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Wandel der Patientenrolle

Frau Müller hat starke Schmerzen im rechten Unterbauch. Was tut sie? Googeln. Blindarmentzündung! Informiert über mögliche Erkrankungen und Symptome dazu, sowie dem Wissen über mögliche Therapieformen suchen heutige Patienten den Arzt auf. Das war nicht immer so.

Die aufeinander abgestimmten Rollen von Arzt und Patient der Fünfzigerjahre, wie es Talcott Parson entwickelt hat, ist heute nicht mehr existent. In den fünfziger Jahren gab der Patient ein Stück seiner Identität auf, sobald er sich in ärztliche Behandlung begab. Der Patient musste alles tun, was sein Arzt angewiesen hat.[1] Die Ärzte damals waren angehalten, sich affektiv neutral und funktionsspezifisch zu verhalten. Nur wenn sich beide Parteien auf diese Erwartungen einließen, funktionierte die Dyade Arzt – Patient.[2]

Doch diese institutionell vorgesehene Beziehung zwischen den professionellen Ärzten und den Bedürftigen ist heute nicht mehr vorhanden. Aus dem bevormundeten Patient wurde zunehmend ein informierter Patient. Ein Teil der Patienten empfand diesen Informationszuwachs als Gewinn, es gab aber auch Patienten, welche dies eher als verunsichernd wahrnahmen.[3]

Im Jahre 1980 sprach man dann vom mündigen Patienten.[4] In diesen Jahren wurden auch erste Selbsthilfe-Gruppen gegründet. Bereits zehn Jahre später sprach man dann von dem autonomen Patient. Arzt und Patient versuchten sich dabei auf Augenhöhe zu begegnen. In dem Zusammenhang wird von einem «shared decision» gesprochen. Beispielsweise wurden auch Beipackzettel von Medikamenten in einer verständlichen Sprache geschrieben, so dass sich der Patient auch selber darüber informieren konnte.

Die heutige Rolle des Patienten

Seit dem Jahr 2000 spricht man über den kompetenten Patienten. Der Patient will über seine Krankheit aufgeklärt und informiert sein und nimmt selber aktiv Teil bei der Krankheitsbewältigung.[5] Es wird nicht mehr blind der Autorität des Arztes vertraut und getan was er vorschreibt. Der Patient informiert sich selbstständig – zum Beispiel im Internet. Im Grunde kann man dies auch als «Zweifel der Kompetenz des Arztes» betrachten.[6] Die Veränderung der Rolle des Patienten steht im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Veränderung.[7]

Ein zentraler Teil stellt der demographische Wandel dar. Die Bevölkerung wird älter und dies ist mit massiven Konsequenzen für Wirtschaft und Gesellschaft verbunden. Die Individualisierung, welche das Recht aber auch die Pflicht jedes einzelnen darstellt, sein Leben selbst zu entwerfen und zu verwirklichen, ist ein bestehender Trend. Ein präventiver Lebensstil kann dazu beitragen, den Gesundheitszustand aufrecht zu erhalten. Dies bedingt, dass Patienten in den Prozess ihrre gesundheitlichen Versorgung eingebunden werden müssen.[8] Diese Individualisierung führt dazu, dass Patienten die gesundheitliche Versorgung auf ihre Wertvorstellungen abstimmen. Sie möchten in die Versorgung mit einbezogen werden. Man spricht auch vom partizipativen Entscheidungsprozessen in der Konsultation.

Der partizipative Entscheidungsprozess beinhaltet, dass Patient und Arzt zusammenarbeiten, und der Patient aktiv einbezogen wird. Wichtig dabei ist herauszufinden, wie viele Informationen der Patient möchte und wieviel Verständnis er mitbringt. Nicht jeder Patient empfindet diesen aktiven Prozess als positiv. Nur wenn der Patient diese Partizipation angenehm empfindet macht dies auch Sinn und führt zu effizienten Prozessen. Es ist notwendig, dass beispielsweise eine angemessene Bildung sowie gutes und aktives Coping vorhanden ist. Hier wiederum ist die Adherence eine wichtige Komponente. Unter Adherence versteht man das Befolgen und Ausführen von gemeinsam getroffenen Entscheidungen.[9] Gerade bei chronischen Erkrankungen wie beispielsweise Diabetes oder HIV spielt die Adherence eine entscheidende Rolle für den Erfolg der Therapie.[10] Eine große technische Entwicklung stellt das E-Health dar. Gesundheit lässt sich definieren als „Anbindung elektronischer Medien im Rahmen von Gesundheitsdienstleistungen“[11]  Als Beispiel ist die Konsultation via Telefon oder Telemontoring zu nennen. In der Schweiz gibt es das Telefonmodell als eines der wählbaren Modelle bei nahezu allen Anbieter.[12] Ebenfalls die elektronische Patientenakte soll eine verlässliche Speicherung und einen besseren Zugang zu den Patientendaten ermöglichen.

