Borderline – Gibt es einen Ausweg aus dem Gefühlchaos?

Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung haben nach der Diagnose oftmals das Gefühl von tiefer Leere und Hoffnungslosigkeit, da in vielen Fällen noch weiter geforscht werden muss und die therapeutischen Verfahren oftmals nur die einzelnen Symptome mildern, das Krankheitsbild jedoch aufrechterhalten wird. Die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung kann sehr belastend sein. Betroffene haben neben dem persönlichen und individuellen Umgang mit der Krankheit, oftmals auch mit gesellschaftlichen Stigmatisierungen zu kämpfen. Vorurteile sind sehr hartnäckig und brennen sich auch in den Kopf von Betroffenen ein. So haben diese oftmals das Gefühl, dass sie für immer mit dieser Krankheit kämpfen müssen und es keinen wirklichen Ausweg gibt. Neue Forschungen geben jetzt Hoffnung!

Vom Klischee wegzukommen ,,Borderline sind ja nur Teenies, die Aufmerksamkeit suchen und sich ritzen – hin zu Borderline – Persönlichkeitsstörung, oft gehört, aber welche Merkmale zeichnen die Persönlichkeitsstörung wirklich aus?

Ein Leben mit Gefühlschaos und Selbsthass  

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung, nachfolgend abgekürzt durch BPS, zeichnet sich durch verschiedene Symptome aus. Aktuelle Zahlen legen nahe, dass rund 3 % der Bevölkerung eine BPS ausgebildet haben.[1] Die amerikanische psychiatrische Vereinigung definierte die BPS als ein „tiefgreifendes Muster von Instabilität in zwischenmenschlichen Beziehungen, im Selbstbild und in den Affekten sowie von deutlicher Impulsivität“ (APA 2013, S. 908). Die Auffälligkeiten zeigen sich bei dem Großteil der Betroffenen bereits in der Kindheit und bilden sich dann vollständig bis zum Erwachsenenalter aus. Die meisten Probleme treten in Zwischenmenschlichen Beziehungen auf. Sie überinterpretieren die Reaktion von ihren Mitmenschen oder haben eine andere Wahrnehmung, was häufig zu Missverständnissen und Konflikten führt.

Betroffene zeigen meist eine hohe emotionale Instabilität. Sie reagieren auf Stimmungsschwankungen sehr extrem und erleben ihre Gefühle intensiv, was dazu führt, dass sie besonders sensibel in herausfordernden Situationen reagieren und sich stark unter Druck gesetzt fühlen. Diese Extreme zeigen sich in anhaltenden Wutausfällen oder Weinattacken, die manchmal bis hin zu mehreren Stunden oder Tagen anhalten können.

Aufgrund ihrer Erfahrung mit herausfordernden zwischenmenschlichen Beziehungen und einer ausgeprägten Angst nicht geliebt bzw. aus irrationalen Gründen Verlassen zu werden, haben Menschen, die an einer BPS leiden, meist große Angst vor Zurückweisung. Dieses Verhalten äußert sich dann durch Androhung von Suizid oder durch Androhung von selbstverletzendem Verhalten, um eine mögliche Trennung zu vermeiden und beim Gegenüber hohen Druck zu erzeugen. Diese Angst vor Zurückweisung und die fehlende Emotionskontrolle von Borderliner:innen kann zu selbstschädigendem Verhalten führen. An dieser Stelle soll gesagt sein, dass jedoch nicht jede:r Borderliner:in sich selbst verletzt.[2] Borderliner:innen verletzten sich meist selbst, da sie sich selbst nicht (mehr) wahrnehmen können und in extremen Fällen sogar nicht mehr wissen, ob sie überhaupt noch leben.[3] Eine weitere Kennzeichnung von Menschen die an einer BPS leiden ist ein beeinträchtigtes Selbstbild, welches sich in einer wechselhaften Selbst-Wahrnehmung zeigt und bis hin zu Selbstverachtung gehen kann.[4]

Lange Zeit galt die Diagnose der BPS als recht endgültig. Bestehende Therapieansätze zielen vor allem darauf ab, die Symptome zu minimieren bzw. Betroffene eine Möglichkeit zum Umgang mit den Extremen an die Hand zu geben und vor allem selbstverletzendes Verhalten sowie Suizidalität zu behandeln. Eine Studie stellte nun fest, dass bei rund 80% der Betroffenen, zehn Jahre nach Diagnosestellung und anhaltender Therapie, eine Remission der Symptomatiken verzeichnen.[5]

Ausblick

Von einer medikamentösen Behandlung der BPS wird abgeraten, da die BPS in Komodalität zu anderen psychischen Erkrankungen, wie bspw. Depressionen oder Wahnvorstellungen, auftritt und die Medikamente, auf die Intensität wirken können.[6] Für die Behandlung der BPS können folgende vier Psychotherapie-Verfahren angewandt werden[7]:

  1. die DBT (Dialektisch-Behaviorale Therapie) nach M. Linehan,
  2. die MBT (Mentalisierungsbasierte Therapie) nach Bateman und Fonagy,
  3. 3.die SFT (Schemafokussierte Therapie) nach Young 
  4. 4.die von O. F. Kernberg entwickelte psychodynamisch ausgerichtete TFP (Übertragungsfokussierte Psychotherapie).

