Wenn das Kopfkino fehlt – das Phänomen der Afantasie

Stell dir vor, du sitzt am Meer. Du siehst den weichen goldfarbenen Sand, die glitzernden, seichten Wellen und vereinzelte Wolken am strahlend blauen Himmel. Das Strandbild, das sich soeben vor deinem inneren Auge aufgetan hat, repräsentiert deine bildliche Vorstellungskraft. Sie ermöglicht dir nicht nur, dich an Vergangenes bildlich zurückzuerinnern, sondern auch, wie gerade eben, etwas in deiner Fantasie auszumalen. Was aber, wenn sich gar kein Bild gezeigt hat? Dann besteht die Möglichkeit, dass du zu den rund 4% der Bevölkerung gehörst, die unter einem seltenen Phänomen leiden – der Afantasie (Dance, Ipser & Simner, 2022).

Was ist Afantasie?

Die Afantasie ist eine Störung des Vorstellungsvermögens, bei der Menschen unfähig oder nur eingeschränkt fähig sind, visuelle Formen mentaler Bilder zu erzeugen. Ebenfalls weisen Personen mit Afantasie eine deutlich schwächere mentale Vorstellungskraft in Bezug auf auditive, taktile, kinästhetische, geschmackliche, olfaktorische und körperliche Faktoren auf. Die Einschränkungen beziehen sich jedoch nur auf den Wachzustand, denn Personen mit Afantasie sind in der Lage, visuelle Träume zu erleben (Dawes, Keogh, Andrillon & Pearson, 2020, S. 4; Monzel, Keidel & Reuter, 2021, S. 2486; Whiteley, 2021, S. 2111). Grundsätzlich fällt auf, dass bei vielen Betroffenen erhebliche Schwierigkeiten mit dem autobiografischen Gedächtnis oder Zukunftsfantasien vorliegen. Personen mit Afantasie wissen z. B., dass sie geheiratet haben oder im Urlaub waren, an das Ereignis selbst können sie sich jedoch kaum erinnern. Ebenfalls weisen viele Betroffene eine Störung der Aufmerksamkeitssteuerung auf (Dawes, Keogh, Robuck & Pearson, 2022; Monzel, Keidel und Reuter, 2021, S. 2496).

Ursachen der Afantasie

Wirkliche Bekanntheit erfuhr das Phänomen erst im Jahr 2010, als der Neurologe Adam Zeman eine wissenschaftliche Arbeit über den Fall des Patienten MX veröffentlichte. Dieser beklagte, dass er sich nach einer Operation Familienangehörige, Freunde, Gegenstände und besuchte Orte nicht mehr bildlich vorstellen konnte. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass MX während der Operationen einen leichten Schlaganfall erlitt und dieser eine Hirnschädigung zur Folge hatte. Was genau jedoch mit der Entstehung der Afantasie einhergeht, ist bis heute nicht bekannt. Vermutet werden zum einen Verbindungsstörungen zwischen dem Frontal- und Okzipitallappen, möglich wäre aber auch eine Überaktivierung des Okzipitallappens. Afantasie entsteht aber nicht immer als Folge einer Erkrankung. Wissenschaftler vermuten auch genetische Komponenten, da sich in Familien oftmals eine Häufung von bereits lebenslang andauernden Afantasiefällen offenbart (Clemens, 2017; Fulford et al., 2018, S. 38).

Afantasie ist mithilfe der Pupillen nachweisbar

Bisher waren die bestehenden Methoden zur Messung der Afantasie recht subjektiv, schließlich mussten Betroffene ihr Einbildungsvermögen selbst beurteilen, wenn sie nicht gerade eine Untersuchung mit einer funktionellen Magnetresonanztomografie machen wollten. Nun konnten Wissenschaftler aber eine erste physiologische Validierung der Afantasie ausmachen, indem sie die Pupillenreaktion beobachteten. Hierfür präsentierten sie Betroffenen und Nichtbetroffenen zunächst unterschiedlich helle Muster. Bei beiden Gruppen gab es dieselbe Pupillenreaktion, die Pupillen wurden bei Lichteinfall kleiner und bei Dunkelheit größer. Im Anschluss sollten sich alle Probanden das soeben Gesehene erneut vorstellen und die Lebhaftigkeit dieser Erinnerung angeben. Während sich bei Nichtbetroffenen die Pupillengröße entsprechend der imaginierten Helligkeit und Lebhaftigkeit veränderte, regte sich bei Personen mit Afantasie nichts (Benz, 2022; Kay, Keogh, Andrillon & Pearson, 2022).

