„Das ist dann wohl psychosomatisch!“ Psychosomatik und Somatopsychologie im Überblick

Wenn Landläufig davon gesprochen wird, dass ein Symptom „psychosomatisch“ ist, ist damit häufig gemeint, dass die Person sich ihre Krankheit nur einbildet. Doch diese Auffassung ist falsch. Psychosomatische Erkrankungen haben körperliche Auswirkungen. Und es kommt noch besser: Es gibt nicht nur die Psychosomatik, sondern auch die Somatopsychologie.

Bringen wir Licht in das Dunkel!


Definition Psychosomatik (Becker-Carus & Caspar, 2009, S. 812)

Psychosomatik leitet sich aus dem Griechischen ab von psyche = Seele und soma = Körper und ist die Lehre, die von einem bedeutenden Einfluss psychischer Prozesse auf das Entstehen körperlicher Erkrankungen ausgeht. Der Begriff ist erweiterbar auch auf körperliche Beschwerden, für die es keine sichtbare organische Ursache gibt.


Psychosomatik bezeichnet also das Phänomen, dass das, was wir denken und fühlen unseren Körper beeinflusst. Beispielsweise können traumatische Erlebnisse zu einer Magersucht führen. Ihre Grundlage hat die Psychosomatik in der Psychoanalyse (Fydrich & Martin, 2010, S. 190). Sigmund Freud sah somatische (körperliche) Symptome als Ausdruck von inneren psychischen Konflikten oder Konflikten mit der Umwelt (Fydrich & Martin, 2010, S. 190).

Somatopsychologie wiederum war ursprünglich die Bezeichnung für den Analyseprozess körperlicher Symptome, die durch psychische Prozesse bedingt sind (Häcker & Stapf, 2009, S. 923-924). Heute beinhaltet die Somatopsychologie zwei Aspekte. Einerseits untersucht sie, wie organische Krankheiten – z. B. eine Krebserkrankung – sich auf die Psyche auswirken. Dabei spielen psychische und soziale Faktoren eine Rolle (Fydrich & Martin, 2010, S. 189). Es ist hinlänglich bekannt, dass die Krebsdiagnose bei Betroffenen zu belastenden psychischen Reaktionen führen kann (Kasten, 2021). Andererseits beschäftigt sich die Somatopsychologie mit der Frage, welche organischen Erkrankungen ursächlich sein können für Symptome, die auch bei psychischen Erkrankungen vorkommen (Kasten, 2021). Es gibt eine Reihe von Erkrankungen oder Zuständen, die psychische Symptome hervorrufen können. Schon ein einfacher Schnupfen kann dazu führen, dass das Immunsystem die körperliche und geistige Aktivität zur Schonung des Organismus herunterfährt, was auf die Stimmung drückt (Kasten, 2021).

Auch andere Krankheitsbilder können somatopsychisch wirken.

PsychosomatikSomatopsychologieSomatopsychologie
Wie beeinflussen das Denken und Fühlen den Körper?Wie wirkt eine chronische Erkrankung auf den Körper?Welche(r) organische Erkrankung/körperlicher Zustand zeigt Symptome einer psychischen Erkrankung?
z. B.
Essstörungen infolge einer Posttraumatischen Belastungsstörung
Formen der Depression
Herz-Angst-Neurose
z. B. Krebserkrankungz. B.
niedrigschwellige Entzündungen
Lyme-Borreliose
Schilddrüsenerkrankungen
Pubertät
Wassermangel
Hunger
Chorea Huntington
Tab.: Differenzierung Psychosomatik und Somatopsychologie (eigene Darstellung)

Zu bedenken ist, dass die Übergänge fließend sind. Eine eindeutige Einteilung fällt demzufolge schwer.

Wie wirken die somatopsychischen Prozesse bei einigen der genannten Erkrankungen?

  • niedrigschwellige Entzündungen

Kasten (2010) beschreibt bereits kleine chronische Entzündungen als mögliche Ursache für Erschöpfung und anhaltende Müdigkeit, was häufig zu einer Überweisung zum Psychotherapeuten führt, da die Entzündung durch Mediziner*innen nicht gefunden wird (S. 64).

