Andorra-Effekt

„Seit ich höre, hat man mir gesagt, ich sei anders, und ich habe geachtet drauf, ob es so ist, wie sie sagen. Und es ist, wie sie sagen. Und es ist so, Hochwürden: Ich bin anders. (…) Man hat mir gesagt, wie meinesgleichen sich bewege, (…). Sie haben recht: Ich bewege mich so und so.“

(aus: „Andorra“ von Max Frisch, 1975, S. 86)


Die Psychologie beschreibt eine Reihe von Effekten, die auf die Persönlichkeit eines Menschen wirken können. Dazu gehört Thorndikes berühmter Halo-Effekt, bei dem eine EIgenschaft einer Person alles andere überstrahlt. Oder der Primacy-Recency-Effekt, der besagt, dass Menschen vom ersten und letzten Eindruck besonders beeinflusst werden. Ein Effekt, der aus der Sozialpsychologie kommt, ist der sogenannte Andorra-Effekt. Er ist deswegen so interessant, weil er die Vorstellung der individuellen Entwicklung der Persönlichkeit infrage stellt.

Andorra-Effekt – worum geht es?

Nach dieser Theorie aus der Sozialpsychologie neigen Menschen dazu, sich an die Einschätzungen und Beurteilungen ihrer sozialen Umwelt anzupassen (Stangl, 2021). Wenn Menschen immer wieder Zuschreibungen anderer über sich selbst hören, ob es nun um Aussehen, Intelligenz, Charaktereigenschaften oder ähnliches geht, beginnen sie mit der Zeit, sich entsprechend dieser Zuschreibungen zu verhalten (Stangl, 2021). Mit anderen Worten: Man wird zu dem Menschen, den andere in einem sehen oder sehen wollen. Dies funktioniert vor allem in Bezug auf die Vorurteile des Umfeldes.

Das Drama „Andorra“ von Max Frisch ist Namensgeber dieses Effektes. In Frischs Stück geht es um den jungen Andri, der im fiktiven Andorra vom Lehrer aufgezogen wird als jüdisches Flüchtlingskind. Erst im Verlauf der Handlung wird klar, dass Andri der leibliche Sohn des Lehrers aus einer außerehelichen Beziehung ist, was dieser jedoch verheimlicht. Andri ist also kein Jude. Die antisemitisch eingestellten Einwohner des Dorfes behaften Andri zunächst mit Vorurteilen und stereotypen Zuschreibungen, die Andri anzunehmen beginnt. Das äußere Bild, das ihm durch die Einwohner des Dorfes vermittelt wird, ist stärker als seine Identität. Das führt dazu, dass selbst als der Irrtum durch den Pater aufgeklärt wird und sich herausstellt, dass er kein jüdisches Kind ist, er trotzdem an den Vorurteilen und dem Verhalten, das die anderen ihm nachsagen, festhält und sich nicht vom Gegenteil überzeugen lässt (Frisch, 1975, S. 84-85).

Wie ist das zu erklären? Wir wollen zwei Grundbereiche näher betrachten: das Individuum und die Gruppe.

Das Selbst – wer bin ich und wenn ja, wieviele?

Wer oder was ist das eigentlich, dieses Selbst? Das Selbst besteht aus zwei Anteilen. Es bildet sich aus dem, was wir sehen, wenn wir nach innen schauen und uns beobachten – das personale Selbst – und dem, was wir durch Interaktion mit der Umwelt werden – das soziale Selbst (Häcker & Stapf, 2009, S. 894-895).

Das personale Selbst

Die Selbstbewertung, also die Frage, wie wir uns selbst sehen, führt zu Selbsterkenntnis (Häcker & Stapf, 2009, S. 894). Außerdem gibt es einen Teil in uns, der wir gerne wären – das Idealbild. Dieses Idealbild richtet sich auch nach den Normen und Werten unserer jeweiligen Bezugsgruppe. Gut ist es, wenn die Diskrepanz zwischen Selbstbild und Idealbild möglichst gering ist (Häcker & Stapf, 2009, S. 895). Identität und Selbst werden häufig synonym verwendet. Allerdings reicht für die Entwicklung des Selbst völlig aus, sich nach innen zu wenden und sich zu beobachten. Die Identität hingegen hat immer auch etwas damit zu tun, wie andere uns sehen und bewerten. Menschen ist daran gelegen, von sich selbst eine möglichst kohärente Selbsteinschätzung zu erhalten (Garms-Homolová, 2021, S. 10). Wer sich selbst negativ einschätzt, tendiert dazu, vor allem diejenigen Aussagen anderer über sich zu hören, die negativ sind. Man sucht sich also den Gesprächspartner oder die Gesprächspartnerin, von dem/der man sicher annehmen kann, dass er/sie das erwartete Feedback gibt.

Es gibt drei grundsätzliche Orientierungsstile zur Identitätsfindung:

  1. Orientierung an Informationen

Es gibt Menschen, die sich selbst auf die Suche machen nach Informationen über sich und die Umwelt, sammeln, bewerten sachlich und ordnen nach Wichtigkeit. Dann vergleichen sie ihre Selbstbewertung mit dem Feedback aus dem sozialen Umfeld. Menschen, die sich an Informationen orientieren, zeichnet ein Interesse an Problemlösungen aus, sie schätzen soziale Autonomie, Selbstkontrolle und Offenheit und sind entscheidungsfreudig (Garms-Homolová, 2021, S. 23).

