Mit vier Ohren hören

Der deutsche Bauingenieur und Dichter Ehrhardt Horst Bildermann (1937) meinte einst, dass zwei zwar die gleiche Sinfonie hören können, doch nicht das Gleiche wahrnehmen respektive hören. Doch wie kommt das? Egal zu welcher Kultur jemand angehörig ist, der gesunde Mensch besitzt biologisch zwei Ohren, welche ihm ermöglichen, alles aus seiner Umgebung zu hören. Wieso aber reagieren auf das gleiche Musikstück die Menschen unterschiedlich? Wie kann es sein, dass ein und dieselbe Aussage bei jeder Person eine positive, und bei einer anderen Person eine negative Reaktion herbeiführt? Dies lässt sich unter anderem mit dem Kommunikationsquadrat von Schulz von Thun[1] erläutern.

Das Kommunikationsquadrat

Das Kommunikationsquadrat oder auch das «vier Seiten Modell» ist in der Kommunikationspsychologie anzugliedern. Schulz von Thun stützt sich auf die Theorien von Watzlawick.[2] Die These, dass jede Kommunikation einen Sach- und einen Beziehungsinhalt hat, ergänzt Schulz von Thun mit Selbstoffenbarung und Appell.[3]

Abbildung Vier Ohren Modell
Das Vier Ohren Modell / Kommunikationsquadrat nach Schulze von Thun (Quelle selber erstellt, Bildquelle: www.freeimages.com)

So entsteht das Kommunikations-quadrat, welches nebst diesen vier Ebenen den Sender mit den vier Schnäbeln und den Empfänger mit den vier Ohren enthält. Der Sender sendet stets, ob bewusst oder unbewusst, auf allen Ebenen gleichzeitig. Jedoch steht in jeder Situation einer der Aspekte im Vordergrund.

Der Sender

Sachebene: Auf dieser Ebene geht es um den Austausch der Informationen, Daten und Fakten.[4]

Beziehungsebene: Hier erfährt man, wie der Sender zum Empfänger steht und was er von ihm hält.[5] Dies zeigt sich beispielsweise im Tonfall einer Aussage. Eine Mutter spricht mit ihrem kleinen Kind sicherlich anders als mit ihrem Ehemann. Folglich wird beim Senden auch eine bestimmte Art von Beziehung ausgedrückt.

Selbstoffenbarung: Auf dieser Ebene gebe ich etwas von mir selbst preis. Beispielsweise ob ich deutschsprachig bin. Schulz von Thun betont, dass bei der Selbstoffenbarung die gewollte wie auch die unfreiwillige Selbstoffenbarung einzuschließen ist.[6]

Appell: Die meisten Nachrichten haben die Funktion auf den Empfänger Einfluss zu nehmen. Bei der Appellebene geht es folglich darum jemanden zu etwas zu bewegen oder ihn zu veranlassen, etwas zu tun.

Die vier Ohren

Nebst der Möglichkeit auf vier verschiedenen Ebenen zu senden, stellt Schulz von Thun auch die Theorie auf, dass mit vier Ohren gehört wird. Kurz gefasst, versucht der Empfänger auf der Sachebene die Inhalte und Facts zu verstehen,  während er bei der Selbstoffenbarung herauszufinden vermag, was sein gegenüber für eine Person ist.[7] Durch das Beziehungsohr ist  zu verstehen wie der Sender zu ihm steht und schlussendlich kann er das Appellohr nutzen zur Ermittlung von Handlungen die er ausführen soll. Die biologischen zwei Ohren sind folglich nicht genügend um auf allen Ebenen zu hören.[8]

Der Empfänger hat die freie Auswahl mit welchem Ohr er zuhören möchte. Um ein Beispiel aus der Schule zu nennen: Der Elfjährige Paul trifft vor dem Klassenzimmer auf den Lehrer und sagt: «Herr Lehrer, die Heidi hat die Tafelkreise einfach auf den Boden geschmissen!» Der Lehrer kann diese Nachricht nun mit seinen vier Ohren verarbeiten. Reagiert der Lehrer auf der Sachebene, fragt er sich ob Heidi dies wohl mit Absicht getan habe. Er könnte aber auch mit dem Ohr der Selbstoffenbarung horchen. Dann könnte seine Reaktion sein: «Das ärgert dich ganz schön Paul oder?» Paul hat mit seiner betonten Aussage vor dem Lehrer gezeigt, dass die Handlung von Heidi in im eine Emotion hervorgerufen hat. Er hat dies dem Lehrer indirekt offenbart.

Reagiert der Lehrer mit dem Beziehungsohr, so könnte er sich fragen warum Paul ihm dies erzählt. Er kann sich fragen, ob Paul denkt er sei nicht nur Lehrer sondern auch Polizist. Die meisten Lehrer horchen erst mit dem Appellohr: «Ich werde Heidi gleich fragen und schauen was da los ist.»

An dem Beispiel ist zu erkennen, dass eine einzige, kurze Aussage vier grundlegend, verschiedene Wirkungen haben kann.