  • Lyme-Borreliose

Aus dem Bereich der bakteriellen Infektionen ist die durch Zeckenbisse verursachte Lyme-Borreliose als eine Ursache für Erkrankungen des Zentralnervensystems zu nennen (Kasten, 2010, S. 66). Neben den seltenen schweren Komplikationen wie Hirnhautentzündung oder Nervenentzündungen, die ohnehin als Notfall behandelt werden, kann es zu einer Reihe unspezifischer Symptome kommen, die, wenn der Zeckenbiss unentdeckt bleibt, nicht mit einer Borreliose in Zusammenhang gebracht wird. Patientinnen und Patienten berichten über Kopfschmerzen und Schwindelgefühle, aber auch über erhöhte Müdigkeit und Erschöpfbarkeit sowie Konzentrationsprobleme oder ein Veränderung der Persönlichkeit. Auch hier kann es zu Fehldiagnosen kommen.

  • Schilddrüsenerkrankungen

Eine Schilddrüsenunterfunktion kann sich beispielsweise äußern durch körperlichen und geistigen Leistungsabfall, Antriebsarmut, Müdigkeit, Verlangsamung oder Desinteresse – allesamt Symptome, die auch bei einer Depression auftreten können (Herold, 2015, S. 755). Daraus ergibt sich ein anderer therapeutischer Ansatz. Wird eine Depression diagnostiziert, wird möglicherweise ein Antidepressivum mit Psychotherapie verordnet. Liegt die Ursache jedoch in der Schilddrüsenerkrankung, müssten Schilddrüsenhormone verordnet werden.

  • weitere hormonelle Veränderungen

Auch andere hormonelle Veränderungen können zu einer Veränderung der Psyche führen. Auch solche, an die man spontan nicht denken würde, da sie keine Erkrankung im eigentlichen Sinne darstellen. Ein prominentes Beispiel hierfür ist die Pubertät. Nach der Kindheit, in der nur wenige Sexualhormone produziert werden, schießt die Produktion mit Beginn der Pubertät in die Höhe und kann unkontrolliert schwanken (Kasten, 2021). Dadurch kommt es bei Jugendlichen nicht nur zu körperlichen Veränderungen, sondern auch zu Stimmungsschwankungen, Identitätskrisen und nicht selten auch zu Depressionen (Kasten, 2021).

  • Wassermangel

Schlichter Flüssigkeitsmangel kann zu Symptomen führen, die einer psychischen Erkrankung ähneln. Den Volumenverlust des Blutes versucht der Körper zu kompensieren, indem Puls und Blutdruck erhöht werden (Kasten, 2020). Das kann zu innerer Unruhe und Angstgefühlen führen. Eine zunehmende Unterversorgung mit Wasser hat außerdem Konzentrations- und Gedächtnisstörungen zur Folge bis hinzu Bewusstseinseintrübungen (Kasten, 2021). Im Extremfall kann Wassermangel auch zum Tod führen.

Fazit

Welches Fazit kann aus den Erkenntnissen gezogen werden?

Auch heute hat sich die Somatopsychologie zumindest in der Psychotherapeutenausbildunge nicht als fester Bestandteil des Curriculums durchgesetzt. Und auch Studierende der Medizin lernen noch immer wenig interdisziplinär. Häufig werden depressive Erkrankungen als Komorbidität von somatischen Krankheiten wie Herzerkrankungen, Diabetes mellitus, Tumorerkrankungen oder Demenzformen gesehen (Mader & Riedl, 2018, S. 324), aber weder als deren Wirkung noch als deren Ursache. Eine weitere Sensibilisierung über die Fachdisziplinen hinaus wäre im Sinne einer optimalen Patientinnen- und Patientenversorgung wünschenswert. Denn sowohl für die Behandlung der psychosomatischen Erkrankung als auch für die somatopsychischen sind Behandlungen erforderlich, die beides berücksichtigen – den Körper und die Psyche.


Literaturverzeichnis

Becker-Carus, C. & Caspar, F. (2009). Psychosomatik, psychosomatische Medizin. In H. O. Häcker & K.-H. Stapf (Hrsg.), Dorsch Psychologisches Wörterbuch (S. 812-813). Bern: Huber Verlag.

Fydrich, T. & Martin, A. (2010). Schwerpunktheft zum Thema Somatopsychologie. Psychotherapeut 2010, Vol. 55, S. 189-193.

Häcker, H. O. & Stapf, K.-H. (2009). Dorsch Psychologisches Wörterbuch (15. Aufl.). Bern: Verlag Hans Huber.

Herold, G. (2015). Innere Medizin. Köln: Herold.

Kasten, E. (2010). In einem kranken Körper. Gehirn & Geist, Ausgabe 6 (2010), S. 64-67.

Kasten, E. (2021). Somatopsychologie. Verfügbar unter www.erich-kasten.de/forschung/somatopsychologie/

Mader, F. H. & Riedl, B. (2018). Allgemeinmedizin und Praxis. Berlin: Springer Nature.

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