ADHS bei Frauen: Oft spät diagnostiziert

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Viele werden vermutlich das Bild des „Zappelphilipps“ vor Augen haben: Ein Junge, der einfach nicht stillsitzen kann. Das ist nicht verwunderlich: Studien zufolge beträgt das Geschlechterverhältnis (Jungen : Mädchen) bei ADHS 1:9 (Petermann, Schwörer & Ruhl, 2020, S. 822). Dabei kennt ADHS weder Alter noch Geschlecht und äußert sich durch weitaus mehr als Unruhe. Der folgende Beitrag zeigt auf, wieso viele Frauen erst im Erwachsenenalter eine Diagnose erhalten und warum das problematisch ist.

Was ist ADHS?

ADHS steht als Abkürzung für Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, zeigt sich typischerweise erstmalig in der frühen bis mittleren Kindheit und wird nach dem ICD-11 den neurologischen Entwicklungsstörungen zugeordnet. Die Leitsymptome wirken sich mindestens sechs Monate negativ auf schulische, berufliche oder soziale Leistungen aus und liegen in ihrem Ausmaß außerhalb der altersabhängigen Schwankungsbreite. Diese sind (World Health Organization, 2022):

  • Unaufmerksamkeit (u.a. Schwierigkeiten der Aufmerksamkeitslenkung bei stimulationsarmen Tätigkeiten und Organisationsdefizite)
  • Hyperaktivität (d.h. übermäßige motorische Aktivität)
  • Impulsivität (d.h. Tendenz zur unmittelbaren Reaktion auf Reize, ohne Folgen abzuwägen).

Dabei wird zwischen einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung mit „vorwiegend unaufmerksamen Erscheinungsbild, mit vorwiegend hyperaktiv-impulsivem Erscheinungsbild und mit gemischtem Erscheinungsbild“ differenziert (Döpfner & Banaschewski, 2021, S. 52).

Entstehung und Verlauf werden durch genetische, umweltbezogene und biologische Faktoren erklärt. Belegt wurden u.a. Defizite im dopaminergen Transmittersystem, die einen Mangel an Dopamin verursachen. Dieses reguliert das Belohnungssystem, was sich auf die Aktivitäts- und Impulssteuerung auswirkt (Lauth & Raven, 2009, 20–21).

4,7% der Erwachsenen in Deutschland haben eine ADHS, deren Symptome bei bis zu 80% komorbide psychische Störungen (z.B. Depressionen, Angst- und Persönlichkeitsstörungen) und Funktionsbeeinträchtigungen in verschiedenen Lebensbereichen hervorrufen (Groß, Figge, Matthies & Philipsen, 2015, 1172). Diese betreffen die Selbstorganisation (z.B. Einhalten von Ordnung und Terminen), soziale Interaktionen (u.a. Schwierigkeiten beim Zuhören, Unterbrechen anderer), den Umgang mit Materiellem (wie Impulskäufe, Verlieren von Gegenständen) und das Gesundheitsverhalten (z.B. Genussmittelmissbrauch, Vergessen von Medikamenten) (Heydwolff, 2018, S. 97). Komorbiditäten überdecken häufig die ADHS-Symptomatik, was die Diagnostik deutlich erschwert (Heydwolff, 2018, S. 98). Diese erfolgt multimodal durch Fragebögen, Leistungstests und dem Ausschluss somatischer und psychischer Störungen, die ähnliche Symptome verursachen oder komorbid auftreten (Petermann et al., 2020, S. 821).

Mädchen und Frauen wirken vorerst unauffällig

Bereits im Kindesalter dominiert der unaufmerksame Erscheinungstyp beim weiblichen Geschlecht, wodurch Symptome weniger sichtbar sind. Hinzu kommt, dass Mädchen im Vergleich zu Jungen seltener komorbide Störungen und Beeinträchtigungen entwickeln, weshalb sie auf den ersten Blick funktional unauffällig wirken und seltener fachpsychologisch vorgestellt werden (Engel, 2018, S. 21).

Im Laufe des Lebens kommt es oft zum Symptomwandel, wodurch Symptome internalisiert werden. Erwachsene leiden dann z.B. unter einer inneren Unruhe, die äußerlich nicht mehr sichtbar ist (Groß et al., 2015, 1173–1174). Dies äußert sich bei Frauen, denen vorrangig der unaufmerksame Typus diagnostiziert wird, durch passive und risikoscheue Verhaltensweisen sowie Ängstlichkeit. So leiden betroffene Frauen vermehrt an internalisierenden (z.B. Angststörungen) oder somatischen Erkrankungen (z.B. Migräne), wodurch sie im Verlauf weiterhin nicht aktiv auffallen (Engel, 2018, S. 21).

Darüber hinaus konnte durch eine Studie aufgezeigt werden, dass neurotypische Frauen hohe Werte in den „Big Five“ Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Offenheit erzielten, was als typisch weiblich gilt. ADHS-Symptome begünstigen allerdings erhöhte Werte im Merkmal Neurotizismus und verminderte in Offenheit, Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit. So erklärt sich, dass Frauen im Alltag oft Coping-Strategien anwenden, um angepasst und unauffällig zu wirken (Engel, 2018, S. 21).