Die vier Ohren im Detail

Das Sachohr: Ist der Empfänger darauf getrimmt, mit dem Sachohr zu hören, erweist sich dies als verhängnisvoll, wenn das Problem eher auf der zwischenmenschlichen Ebene liegt. Gerade Männer und Akademiker sind für diese Hörweise bekannt.[9] Fragt beispielsweise die Frau ihren Gatten, ob er sie noch liebt, kann seine einzige Antwort sein, dass man Liebe erst einmal definieren müsste. Ein solches Beispiel würde deutlich aufzeigen, dass der Mann mit dem Sachohr zuhört und übrigens auch auf dieser Ebene wieder antwortet. Dann passiert es, dass der Sender und Empfänger aneinander vorbeireden. Gerade wenn es also um Beziehungsprobleme geht, bringt es Komplikationen mit sich, wenn man das Gespräch auf der Sachebene ansetzt.

Das Beziehungsohr: Dieses Ohr ist oft sehr groß und über empfindlich, was folglich dazu führt, das neutrale Nachrichten auf sich selber bezogen werden und alles persönlich genommen wird. Personen welche vorwiegend mit diesem Ohr hören, fühlen sich leicht angegriffen und beleidigt.[10] Lacht jemand in der Umgebung bezieht der Beziehungsohr-Typ dies auf sich und fühlt sich ausgelacht. Es wäre demzufolge hilfreich, eine solche Auseinandersetzung nicht immer sofort auf der Beziehungsseite zu hören. Es ist gesünder, dass Beziehungsohr so nicht zu sehr zu spitzen.

Das Selbstoffenbarungsohr: Ein gut gewachsenes Selbstoffenbarungsohr zu haben kann gesünder sein als ein überempfindliches Beziehungsohr. Mit dem Selbstoffenbarungsohr stellt man sich selber die Frage: «Was sagt die Nachricht mir über dich?» Kommt beispielsweise der Partner zornig zur Tür herein und schimpft über die nicht aufgeräumte Küche, stellt sich folglich die Frage: «Hatte er einen schlechten Tag bei der Arbeit?» In diesem Moment wurde mit dem Selbstoffenbarungsohr hingehört. Der Vorteil dabei ist, dass die Frau den Zorn des Mannes, in dem genannten Beispiel, nicht auf sich selber bezieht, was sie beim Horchen mit dem Beziehungsohr sofort tun würde. Im Extremfall führt dies jedoch dazu, dass der Empfänger sich jeder Betroffenheit erspart.[11]

Das Appellohr: Eine Person, welche vorwiegend mit diesem Ohr zuhört hat den Wunsch, es allen recht zu machen. Selbst die kleinsten Hinweise werden auf ihre Appellkomponente untersucht.[12] Beispielsweise werden Kinder oft dann gelobt, wenn sie zuvorkommend sind. Dies hat zur Folge, dass sie ein Gefühl dafür entwickeln, was ihre Eltern von Ihnen möchten. Für die partnerschaftliche Kommunikation bietet dies jedoch keine solide Grundlage. Ist das Appellohr zu dominant, hat der Empfänger selber keine Ahnung was er selber will und fühlt.

Fazit

Zu Beginn wurde die Frage gestellt, warum zwei Menschen auf die selbe Aussage komplett verschieden reagieren. Die Erläuterungen nach dem Modell von Schulz von Thun scheinen hierfür eine plausible Erklärung zu liefern. Mitunter wird auch aufgezeigt, wie schwierig Kommunikation ist. Ob im Geschäftsbereich oder im Alltag, jeder Sender muss sich stets seiner vier Schnäbel bewusst sein, und jeder Empfänger muss wissen, dass er vier Ohren zur Verfügung hat um hinzuhören. Mit welchem Ohr hören Sie? Tun Sie dies bewusst oder haben Sie über die Jahre hinweg dieses Ohr einfach so sehr trainiert, dass die anderen Ohren vergessen haben wie das Hören funktioniert? Probieren Sie es aus – horchen Sie mal ganz bewusst mit Ihren vier Ohren und vielleicht wird aus einem Streit dann plötzlich ein konstruktiver Dialog.

 

Fussnoten

[1] Vgl. www.schulz-von-thun.de (Zugriff am 24.05.2018)

[2] Vgl. Watzlawick P. / Beavin J.H. / Jackson D.D / 2011, S. 61

[3] Vgl. Schulz von Thun F. 2017, S. 33

[4] Vgl. Watzlawick P. / Beavin J.H. / Jackson D.D / 2011, S. 62

[5] Vgl. Schulz von Thun F. 2017, S. 30

[6] Vgl. Schulz von Thun F. 2017, S. 29

[7] Vgl. Schulz von Thun F. 2018, S. 23

[8] Vgl. Schulz von Thun F. 2017, S. 48

[9] Vgl. Schulz von Thun, 2017, S. 51

[10] Vgl. Schulz von Thun, 2017, S. 56

[11] Vgl. Schulz von Thun, 2017, S. 62

[12] Vgl. Schulz von Thun, 2017, S. 64

 

Literaturverzeichnis

Schulz von Thun F. 2017, 54. Auflage, Miteinander reden 1, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg

Schulz von Thun F. 2018, 37. Auflage, Miteinander reden 2, Rowohlt Tascenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg

Watzlawick P. / Beavin J.H. / Jackson D.D / 2011, 13. Auflage, Menschliche Kommunikation, Hogrefe Verlag Bern

 

Internetquellen

www.schulz-von-thun.de/die-modelle/das-kommunikationsquadrat

 

Bildquellen

www.freeimages.com