Wie du mir, so ich dir – die Reziprozität

„Nein, ich lade sie auf keinen Fall zu meinem Geburtstag ein! Sie ist immer so zickig!“ – „Kind, so geht das nicht. Dich hatte sie zu ihrem Geburtstag eingeladen.“ Ein Beispiel wie ein Kind die Reziprozität von ihren Eltern beigebracht bekommt. Aber was ist das eigentlich?

 

 

Das Gegenseitigkeitsprinzip

 

Reziprozität bedeutet, dass Menschen dazu neigen, auf das Verhalten ihrer Mitmenschen mit eigenem Handeln zu reagieren. Danach wird zunächst das Verhalten des Gegenübers bewertet, und in der gleichen Weise wird darauf reagiert. [1] „Reziprozität ist ein im Menschen verankertes Gegenseitigkeitsprinzip: „Wie du mir, so ich dir“ […]“, so Ockenfels. [2] Zudem zeigt sich die Bindung an Hand der Reziprozität, wie diese ausgeprägt ist. Das bewertet der Einzelne für sich selbst, je nachdem wie er die Reziprozität des Anderen sich gegenüber empfindet. [3] Erfährt jemand immer wieder eine gute Behandlung, wird derjenige davon ausgehen, dass es bspw. bereits eine Freundschaft ist, und keine oberflächliche Bekanntschaft. Meldet sich der Freund eines Mädchens viel zu selten bei ihr, wird sie an seiner Zuneigung zweifeln.

 

Das Ziel der Reziprozität als Sozialtechnik ist, das menschliche Verhalten und Handeln zu lenken. [4] Mehr noch, nach Prack ist es die wirksamste Beeinflussungstechnik. Dabei müssen es nicht nur Sachgeschenke sein, auch Worte oder ein Lächeln zeigen Wirkung. [5] Das funktioniert jedoch nur dann, wenn die Beeinflussung als eine ungezwungene Geste hingenommen wird. Sobald der Mensch darüber nachdenkt und die Situation bewusst bewertet, wird die Beeinflussung meistens offensichtlich. Der sogenannte Autopilot weicht der bewussten Kontrolle der Aufmerksamkeit. [6] Das Großhirn wird wieder von seinen Teilsystemen unterstützt, und das Verhalten wird nicht mehr von Gefühlen gesteuert, [7] die bspw. auf Komplimente reagieren. Hier übernimmt der Verstand die Führung. Es werden Gründe für die nette Behandlung hinterfragt, was wohl der Gegenüber mit seinem Verhalten im Schilde führe.

 

 

Reziprozität ist vielfältig

 

Die gegenseitigen Nettigkeiten gehören zur positiven Reziprozität, und meint, sich beim Menschen revanchieren zu wollen, der selbst einen erfreut hat. [8] Diese entfaltet sich bspw. bei der Teilnahme an den sozialen Netzwerken, und erklärt warum die Menschen aus freien Stücken dort mitwirken. Gut gemeinte Rückmeldungen an die anderen bringen meist dasselbe zurück. Es zahlt sich demnach auch in dem weiten World Wide Web aus, nett zur Community zu sein. [9] Nach einer glücklichen Onlinebestellung, die in allen Aspekten befriedigt hat, wird gerne eine entsprechende Rezession verfasst. Der Verkäufer wird damit für seine Mühe belohnt.

 

Leider geht es nicht immer lieb und nett zu. Deshalb gibt es genauso eine negative Reziprozität. Danach soll dem Gegenüber für sein weniger nettes Tun eine Strafe verhängt werden. [10] Lässt jemand seinen Mitmenschen im Stich, wird sich der Verlassene wohl auch nicht bemühen demjenigen bei Bedarf beizustehen. Neben der positiven und negativen Reziprozität werden noch drei weitere Arten unterschieden, die im Folgenden erläutert werden.

 

 

Arten

 

Unmittelbare Reziprozität meint eine Gegenseitigkeit, die als ungezwungen empfunden wird, da diese meist temporär oder ohne jegliche Verpflichtung ist. Es sind bspw. Nachbarschaftsgefälligkeiten, für die sich ein Mensch in ähnlicher Weise bedanken möchte, und das auf dem schnellsten Weg. Damit ist das Unmittelbare gemeint. [11] Gerne wird dem Bäcker ein Beitrag spendiert, nachdem er die Brötchen einfach mitgibt, obwohl etwas an Geld gefehlt hat.

 

Auf der Basis eines Vertrauensverhältnisses entsteht eine weitere, die sogenannte aufgeschobene Reziprozität. Hierbei verlassen sich die Menschen aufeinander auf Grund ihrer Beziehung. Je nachdem wer gerade die Unterstützung des anderen benötigt, gibt einer ohne an die Gegenleistung des anderen zu denken. Unbewusst vertraut der Geber in solchen Beziehungen auf die helfende Hand, bspw. seines Freundes, sobald er selbst in der Not sein sollte. Diese Reziprozität hat eine längere Gültigkeit bis die Kompensation erfolgt. [12] Es können Monate und Jahre vergehen, was allerdings bei guten Freundschaften fürs Leben nicht relevant ist. Alleine die Gewissheit und das Vertrauen in den Menschen motiviert ihm zu helfen.