2. Warten, bis das Problem von selbst verschwindet

Wer wartet, bis sich ein Problem in Luft auflöst, wartet nicht nur häufig vergebens, sondern kann als Vermeider bezeichnet werden. Es handelt sich oftmals um hedonistische und selbstzentrierte Menschen, die eher emotional geprägte Strategien zur Bewältigung wählen, externe Kontrolle erwarten und über eine weniger gute Anpassungsfähigkeit verfügen (Garms-Homolová, 2021, S. 23).

3. Orientierung an den Normen anderer

Menschen, die sich normativ orientieren, beziehen sich auf eine bestimmte Person mit deren Regeln und Normen. Sie brauchen also jemanden, der ihnen sagt, was richtig und was falsch ist. Sie handeln gerne zielgerichtet, brauchen eine Struktur und feste Regeln. Informationen, die ihr gefestigtes Glaubenssystem durcheinander bringen, werden abgelehnt (Garms-Homolová, 2021, S. 23).

Für Andri kann gesagt werden, dass bei ihm die Entwicklung seines Selbstkonzeptes als Übernahme der Kennzeichnung durch die anderen Dorfbewohnerinnen und -bewohner erfolgt, er orientiert sich an den Normen anderer.

Das soziale Selbst

Neben dem personalen Selbst gibt es ein soziales Selbst. Dieses kann gleichgesetzt werden mit dem Wir-Gefühl (Myers, 2014, S. 212). Dieses Wir-Gefühl speist sich aus dem Vergleich der Eigengruppe mit der Fremdgruppe. Ein besonderes Merkmal einer Gruppenzugehörigkeit liegt darin, dass die eigene Gruppe stets positiv bewertet wird, was das Selbstwertgefühl auch der einzelnen Gruppenmitglieder steigert, die Fremdgruppe hingegen einheitlich negativ gesehen wird, mit Vorurteilen belegt und auch diskriminiert wird (Garms-Homolová, 2021, S. 24). Grundsätzlich bestehen zwei Möglichkeiten, ein Selbstwertgefühl innerhalb der Gruppe zu erzeugen: Man kann die eigene Gruppe aufwerten oder die Fremdgruppe abwerten. Jede Gruppe wird von allen Beteiligten als homogenes Gebilde betrachtet, d. h., individuelle Unterschiede der einzelnen Gruppenmitglieder werden nicht mehr wahrgenommen. Da sind nur noch „die Guten“ innerhalb der eigenen Gruppe oder „die Bösen“ in der Fremdgruppe. Damit verdrängt die soziale Identität die personale Identität.

Für Andris Selbstfindung bedeutet dies eine Beeinflussung durch das Einwirken der Dorfbewohner*innen sozusagen als Kontrollinstanz (Rogge, 2018, S. 306). Einerseits ist die Selbst- oder Identitätsfindung Andris anhand der Normen anderer zu beobachten. Andererseits verinnerlicht er die Zuschreibungen der anderen. Damit entsteht in Andri ein innerer Konflikt bei der Selbst- oder Identitätsfindung durch die Zuweisung der Eigenschaften durch die Einheimischen und der gleichzeitigen Ausgrenzung (Rogge, 2018, S. 305).

Fazit

Ist die Selbst- bzw. Identitätsfindung abgeschlossen, ist es beinahe unmöglich sich zu ändern. Bei Andri kann dies beobachtet werden, wenn er sich weigert, dem Pater den Irrtum zu glauben. Der Andorra-Effekt zeigt, wie groß der Einfluss der Zuschreibungen von außen auf das Individuum sein kann. Die Gesellschaft sollte dies beachten, wenn wieder einmal von Menschen gesprochen wird, die man einer bestimmten Gruppe zuordnet und ihnen ein negatives Etikett anheftet. Es ist nicht unbedingt so, dass unsere Vorurteile sich durch das Verhalten einer Person bestätigen. Es kann genauso gut sein, dass diese Person ihr Verhalten an unsere Vorurteile anpasst.

Und nebenbei bemerkt: Manchmal sind Zuschreibungen auch einfach nur falsch.


Literaturverzeichnis

Frisch, M. (1975). Andorra. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag.

Garms-Homolová, V. (2021). Sozialpsychologie der Informationsverarbeitung über das Selbst und die Mitmenschen. Berlin: Springer Nature.

Häcker, H. O. & Stapf, K.-H. (2009). Dorsch Psychologisches Wörterbuch (15. Aufl.). Bern: Verlag Hans Huber.

Myers, D. G. (2014). Psychologie (3. Aufl.). Berlin Heidelberg: Springer Nature.

Rogge, K.-E. (2018). Verstehen Sie ihre Seele? Berlin: Springer Nature.

Stangl (2021). Andorra-Effekt. Zugriff am 03.12.2021, verfügbar unter https://lexikon.stangl.eu/7268/andorra-effekt

Beitragsbild (Quelle): eigene Fotografie