Die Dialektisch-Behaviorale-Therapie wurde speziell für Patienten mit einer BPS von Marsha Linehan in den 1990er Jahren entwickelt. 2004 zeigte eine Studie die Wirksamkeit der Therapie, da Studienteilnehmer, nach einer zwölfmonatigen Therapie deutlich besser mit stressigen Situationen umgehen konnten und die Gefühlregulation kontrollierter ablief. Zudem zeigten sie in verschiedenen sozialen Situationen angemessenes Verhalten und überintrepertierten das Verhalten von anderen Menschen nicht. Interessant war vor allem die Hirnstrukturveränderung bei den Patienten. Die Amygdala, also der Teil des Gehirns, der für die Emotionsverarbeitung- und kontrolle verantwortlich ist, reagierte auf wiederholte negative Reize schwächer. Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Therapie waren Achtsamkeitsübungen, welche vor allem der Selbstreflektion und der Emotionskontrolle dienten. Eine neure Studie zur Wirksamkeit der DBT 2018 von einer Gruppe um Falk Mancke von der Universität Heidelberg bestätigten die Ergebnisse und postulierten zudem, dass Patient:innen in der Lage waren, das Verhalten von anderen Menschen richtig einzuordnen und die Motive hinter dem Verhalten zu verstehen, diese Fähigkeit (Mentalisieren) fällt Menschen die an einer BPS erkrankt sind, normalerweise äußerst schwer.[8]

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Menschen, die die Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung erhalten, nicht für immer mit dieser leben müssen. Durch verschiedene Psychotherapieverfahren wird es Betroffenen ermöglicht, die ausgebildete Persönlichkeitsstörung zu reflektieren und ihr Verhalten zu verändern. Die möglichen Entstehungsgründe zu reflektieren und ihr Verhalten umzustrukturieren. Die Therapieansätze zeigen eine hohe Wirksamkeit, da Veränderungen sogar in den verschiedenen Gehirnarealen messbar gemacht werden konnten. Der Leidensweg von Betroffenen kann mit einer gezielten Therapie verringert, wenn nicht sogar, ein Ende gesetzt werden. Betroffene stoßen im Laufe ihres Weges oft auf Unverständnis, Ausgrenzung und Stigmatisierung. Durch Aufklärung in breiter Fläche sowie ein Abbau von verschiedenen Stigmen kann jeder einzelne Betroffene unterstützen und ihren Leidensweg (eventuell) ein Stück weit verringern.


[1] Vgl. Giertz (2021) Heft 71, S. 33

[2] Vgl. Prölß et al. (2019) S. 105-107

[3] Vgl. Ebd. S. 107

[4] Vgl. Krauch (30.11. 2021) S. 63

[5] Vgl. Krauch (30.11.2021) S. 60-61

[6] Vgl. Lieb et al (2020) S. 88

[7] Vgl. Prölß et al (2019) S. 112

[8] Vgl. Kauch (30.11.2021) S. 62

Literatur- und Quellenverzeichnis

  • American Psychiatric Association (2013). Diagnostic and statistical manual of mental disorders (5th ed.). https://doi.org/10.1176/appi.books.9780890425596
  • Giertz, K. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung. Pflege 74, 33–35 (2021). https://doi.org/10.1007/s41906-021-0987-9
  • Krauch, M. (30.11.2021) Von wegen lebenslänglich – Spektrum Gehirn & Geist 2022/01 S. 59-61
  • Lieb, K., Stoffers-Winterling, J. & die Leitliniengruppe. Die neuen S3-Leitlinien: Borderline Persönlichkeitsstörung. Psychotherapie Forum 24, 87–88 (2020). https://doi.org/10.1007/s00729-020-00162-1
  • Prölß A., Schnell T., Koch L. (2019) Borderline-Persönlichkeitsstörung. In: Psychische StörungsBILDER. Springer, Berlin, Heidelberg. https://doi.org/10.1007/978-3-662-58288-6_13