Kognitives Bauchgefühl – Was beeinflusst uns?

Wechselseitige Beeinflussungsprozesse (Quelle: Eigene Darstellung)
Wechselseitige Beeinflussungsprozesse (Quelle: Eigene Darstellung)

Bevor wichtige Entscheidungen im Leben getroffen werden, wird reiflich nachgedacht und abgewogen. Das ist sinnvoll, da sich Entscheidungen auch direkt auf unser körperliches und psychisches Wohlbefinden auswirken können. Es werden aber auch Entscheidungen aus dem „Bauch heraus“ getroffen oder es überkommt einem ein ganz mulmiges Bauchgefühl. Ebenso können psychisch belastende Situationen „auf den Magen schlagen“. Aktuelle Forschungsansätze befassen sich genau mit dieser Thematik, der wechselseitigen Beeinflussung von Gehirn, Psyche und Darm.[1]

Mikroorganismen

Rund 100 Billionen Mikroorganismen besiedeln den menschlichen Körper. Diese Menge ist wirklich beachtlich. Angenommen, Forscher möchten jedes dieser Kleinstlebewesen für etwa eine Sekunde unter dem Mikroskop betrachten, wären dafür knapp 32.000 Jahre Gesamtbetrachtungszeit notwendig. Diese Mikroorganismen leben auf der Haut, den Schleimhäuten und insbesondere im Magen-Darm-Trakt. Somit kann dies als gigantisches Ökosystem von dort lebenden Bakterien, Viren und Pilzen verstanden werden. Die Konstellation und Variation des sogenannten Darmmikrobioms ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich und ist unter anderem abhängig von der Ernährung, des geographischen Aufenthalts bzw. Lebensortes, einer Infektion des Darms oder der Einnahme von Antibiotika. Forschungen in der Gastroenterologie belegen zudem einen Zusammenhang zwischen einem Ungleichgewicht von Bakterien und chronisch entzündlichen Erkrankungen des Darms.[2] Resultierend können hierbei Teile des Darmnervensystems empfindlich gestört werden.

Interessant ist, dass schon Eysenck eine Verbindung zwischen einem fragilen autonomen Nervensystem, bestehend aus dem Sympathikus, dem Parasympathikus und dem Darmnervensystem (enterischen Nervensystem) und dem Persönlichkeitsmerkmal Neurotizismus (emotionale Labilität) sah. [3] [4] [5]

Damit sich nun ein positiv wirkendes Ökosystem in unserem Darm aufbaut, in dem nützliche Organismen gedeihen, müssen die Einflüsse darauf bedacht werden. Einen tragenden Einfluss spielt das, was wir zu uns nehmen, also insbesondere unsere Nahrung. Aus dieser werden schließlich Stoffe für unseren Körper herausgelöst bzw. auch umgesetzt, die uns direkt beeinflussen.

Ernährung

Laut der Ernährungswissenschaftlerin Alexandra Schek, stehen depressiven Menschen weniger der Neurotransmitter Noradrenalin bzw. Serotonin zur Verfügung. Diese chemischen Botenstoffe werden jedoch benötigt, um elektrische Impulse weiterleiten zu können und haben Auswirkungen auf die Stimmung. So kann beispielsweise ein Serotoninmangel zu Stimmungsschwankungen und depressiven Symptomen führen. Durch die Aufnahme entsprechender Nahrung kann diesem Ungleichgewicht entgegengewirkt werden. Während die direkte Zufuhr der fehlenden Botenstoffe nicht möglich ist, da sie die Blut-Hirn-Schranke nicht passieren können, ist die Ansammlung von Vorstufen durch die Ernährung sehr wohl steuerbar.

So sind die Aminosäuren Tryptophan (Vorstufe von Serotonin) und Tyrosin (Vorstufe von Noradrenalin) vor allem in kohlenhydratreicher Nahrung, wie Nudeln oder Kartoffeln, enthalten. Nach Schek sollten depressive Menschen deswegen ihre Aufnahme von kohlenhydratreicher Nahrung erhöhen und dafür die Aufnahme von Eiweiß (wie Fleisch) um diesen Anteil reduzieren. Dazu liegen zwar noch keine kontrollierten Studien vor, wie es sie schon beispielsweise für die Stressanfälligkeit gibt, aber aufgrund der chemischen Zusammenhänge hält Scheck es dennoch für angebracht, dies zu empfehlen. Das Laborexperiment zur Stressanfälligkeit von Rob Markus (Psychologe an der Universität von Maastrich) ergab hierzu, dass belastungsanfällige Menschen eine höhere Stresstoleranz hatten, wenn sie vor allem kohlenhydratreiche Nahrungsmittel konsumierten.[6] Aber nicht nur die Hirnbotenstoffe, sondern auch die Produktion neuer Neuronen im Hippocampus selbst, spielen wohl eine zentrale Rolle, wie weitere Forschungsansätze zeigen.