Frauen mit einer höheren Intelligenz können ihre Symptome besonders lange kompensieren, sodass erst das Wegfallen protektiver Faktoren, steigernde psychosoziale Anforderungen oder der Ausbruch einer Komorbidität zu einer psychologischen Vorstellung führt. Auch der weibliche Zyklus trägt zur verspäteten Diagnose bei: Häufig kommt es erst bei Eintritt in die Pubertät und den damit einhergehenden hormonellen Veränderungen zu sichtbaren Äußerungen der Symptome einer ADHS. Die gehemmte emotionale Regulation wird jedoch oft auf pubertäre Beschwerden zurückgeführt (Engel, 2018, S. 21–23).

Dieser Effekt lässt sich durch das Sexualhormon Östrogen erklären, das Einfluss auf das dopaminerge Transmittersystem ausübt. Sinkt in der prämenstruellen Phase das kognitiv leistungssteigernde Hormon ab, werden die Regulationsmechanismen zusätzlich erschwert. Auch hier werden die Beschwerden häufig als prämenstruelle Beschwerde missverstanden (Breidenstein, 2022, S. 1–2).

Fazit

Alltägliche Aufgaben, die für neurotypische Menschen selbstverständlich erscheinen, kosten Menschen mit ADHS viel Energie, da sie sich ständig regulieren und verstellen, um nicht aufzufallen. Coping-Strategien wendet von allem das weibliche Geschlecht an, um gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen. Diese sind jedoch kräftezehrend und führen nicht nur zu einer späten Diagnose, sondern auch langfristig zu Erschöpfungszuständen.

Ob veraltete Geschlechterrollen, prämenstruelle Beschwerden, Pubertätsrebellion oder Bewältigungsprobleme sozialer Anforderungen – Symptome einer ADHS werden bei Frauen häufig missverstanden. Meist ist ADHS eine Zufallsdiagnose, wenn Komorbiditäten Anlass bieten, sich psychologisch vorzustellen. Bis es so weit ist, kann es bereits zu erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität kommen. Daher ist es wichtig, Sichtbarkeit für dieses Störungsmuster zu schaffen, Vorurteile abzubauen und Betroffenen Verständnis entgegenzubringen. Durch das weiterentwickelte fachliche Verständnis von ADHS, das sich weg von einer Kinderkrankheit und hin zu Diversität bewegt, wurde bereits ein wichtiger Schritt getan.

Literaturverzeichnis

Breidenstein, E. (2022). ADHS bei Frauen, spezifische Auswirkung von Hormonen und Menstruationszyklus. Journal für Gynäkologische Endokrinologie/Schweiz. https://doi.org/10.1007/s41975-022-00254-y

Döpfner, M. & Banaschewski, T. (2021). Klassifikation von Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen in der ICD-11. Zeitschrift fur Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie [Classification of Attention Deficit-/Hyperactivity Disorder in ICD-11], 50(1), 51–53. https://doi.org/10.1024/1422-4917/a000854

Engel, J. (2018). Der „unaufmerksame“ Typus erschwert die Diagnose. DNP – Der Neurologe & Psychiater, 19(6), 20–24. https://doi.org/10.1007/s15202-018-2091-6

Groß, S., Figge, C., Matthies, S. & Philipsen, A. (2015). ADHS im Erwachsenenalter : Diagnostik und Therapie. Der Nervenarzt [ADHD in adulthood: Diagnostics and therapy], 86(9), 1171-8; quiz 1179-80. https://doi.org/10.1007/s00115-015-4328-3

Heydwolff, A. von. (2018). ADHS in der Praxis bei Erwachsenen. psychopraxis. neuropraxis, 21(3), 97–102. https://doi.org/10.1007/s00739-018-0471-5

Lauth, G. W. & Raven, H. (2009). Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) im Erwachsenenalter. Ein Review. Psychotherapeutenjournal, 2009(1), 17-30. Zugriff am 11.10.2022. Verfügbar unter: https://www.adhspedia.de/Downloads/studien/Aufmerksamkeitsdefizit_Hyperaktivitaetsstoerungen_ADHS_im_Erwachsenenalter_-_Ein_Review.pdf

Petermann, F., Schwörer, M. C. & Ruhl, U. (2020). Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS). In J. Hoyer & S. Knappe (Hrsg.), Klinische Psychologie & Psychotherapie (S. 813–836). Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg. https://doi.org/10.1007/978-3-662-61814-1_38

World Health Organization. (2022). ICD-11 International Classification of Diseases for Mortality and Morbidity Statistics. 6A05 Attention deficit hyperactivity disorder. Zugriff am 12.10.2022. Verfügbar unter: https://icd.who.int/browse11/l-m/en#/http%3a%2f%2fid.who.int%2ficd%2fentity%2f821852937

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