Biofeedback – Lernen, den eigenen Körper zu lesen

Im Körper laufen ständig unterbewusste Prozesse ab, die wir gar nicht wahrnehmen. Auch das, was in unserer Umwelt passiert und wie wir darauf reagieren, löst im Körper Reaktionen aus. Mithilfe von Biofeedback können einige dieser Prozesse sichtbar gemacht und für die Gesundheit und die Veränderung negativer Zustände genutzt werden.

Was ist Biofeedback?

Unter Biofeedback werden verschiedene therapeutische Maßnahmen verstanden, welche dazu dienen, Menschen ständig ablaufende körperliche Prozesse rückzumelden, die normalerweise nicht bewusst wahrgenommen werden. Dabei soll gelernt werden, diese Prozesse mit der Zeit selbst zu steuern (Petermann & Pätel, 2009, S. 247). Ständig ablaufende Prozesse sind bspw. die Herztätigkeit, die Atmung, die Muskel-, die Schweißdrüsen- oder die Gehirnaktivität. Nicht alle dieser Prozesse können so einfach gemessen werden, wie die Herztätigkeit über den Puls. Sie kommen oft erst dann ins Bewusstsein, wenn sie unangenehm werden oder sogar schädlich sind, z. B. Muskelverspannung oder chronischer Bluthochdruck. Diese Prozesse und deren Zusammenspiel sind wichtig für das psychische und physische Wohlbefinden. Mit Biofeedback können die Zustände der jeweiligen Aktivitäten, deren Veränderungen und auch deren Veränderbarkeit sichtbar gemacht werden. Dies funktioniert mithilfe bestimmter Geräte. Nach etwas Übung können die Körperprozesse auch ohne Geräte besser kontrolliert und reguliert werden (Haus et al., 2020, S. 4). Es wird zwischen dem peripheren Biofeedback und dem Neurofeedback unterschieden.

Peripheres Biofeedback

Das periphere Biofeedback meldet Signale zurück, welche in Zusammenhang mit der Aktivität des peripheren Nervensystems stehen, also allen Nervenfasern und -zellen mit Ausnahme des Gehirns und des Rückenmarks (Haus et al., 2020, S. 27). Es kann z. B. die elektrodermale Aktivität an den Fingern gemessen werden, da die Schweißdrüsen der Haut auf negative Emotionen und Stress reagieren. Durch zwei Elektroden an den Fingern wird die Leitfähigkeit der Haut gemessen, welche steigt, wenn mehr Schweiß produziert wird. Genauso kann die Handtemperatur an einem Finger gemessen werden, da diese im Rahmen einer Stressreaktion sinkt und sich erhöht, wenn Entspannung einsetzt (Haus et al., 2020, S. 29–30).

Die Herzratenvariabilität (HRV) wird über die Herzrate und die Atmung gemessen. Zur Messung der Herzrate kann ein Elektrokardiogramm eingesetzt werden oder ein optischer Sensor am Finger oder Ohrläppchen angebracht werden. Der Atem kann mithilfe eines Atemgurts mit Dehnungssensoren gemessen werden. Mit jeder Ausatmung nimmt die Herzrate zu und mit jeder Einatmung ab. Hierbei wird trainiert, einen regelmäßigen und guten Atemrhythmus zu erzielen (Haus et al., 2020, S. 31–32). Mithilfe eines Elektromyogramms können Potenzialverschiebungen innerhalb von Muskeln gemessen werden, welche mit der Muskelbetätigung zunehmen. Somit können emotionales Erleben, psychische Anspannung oder unbewusste Reaktionen in den Muskeln sichtbar gemacht werden. Dazu werden Elektroden auf der Haut an den entsprechenden Stellen angebracht. Im Rahmen von Stresstests können auch mehrere dieser Komponenten zusammen gemessen werden, um die Reaktion auf Stressreize abzubilden. Damit kann trainiert werden, sich zu entspannen (Haus et al., 2020, S. 35–36). Die Rückmeldung der beschriebenen Geräte erfolgt über einen Computerbildschirm oder Töne. Die Veränderung der Parameter wird z. B. durch eine Veränderung der Töne oder Farben auf dem Bildschirm dargestellt. Eine hohe Herzfrequenz kann z. B. rot dargestellt werden und grün werden, wenn sie auf ein erwünschtes Level sinkt. So können Patient:innen dies bewusst mithilfe von Gedanken oder Vorstellungen verändern und regulieren (Oberberg Klinken, o. J.).

Neurofeedback

Neurofeedback kann mit verschiedenen bildgebenden Verfahren wie der Elektroenzephalographie (EEG), der Magnetenzephalografie (MEG), der Nahinfrarotspektroskopie (NIRS) und der Magnetresonanztomographie (fMRT) durchgeführt werden, wobei das EEG die meiste Praxisrelevanz hat. Mittels Elektroden auf dem Kopf werden dabei die Gehirnströme gemessen. Die Messungen werden in Echtzeit analysiert, mit den Sollwerten abgeglichen und den Patient:innen direkt durch Figuren auf einem Bildschirm visualisiert. Diese müssen nun die Figuren in eine gewünschte Richtung steuern (z. B. nach oben = aktivieren, nach unten = deaktivieren) (Schlottke, Strehl & Lauth, 2009, S. 422). Hierzu stehen keine Hilfsmittel, wie z. B. Joysticks, zur Verfügung. Die Figuren müssen durch die Korrektur der Gehirnströme bewegt werden (Enriquez-Geppert, 2019, S. 186). Wird die Figur in die gewünschte Richtung bewegt, wird dies positiv verstärkt und es können Token gesammelt werden, welche später gegen Belohnungen getauscht werden können (Schlottke et al., 2009, S. 422). So können Patient:innen mentale Strategien lernen und zur Regulation von neuronalen Merkmalen einsetzen, welche einen Zusammenhang mit kognitiven Funktionen oder der Symptomreduzierung haben (Enriquez-Geppert, 2019, S. 186).

