Wenn Kränkungen zur Krankheit werden – die posttraumatische Verbitterungsstörung (PTED)

Einleitung

Menschen gelingt es unterschiedlich gut mit negativen Erlebnissen in ihrem Leben umzugehen und damit zurechtzukommen. Manchen gelingt es gut die Erlebnisse zu akzeptieren und den Blick nach vorne zu richten, während es andere gibt die noch lange nach dem Erlebnis damit zu kämpfen haben. Wie gut ein Mensch damit umgehen kann, hängt von seiner individuellen Persönlichkeit und von dem jeweiligen spezifischen Ereignis ab. Besonders Ereignisse mit Kränkungen, Herabwürdigungen und Ungerechtigkeiten können Betroffene nur sehr schwer verarbeiten und leiden nachhaltig lange an den damit einhergehenden Vertrauensbrüchen, Verlusten und enttäuschten Erwartungen. Die Betroffenen können das Erlebnis nicht akzeptieren und reagieren stattdessen mit Hilfslosigkeit und Verbitterung in Bezug auf die enorme Verletzung. Lässt diese Verbitterung im Laufe der Zeit nicht nach, sondern ist bei Gedanken an das Ereignis stets präsent, kann dies auf ein Krankheitsbild hindeuten, welches nun genauer durchleuchtet werden soll.

Posttraumatische Verbitterungsstörung (PTED)

Seit jeher beschäftigen sich die wissenschaftlichen Bereiche der Psychologie und Psychiatrie mit den psychischen Reaktionen auf belastende Ereignisse und wurden seither auch im internationalen Klassifikationssystem ICD-10 zusammengefasst. Unter dem Kapitel F43 werden „Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen“ beschrieben, worunter die „akute Belastungsreaktion“, die „posttraumatische Belastungsstörung“, die „Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen“ und die „Anpassungsstörungen“ fallen (Linden et al., 2004, S.51). Im klinischen Alltag ist zu beobachten, dass es in der Praxis notwendig ist, für die Kategorie der Anpassungsstörungen eine weitere differentialdiagnostische Differenzierung und Präzisierung vorzunehmen, welche sich auf Störungen beziehen, die nach lebensüblichen Belastungen hervorgehen (Linden, 2005, S.21).

Besonders auf die posttraumatische Verbitterungsstörung (PTED) ist man in den letzten Jahren immer aufmerksamer geworden. Die Abkürzung PTED wird aus dem englischen Begriff „post-traumatic embitterment disorder“ hergeleitet. Personen mit einer PTED leiden an einer massiv beeinträchtigenden, langanhaltenden, spezifischen und nur schwer behandelbaren emotionalen Störung. Ausgelöst wird die PTED durch ein einschneidendes und doch lebensübliches Ereignis ausgelöst (z.B. Arbeitsplatzverlust, Konflikte am Arbeitsplatz, Scheidung), welches Herabwürdigung, persönliche Kränkung und Verletzung zentraler Werte (sog. „kognitive Grundannahmen“) mit sich bringt. Im ICD-10 kann die PTED als „spezifische Reaktion auf eine schwere Belastung“, also als besondere Form der pathologischen Belastungsreaktion, eingeordnet werden (Linden, 2017, S.1).

Als leitender Affekt der PTED werden Verbitterung und Aggression gegen sich und die Umwelt beschrieben. Hinzu kommen Begleitsymptome wie Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit und Rückzug aus sozialen Verpflichtungen (Linden, 2005, S.21). Als Parallele zur Posttraumatischen Belastungsstörung kommt es auch bei der PTED zur phobischen Vermeidung von entsprechenden ereignisbezogenen Situationen/Objekten (Linden, 2005, S.21; Linden, 2017, S.5).

Im klinischen Alltag zeigen sich reaktive Störungen (z.B. die PTED) häufig mit einer langfristigen Chronifizierung und damit einhergehenden massiven Beeinträchtigungen des Alltags, der Anpassung an die soziale Umwelt und der Lebensqualität (Linden, 2005, S.21).

Behandlung der PTED und der Einsatz der Weisheitstherapie

Die Behandlung und Therapie der PTED bringt häufig eine ausgeprägte Problematik mit sich, da der leitende Affekt der Verbitterung zu einer ablehnenden Haltung gegenüber therapeutischer Hilfe führt. Die Möglichkeit zum Aufbau einer neuen Perspektive des Lebens ist bei den Betroffenen somit blockiert und beeinträchtigt die Motivation zur Therapie nachteilig. Ansätze zur Therapie der PTED werden als kognitive Verhaltenstherapie konzipiert, bei der die Betroffenen bei der Verarbeitung kritischer Lebensereignisse und der damit einhergehenden Kränkung und Herabwürdigung zu verarbeiten unterstützt werden und dabei innerlich eine Distanz dazu aufzubauen und den Aufbau neuer Lebensperspektiven anzugehen (Linden, Schippan & Baumann, 2004, S.286).