Neurogenese (Entstehung neuer Nervenzellen)

Nach Aussage der Neurowissenschaftlerin Sandrine Thuret, können auch Erwachsene neue Nervenzellen generieren. Dies trifft auch für den Hippocampus zu, der etwa in der Mitte des Gehirns sitzt. Dieser spielt eine wichtige Rolle, wenn es um das Lernen, das Gedächtnis und unsere Gefühle geht. Thurets Kollege Jonas Frisén vom Karolinska-Institut nimmt an, dass im Hippocampus täglich etwa 700 neue Nervenzellen entstehen. So stellte er im Rahmen eines Experiments bei einem depressiven Tier eine verminderte Neurogenese fest. Durch den Einsatz von Antidepressiva stieg die Neurogenese an und die Depressionssymptome nahmen ab. Anschließend wurde der Vorgang der Neurogenese geblockt, wodurch eine verminderte Wirkung des Antidepressivums festgestellt wurde. Demnach kann ein klarer Zusammenhang zwischen Neurogenese und Depression belegt werden. Das Bemerkenswerte dabei ist, dass die Neurogenese jeder selbst beeinflussen kann. So wird die Entstehung neuer Neuronen durch das Lernen und die Bewegung gefördert. Stress und Schlafentzug dagegen unterbinden die Produktion neuer Nervenzellen im Hippocampus. Auch die Nahrung und dessen Aufnahmeumfang beeinflusst die Entstehung der Neuronen dort. Wird die Kalorienzufuhr um etwa 20-30 Prozent reduziert, die Zeiträume zwischen den verschiedenen Mahlzeiten vergrößert, sowie Flavonoide (z.B. in Heidelbeeren und dunkler Schokolade enthalten) oder Omega-3-Fettsäuren (diverse Fisch- und Algenarten)  gegessen, fördert dies die Neurogenese. Ethanol (Alkoholgenuss) hemmt wiederum die Neurogenese, wobei das im Rotwein enthaltende Resveratrol neue Neuronen am Leben erhält. Auch sehr weiche Nahrung soll die Neurogenese eher hemmen, wohingegen Nahrung zum Kauen diese fördert. Daraus kann geschlussfolgert werden, dass durch entsprechende Ernährung, dem Umgang mit Stress und körperliche Bewegung großer Einfluss auf das Gedächtnis, die mentale Gesundheit und die Gemütslage genommen werden kann.[7]

Weiterführendes und Fazit

Durch die „Darm-Hirn-Achse“ werden, vom Darm oder aufgrund von Stoffwechselprozessen mit der Nahrung, chemische Stoffe wie Hormone, Immunmoleküle und mikrobielle Metaboliten (Stoffwechselprodukte von Bakterien) auf den Weg gebracht. Peter Holzer von der Medizinischen Universität Graz meint hierzu, dass somit Signale aus dem Magen-Darm-Trakt Emotionen, Schmerzempfinden, Stimmungen, Übelkeit und Stressanfälligkeit lenken können. Manche Eiweißstoffe und Stoffwechselprodukte von Bakterien korrespondieren direkt mit dem Immunsystem. Die Entstehung und Reifung von Neuronen im Gehirn ist somit direkt mit den Stoffwechselprozessen im Darm verknüpft und abhängig davon, welche Stoffe wir zu welchem Zeitpunkt dem Körper insgesamt zuführen. Kurz gesagt, die Entwicklung unserer Darmflora beeinflusst die Entwicklung weiterer Neuronen, wie die in unserem Gehirn. Es ist anzunehmen, dass es sich umgekehrt genauso verhält. Durch die resultierende Einflussnahme des Nervensystems und des Immunsystems, kann es zu Verhaltensänderungen und psychischen Beanspruchungen kommen. Wie umfangreich dieser Einfluss mit seinen Wechselwirkungen letztendlich ist, muss jedoch noch genauer untersucht werden.[8]

 

 

Literaturverzeichnis

Eschenröder, C. T.: Der Mann, den man gerne hasst. Hans Jürgen Eysenck – Eine kritische Würdigung. In: Psychologie Heute. Heft 4. 2016, S. 46-49.

Huch, R./Jürgens, K. D.: Mensch Körper Krankheit. 6. Auflage. München 2011.

Simhofer, D.: Darmgeflüster. In: Psychologie Heute. Heft 12. 2015, S. 58-62.

Tenzer E.: Machen Kohlenhydrate froh?. In: Psychologie Heute Compact. Heft 44. 2016, S. 20-22.

 

Internetquellenverzeichnis

Stangl, W.: Neurotizismus. Lexikon für Psychologie und Pädagogik. Linz 2016. (30.03.2016), http://lexikon.stangl.eu/1869/neurotizismus/

Thuret, S.: So entwickeln Sie neue Gehirnzellen. In: TED Talks. London 2015. (30.03.2016), https://www.ted.com/talks/sandrine_thuret_you_can_grow_new_brain_cells_here_s_how?language=de#t-9052

 

[1] Vgl. Simhofer, D.: 2015, S. 58.

[2] Vgl. Simhofer, D.: 2015, S. 60 f.

[3] Vgl. Huch, R./Jürgens, K. D.: 201, S. 169 ff.

[4] Vgl. Eschenröder, C. T.: 2016, S 48 f.

[5] Vgl. Stangl, W.: Neurotizismus. Lexikon für Psychologie und Pädagogik. Linz 2016.

(30.03.2016), http://lexikon.stangl.eu/1869/neurotizismus/

[6] Vgl. Tenzer E.: 2016, S. 21.

[7] Vgl. Thuret, S.: So entwickeln Sie neue Gehirnzellen. In: TED Talks. London 2015. (30.03.2016),https://www.ted.com/talks/sandrine_thuret_you_can_grow_new_brain_cells_here_s_how?language=de#t-9052

[8] Vgl. Simhofer, D.: 2015, S. 60 ff.