Patientin haben heutzutage die Möglichkeit, sich in Foren und Chats auszutauschen und sich über die nötigen Massnahmen und Krankheiten zu informieren. Googelt man beispielsweise den Begriff Diabetes, findet Google sage und schreibe 95’800’000 Ergebnisse.[13] Für Hautkrankheiten findet man heute anstelle einer Erstkonsultation beim Dermatologen nützliche App’s für das Smartphone. Als Beispiel ist die Klara-App zu nennen. Diese wurde gemäss Angabe vom Entwickler im Jahre 2014 bereits 125’000 mal herunter geladen.[14]

Fazit

Dieser kurze Ausblick hat deutlich aufgezeigt, dass sich die Patientenrolle in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt hat. Die Frage, die sich mir stellt ist, ob diese Wandlung auch wirklich realistisch ist und zu einer gesunden Auseinandersetzung mit der Gesundheit beiträgt. Will und wird der Arzt den Patienten wirklich auf Augenhöhe wahrnehmen? Ich zweifle daran. Fühlt sich nicht jeder in seinem erlernten Beruf als erfahrener und wissender als sein Gegenüber, der nicht aus derselben Branche kommt? Auch die Thematik E-Health kann in eine gefährliche Richtung führen. Jede Krankheit kann gegoogelt werden, und löst unter Umständen Ängste und Sorgen aus, welche oft gar nicht nötig wären. Meines Erachtens ist diesbezüglich die Bildung mit dem Umgang der neuzeitlichen Medien gerade im Bereich Gesundheitswesen von großer Bedeutung. Nur so ist es möglich, sich ein realistisches Bild zu machen und abzuschätzen über relevanten und nicht relevanten Informationen.

 

Fussnoten

[1] Vgl. Hoefert H.W. / Klotter Ch. 2001, S. 9

[2] Vgl. Kulbe A. 2017, S. 66

[3] Vgl. Hoefert H.W. / Klotter Ch. 2001, S. 10

[4] Vgl. Kulbe A. 2017, S. 66

[5] Vgl. Kulbe A. 2017, S. 66

[6] Vgl. Hoefert H.W. / Klotter Ch. 2001, S. 10

[7] Vgl. Hoefert H.W. / Klotter Ch. 2001, S. 21

[8] Vgl. Hoefert H.W. / Klotter Ch. 2001, S. 22

[9] Vgl. Schwarzer R. 2004, S 140

[10] Vgl. Schwarzer R. 2004, S. 146-147

[11] Mühlbacher, A./ Wiest, A. / Schumacher, N. 2001, S. 211

[12] Vgl. www.css.ch, Telmed, (Zugriff am 23.05.2018)

[13] Vgl. www.google.ch, Suchbegriff Diabetes (Zugriff am 23.05.2018)

[14] Vgl. www.aertzezeitung.de (Zugriff am 23.05.2018)

 

Literatur

Hoefert H.W. / Klotter Ch. 2001, Wandel der Patientenrolle, Hoegrefe Verlag Göttingen

Kulbe A. 2017, 3. Auflage, Grundwissen Psychologie, Soziologie und Pädagogik, Kohlhammer Stuttgart

Mühlbacher, A./ Wiest, A. / Schumacher, N. 2001, E-Health: Informations- und Kommunikationstechniken im Gesundheitswesen, Huber Bern

Schwarzer R. 2004, 3. Auflage, Psychologie des Gesundheitsverhaltens, Hoegrefe Verlag Göttingen

Internetquellen

Aerztezeitung
https://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/w_specials/gesundheitsapps2011/article/868095/hautkrankheiten-erstdiagnose-via-app-statt-arztpraxis.html (Zugriff am 23.05.2018)

CSS Versicherung https://www.css.ch/de/home/privatpersonen/krankenkasse/grundversicherung/telmed.html (Zugriff am 23.05.2018)

Google
http://www.google.ch/ Suchbegriff Diabetes (Zugriff am 23.05.2018)

 

Bildquelle

www.freeimages.com