Es werden dabei auf Konzepte der Lebensbewältigung zurückgegriffen, welche sich damit befassen, wie es Menschen besser gelingen kann belastende Ereignisse erfolgreicher zu bewältigen. Wie gut dies einem Menschen gelingen kann, hängt von den notwendigen Ressourcen und Kompetenzen ab und der Art und Weise des subjektiven Erlebens und der subjektiven Verarbeitung von Belastungen. Auch das Vorhandensein von Handlungsmöglichkeiten und Möglichkeiten sozialer Unterstützung spielen eine wichtige Rolle bei der Lebensbewältigung. Als bedeutender Resilienzfaktor bei der erfolgreichen Bewältigung von Belastungen wird die Weisheit genannt, welche eine psychologische Fähigkeit darstellt, komplexe und schwer lösbare Probleme im Leben der Betroffenen besser verarbeiten/aushalten zu können (Sandau, Baumann & Linden, 2009, S.105-106). Die Weisheit wird in der psychologischen Literatur als Verständnis und Akzeptanz unterschiedlicher, unbestimmter und endlicher Facetten des menschlichen Lebens definiert. Sie stellt somit die Basis im Umgang mit schwierigen Fragen des Lebens, der Lebensgestaltung sowie der Deutung des Lebens dar. Verfügen Menschen über ein ausgeprägtes Maß an Weisheit, geht diese einher mit einer wertvollen ethisch-moralischen Grundhaltung und Handlungsvermögen (Wirtz, 2020, S.1916).

Die Weisheitstherapie ist ein in Anlehnung an die Weisheitsforschung speziell auf die PTED abgestimmter Behandlungsansatz, bei dem den Betroffenen Problemlösestrategien vermittelt werden, die zur Aktivierung von Weisheit führen sollen. Im Rahmen der Weisheitstherapie wird die erfolgreiche Bewältigung der PTED angesteuert, indem die innerliche Kränkung der Betroffenen verarbeitet, innerlich mit den entsprechenden Ereignissen und Auslösern Frieden geschlossen und eine neue Lebensorientierung und die Entwicklung neuer Zukunftsaussichten geschaffen wird. Umgesetzt wird dies u.a. durch die Um- und Neubewertung des kritischen Ereignisses (Reframing) aber auch durch Änderungen im Bewertungssystem der Betroffenen, dem Wiederaufbau von sozialen Kontakten und der Förderung von Selbstwirksamkeitserfahrungen im Kontext des psychologischen Faktors der Weisheit (Sandau, Baumann & Linden, 2009, S.112-113).

Fazit & Ausblick

Die empirische Forschung der Weisheitstherapie und der PTED sind noch recht jung, daher bestehen noch zahlreiche Offene Fragen zu den Themengebieten, welche nur in Ansätzen beantwortet werden können und die noch weitere Forschungsarbeiten erfordern. Jedoch kann betont werden, dass erste Studienergebnisse mit Menschen, die als Folge eines kritischen Lebensereignisses an einer PTED leiden, die Wirksamkeit der beschriebenen Weisheitstherapie bereits empirisch belegen konnten. In Zukunft wäre es daher wünschenswert weitere Forschungsarbeiten zu dem Thema zu gewährleisten und die möglichen Potenziale der Weisheitstherapie zur Stärkung persönlicher Ressourcen, der Lebensqualität, der Gesundheit sowie zur Bewältigung kritischer Lebensereignisse weiter herauszuarbeiten. Trainingseinheiten von Weisheitskompetenzen könnten einen äußerst erfolgreichen Therapieansatz im Bereich der reaktiven Anpassungsstörungen (z.B. bei der PTED) darstellen.  

Literatur- und Quellenverzeichnis

Linden, M., Schippan, B., Baumann, K. & Spielberg, R., (2004), Die posttraumatische Verbitterungsstörung (PTED) – Abgrenzung einer spezifischen Form der Anpassungsstörung, Nervenarzt 2004, 75:51-57, DOI 10.1007/s00115-003-1632-0

Linden, M., Schippan, B. & Baumann, K., (2004), Weisheitstherapie – kognitive Therapie der posttraumatischen Verbitterungsstörung, Verhaltenstherapie, 14 (4): 284-293, DOI:10.1159/000082838

Linden, M., (2005), Die Posttraumatische Verbitterungsstörung, psychoneuro 2005; 31 (1): 21-24, DOI: 10.1055/s-2005-863096

Linden, M., (2017), Verbitterung und Posttraumatische Verbitterungsstörung, 1. Aufl., Göttingen/Germany

Sandau, E., Baumann, K. & Linden, M., (2009), Weisheit und Weisheitstherapie in der Bewältigung von Lebensbelastungen. In: Linden, M. & Weig, W. (Hrsg.), Salutotherapie in Prävention und Rehabilitation, 1. Aufl., Köln/Germany

Wirtz, M. A., (2020), Lexikon der Psychologie, 19. Aufl., Bern/Switzerland