 

Die dritte Art ist die generalisierte Reziprozität, die die Familienangehörigen untereinander pflegen. Sie helfen einander wer wo kann [13] – Eltern ermöglichen ihrer Tochter den Erwerb eines Führerscheines, als Gegenleistung springt sie für ihre Eltern ein, und holt ihre jüngere Schwester vom Sport ab, die danach ihrer Mutter beim Tischdecken helfen kann, um gemeinsam zu speisen. Was hier auffällt, sind Verkettungen zwischen dem Geber und Nehmer. [14] Der Nehmer gibt seinerseits nicht an den direkten Geber zurück, sondern an einen weiteren Familienmitglied.

 

 

Wer verdient eine größere Kugel Eis?

 

Eine interessante und aufschlussreiche Studie zur Reziprozität haben die österreichischen Wirtschaftsforscher Palan und Kirchler im Jahr 2017 durchgeführt. Sie haben untersucht wie sich anerkennende Worte auf die Menschen, die sie empfangen, auswirken. Für den Feldversuch wurden Eisdielen und Fastfood-Restaurants in München, Innsbruck und in Graz ausgesucht. Dabei stellten sie fest, dass ein Lob an einen Eis- oder Dönerverkäufer größere Portionen gebracht hat. Es hat sich also gelohnt den Verkäufern nett gegenüberzutreten. Diese antworteten ihrerseits mit netter Geste in Form von mehr Eiscreme und größerem Dönerkebab. Kunden ohne geäußerte Komplimente an die Verkäufer bekamen kleinere Portionen. Neben einer verbalen Anerkennung setzten die Forscher auch ein Vorab-Trinkgeld ein. Die Trinkgeldgeber bekamen 10 % mehr Eiscreme, die Lobenden sogar 17 %. Wobei das Trinkgeld immer gleich viel an Menge brachte. Die anerkennenden Worte dagegen bescherten bei jedem Neuversuch noch mehr an Produkt als zuvor. Die Wirtschaftsforscher schlussfolgerten, [15] dass Komplimente […] die bevorzugte Behandlung noch einmal verstärken […] würden. [16]

 

 

Fazit

 

Als soziale Wesen sind Menschen aufeinander angewiesen. Die Reziprozität ist das Prinzip dahinter. Jeder benötigt mal die Unterstützung seines Nächsten. Hier ist es wichtig, die Balance zwischen Nehmen und Geben aufrechtzuerhalten. Wie ein Bumerang kommt meist das zurück, was ausgeteilt wurde. Barmherzige Menschen helfen völlig selbstlos, und Ausnahmen bestätigen bekannterweise die Regel.

 

Fußnoten

[1] Vgl. Erlei, M: 2018, 06.09.2018 abgerufen

[2] Ockenfels, A.: 2015, S. 11, am 20.08.2018 abgerufen

[3] Vgl. Stegbauer, C.: 2010, S. 120

[4] Vgl. Prack, R.-P.: 2010, S. 14

[5] Vgl. Prack, R.-P.: 2010, S. 52f

[6] Vgl. Prack, R.-P.: 2010, S. 14

[7] Vgl. Prack, R.-P.: 2010, S. 52f

[8] Vgl. Erlei, M: 2018, 06.09.2018 abgerufen

[9] Vgl. Ockenfels, A.: 2015, S. 11, am 20.08.2018 abgerufen

[10] Vgl. Erlei, M: 2018, 06.09.2018 abgerufen

[11] Vgl. Friedrich, S.: 2010, S. 71

[12] Vgl. Friedrich, S.: 2010, S. 71

[13] Vgl. Friedrich, S.: 2010, S. 71

[14] Vgl. Friedrich, S.: 2010, S. 71

[15] Vgl. Flatz, C.: 2017, 06.09.2018 abgerufen

[16] Flatz, C.: 2017, 01.09.2018 abgerufen

Quellenverzeichnis
Literaturverzeichnis

Friedrich, S. (2010). Arbeit in Netzwerken. In: Ressourcenorientiert Arbeiten. Anleitung zu einem gelingenden Praxistransfer im Sozialbereich. Hrsg.: Möbius, T./Friedrich S. Wiesbaden.

Prack, R.-P. (2010). Beeinflussung im Verkaufsgespräch. Wie Sie beim Kunden den Schalter auf „Kauf“ stellen. 2. Auflage, Wiesbaden.

Stegbauer, C. (2010). Reziprozität. In: Handbuch Netzwerkforschung. Hrsg.: Stegbauer, C. & R. Häußling. Wiesbaden.

 

Internetquellenverzeichnis

Erlei, M. (19. 02 2018). wirtschaftslexikon.gabler.de. Von https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/reziprozitaet-42530 06.09.2018 abgerufen

Flatz, C. (16. 08 2017). uibk.ac.at. Von https://www.uibk.ac.at/public-relations/presse/archiv/2017/872/ 01.09.2018 abgerufen

Ockenfels, A. (2015). Wie du mir, so ich dir. Doppelpunkt: Leibniz-Preisträger und ihre Forschungen/Teil 2. In: Forschung 2/2015. PDF-Datei verfügbar unter http://www.dfg.de/download/pdf/dfg_magazin/querschnitt/30_jahre_leibniz/2015_02_forschung_ockenfels.pdf  Köln, am 20.08.2018 abgerufen.

 

Bildnachweis

Beitragsbild: Pixabay.com Von: https://pixabay.com/de/treffen-ernennung-vereinbarung-2028943/ am 12.09.2018 abgerufen