Kein Schrecken durch Horrorgeschichten

Wer kennt es nicht? Man liegt spät abends noch wach und liest sich in totaler Dunkelheit Texte durch, die man sich zum Einschlafen lieber nicht hätte durchlesen sollen. Für Menschen mit Afantasie sind Horrorgeschichten jedoch kein Problem, fand die Forschungsgruppe um Wicken, Keogh und Pearson (2021) heraus. Sie rekrutierte 46 Versuchspersonen, von denen 22 Teilnehmer über eine nachgewiesene Afantasie verfügten. Sowohl die Teilnehmer mit intakter bildlicher Vorstellungskraft als auch diese mit Afantasie wurden gebeten, allein in einem abgedunkelten Raum Platz zu nehmen und sich unheimliche Geschichten durchzulesen. Mittels Elektroden wurden nun die physiologischen Reaktionen gemessen, wobei die Hautleitfähigkeit als Indikator psychophysischer Aktivierung diente. Während bei der Kontrollgruppe eine Zunahme der Hautleitfähigkeit beobachtet wurde, traten bei Personen mit Afantasie keinerlei Furchtreaktionen auf (Wicken, Keogh & Pearson, 2021, S. 1-6).

Fazit

Afantasie ist keine psychische Erkrankung. Auch wenn sich Menschen mit Afantasie keine Bilder vorstellen können und sich bei einigen Personen eine Beeinträchtigung der Aufmerksamkeitslenkung findet, ist der Leidensdruck bei einem Großteil der Betroffenen eher gering. Viele sehen ihre Afantasie auch als Vorteil, da sie ein Leben im „Hier und Jetzt“ ermöglicht, ohne intrusive Erinnerungen oder katastrophale Zukunftsvisionen. Einer der größten Unterschiede, der zwischen Menschen mit und ohne Afantasie ausgemacht werden kann, ist, dass die bildliche Vorstellungskraft einen großen Einfluss auf Emotionen hat und dieser Faktor bei Menschen mit Afantasie wegfällt. So zeigt sich z. B. ein eingeschränktes Empathievermögen bei erzählten Geschichten. In zukünftigen Studien könnte untersucht werden, ob die in der Studie von Wicken, Keogh und Pearson (2021) aufgezeigte reduzierte physiologische Reaktion auch bei der Vorstellung anderer Emotionen auftritt (z. B. bei Freude statt Angst) und ob diese Reaktion auch auf belastende oder freudige episodische persönliche Erinnerungen übergreift.


Literaturverzeichnis

Benz, A. (2022). Pupillen offenbaren fehlende Vorstellungskraft. Zugriff am 11.05.2022. Verfügbar unter  https://www.spektrum.de/news/afantasie-pupillen-offenbaren-fehlende-vorstellungskraft/2016637

Clemens, A. (2017). Warum können sich manche keine Gesichter vorstellen? Zugriff am 25.07.2022. Verfügbar unter https://www.spektrum.de/news/afantasie-wenn-die-bildliche-vorstellungskraft-fehlt/1519733

Dance, C., Ipser, A. & Simner, J. (2022). The prevalence of aphantasia (imagery weakness) in the general population. Consciousness and Cognition, 97, 103243.  DOI: https://doi.org/10.1016/j.concog.2021.103243

Dawes, A., Keogh, R., Andrillon, T. & Pearson, J. (2020). A cognitive profile of multi-sensory imagery, memory and dreaming in aphantasia. Scientific Reports, 10, 1-10. DOI: 10.1038/s41598-020-65705-7

Dawes, A., Keogh, R., Robuck, S., Pearson, J. (2022). Memories with a blind mind: Remembering the past and imagining the future with aphantasia. Cognition, 227, 105192.

Fulford, J., Milton, F., Salas, D., Smith, A., Simler, A. et al. (2018). The neural correlates of visual imagery vividness – An fMRI study and literature review. Cortex, 105, 26-40.

Kay, L., Keogh, R., Andrillon, T. & Pearson, J. (2022). The pupillary light response as a physiological index of aphantasia, sensory and phenomenological imagery strength. eLife, 11, 72484. DOI: 10.7554/eLife.72484

Monzel, M., Keidel, K. & Reuter, M. (2021). Imagine, and you will find – Lack of attentional guidance through visual imagery in aphantasics. Attention, Perception, & Psychophysics, 3, 2486–2497. DOI: https://doi.org/10.3758/s13414-021-02307-z

Whiteley, C. (2021). Aphantasia, imagination and dreaming. Philosophical Studies, 178, 2111–2132. DOI: https://doi.org/10.1007/s11098-020-01526-8

Wicken, M., Keogh, R. & Pearson, J. (2021). The critical role of mental imagery in human emotion: insights from fear-based imagery and aphantasia. Royal Society Publishing, 288, 1-6. DOI: https://doi.org/10.1098/rspb.2021.0267

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