Nöten sowie denen ihrer Kinder hinreichend zu unterscheiden. Emotionaler Vernachlässigung und Verlassenheitsgefühle in der eigenen Kindheit sind meistens Ursache. Das Leid des Kindes wird in Kauf genommen, um die Krankenrolle zu erlangen. Wird auf das Verhalten hingewiesen, wird es als ärztliche Unkenntnis und Fehlbehandlung heruntergespielt und der Arzt gewechselt. Da Opfer von Vernachlässigung oder Gewalt oft Bindungsstörungen aufweisen, ist die Bindung zum eigenen Kind ebenfalls gestört. Die Bedeutung materieller Vorteile ist noch nicht ausreichend erforscht (Krupinski, M. 2006).

Was können Ärzte tun?

Die genannten Warnsignale treffen nicht für jeden Fall zu. Es ist wichtig, den Einzelfall zu analysieren und gegebenenfalls einen Kinderarzt oder die Gerichtsmedizin hinzuzuziehen. Alternative Erklärungen müssen ausgeschlossen werden können, ebenso vorgetäuschte oder künstlich erzeugte Beschwerden. Nicht verordnete Medikamente lassen sich beispielsweise im Blut nachweisen. Im Idealfall wird das Kind mehrere Tage stationär beobachtet. In den USA wird erfolgreich mithilfe von Videoüberwachung ermittelt, dies ist in Deutschland aus rechtlichen Gründen leider nicht möglich.

Therapie

Ziel der Therapie ist das Hervorrufen von Schuld- und Schamgefühlen, d.h. die Tat soll erstmal als solche erkannt werden. Da es sich meistens um traumatisierte Frauen handelt, fehlt die nötige Selbstreflexion und Einsicht, emotionale Bedürfnisse nicht mit dem Leid eines anderen zu kompensieren. Eine Familientherapie wird mit Augenmerk auf die Geschwister empfohlen: Sind sie auch betroffen? Haben sie unter der Situation gelitten?

Die Opfer benötigen in jedem Fall eine Behandlung, in erster Linie um mit Störungen im Körperempfinden und dem Selbstwertgefühl zurechtzukommen. Zudem müssen sie in ein „normales“ gesundes Leben begleitet werden. Das Geschehene muss akzeptiert und nicht verdrängt werden. Betroffene fühlen sich oft mitschuldig oder leugnen das Geschehene. Ziel ist somit, das Vergangene zu akzeptieren und Gefühle wie Wut und Trauer zuzulassen (Gelitz, C. 2019). In jedem Fall ist eine interdisziplinäre Kooperation nötig. Die verschiedenen beteiligten Disziplinen werden abschließend in Abbildung 1 veranschaulicht.

Abbildung 1: Medizinische, psychologisch-psychiatrische und juristische Aspekte des MBPS und
korrespondierende Aufgaben der beteiligten Disziplinen (Bools, C. 1993).

Literaturtipp: Feldman, M. D. (2006). Wenn Menschen krank spielen. Münchhausen-Syndrom und artifizielle Störungen. Überblick über die verschiedenen Störungsbilder,
mit vielen Fallbeispielen. Reinhard, München.


Quellen

Bools, C. / Neale, B. / Meadow, R. (1993). Follow up of victims of fabricated illness (Munchhausen syndrome by proxy). Arch Dis Child 69, S. 625.

Gelitz, C. (2019). Der Mama zuliebe krank. Spektrum.de; Abteilung Psychologie/Hirnforschung. Abgerufen am 01.12.2021 unter https://www.spektrum.de/news/der-mama-zuliebe-krank/1652142.

Krupinski, M. (2006). Wenn Mediziner ungewollt zur Kindesmisshandlung verführt werden. Münchhausen-by-ProxySyndrom. In: Wiener Medizinische Wochenschrift 156, S. 441 –447.

Sheridan, M. S. (2003). The Deceit Continues. An Updated Literature Review of Munchausen Syndrome by Proxy. In: Child Abuse Neglect 27, S.431 –451.

Beitragsbild: Thermometer Fieber – kostenloses Bild auf Pixabey.