Anwendungsgebiete

Biofeedback hat viele verschiedene Einsatzgebiete, daher werden hier nur Beispiele genannt. Das Biofeedback zur Regulierung des Hautleitwerts und der Hauttemperatur wird z. B. eingesetzt, um Entspannungstrainings zu unterstützen. HRV-Training wird zum Stressmanagement und High Perfomance-Training angewandt, aber auch bei Depressionen, Ängsten, chronischen Schmerzen und Bluthochdruck (Haus et al., 2020, S. 30–32). Neurofeedback wird häufig zur Behandlung von Kindern mit ADHS angewandt. Ebenso in der neurologischen Rehabilitation, um bestimmte kognitive sowie motorische Funktionen zu verbessern, z. B. bei Gehirnläsionen oder nach Schlaganfällen (Kober & Wood, 2020, S. 189). Ebenfalls bei Tinnitus hat Neurofeedback gute Erfolge erzielt. Hier kann ein Entspannungszustand erreicht sowie die Aufmerksamkeit vom Ohrgeräusch weggelenkt werden (Gosepath, Nafe, Ziegler & Mann, 2001, S. 30–31). Auch bei anderen psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen und Schizophrenie (Masterpasqua & Healey, 2003, S. 654–655) oder Drogenabhängigkeit (Held & Nowak, 2013, S. 238–239), Autismus, Burnout sowie im Sport- und Medizinbereich kann es zur Leistungs- und Konzentrationssteigerung eingesetzt werden (Peters, 2018, S. 95).

Fazit

Insgesamt ist Biofeedback ein interessantes Verfahren, das sowohl in der Rehabilitation bestimmter Erkrankungen zur Ergänzung der Behandlung als auch in der Prävention eingesetzt wird. Die Wirksamkeit ist schon in verschiedenen wissenschaftlichen Studien bewiesen worden. Zukünftig ist es gut möglich, dass diese Methodik mehr an Bedeutung gewinnt, da auch der Umgang mit Geräten wie dem Computer in der heutigen Generation normal geworden ist. Ältere Menschen haben womöglich größere Probleme, mit den verwendeten Geräten umzugehen und das Biofeedback optimal nutzen zu können.


Literaturverzeichnis

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Gosepath, K., Nafe, B., Ziegler, E. & Mann, W. J. (2001). Neurofeedback in der Therapie des Tinnitus. HNO, 49(1), 29–35. https://doi.org/10.1007/s001060050704

Haus, K.‑M., Held, C., Kowalski, A., Krombholz, A., Nowak, M., Schneider, E. et al. (2020). Praxisbuch Biofeedback und Neurofeedback (3. Auflage). Berlin: Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-662-59720-0

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Kober, S. E. & Wood, G. (2020). Möglichkeiten und Grenzen von Neurofeedback. Lernen und Lernstörungen, 9(3), 187–196. https://doi.org/10.1024/2235-0977/a000293

Masterpasqua, F. & Healey, K. N. (2003). Neurofeedback in Psychological Practice. Professional Psychology: Research and Practice, 34(6), 652–656. https://doi.org/10.1037/0735-7028.34.6.652

Oberberg Klinken. (o. J.). Biofeedback – den Körper lesen lernen. Zugriff am 11.03.2022. Verfügbar unter: https://www.oberbergkliniken.de/therapien/biofeedback

Petermann, U. & Pätel, J. (2009). Entspannungsverfahren. In S. Schneider & J. Margraf (Hrsg.), Lehrbuch der Verhaltenstherapie. Störungen im Kindes- und Jugendalter (Lehrbuch der Verhaltenstherapie, Bd. 3, S. 243–254). Heidelberg: Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-540-79545-2_16

Peters, B. (2018). Ergotherapie Individualisiert Gestalten. Lösungsorientiertes Arbeiten Mit Dem K. U. R. -Konzept. Berlin: Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-662-55478-4

Schlottke, P. F., Strehl, U. & Lauth, G. W. (2009). Aufmerksamkeitsstörung. In S. Schneider & J. Margraf (Hrsg.), Lehrbuch der Verhaltenstherapie. Störungen im Kindes- und Jugendalter (Lehrbuch der Verhaltenstherapie, Bd. 3, S. 411–428). Heidelberg: Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-540-79545-2_26

Beitragsbild

Ulrichw. (2017). EEG Integration Hirnstrommessung: pixabay. Zugriff am 19.03.2022. Verfügbar unter: https://pixabay.com/de/photos/eeg-integration-hirnstrommessung-2680957/