Die Kümmerfalle – oder warum Care-Arbeit sich nicht rentiert

Die soziale Ungleichheit hat ein enormes Ausmaß angenommen und ist das Ergebnis eines Wirtschaftssystems, welches hinnimmt, dass Frauen täglich 12,5 Milliarden Stunden unbezahlte Pflege-, Fürsorge- und Hausarbeit leisten. Für das Wohlergehen einer Gesellschaft und das Funktionieren einer Wirtschaft ist die Erledigung dieser Arbeit unersetzlich und doch bekommen Frauen weder eine gesellschaftliche noch ökonomische Wertschätzung ihres unermüdlichen Einsatzes.

Care und Co. – eine unbezahlbare und doch unbezahlte Ungleichheit

Als Care-Arbeit oder auch Sorgearbeit gelten alle Tätigkeiten der Pflege, Zuwendung, Fürsorge und Versorgung, die unentgeltlich für den eigenen Haushalt oder ehrenamtlich für andere Haushalte erbracht werden. Dazu zählen die Kinderbetreuung, die Altenpflege, aber auch familiäre Unterstützung, die häusliche Pflege oder Hilfe unter Freunden und Nachbarn (BPB, 2020). Es ist nicht damit getan, die Kinder anzuziehen oder die körperliche Pflege von Angehörigen zu erledigen. Der gesamte Komplex des Sich-Kümmerns, Sich-Gedanken-machen-um, Sorgen-für, von der Mahlzeitenplanung bis zur Grundreinigung des Wohnbereiches, das Managen von Arztterminen bis hin zu Geburtstagsgeschenke besorgen, gleicht einer Allzuständigkeit. On top kommt noch die Fürsorge, zu fragen: Wie geht es dir heute? Und dann noch die Zeit und die Kraft aufzubringen genau hinzuhören und auf die Bedürfnisse anderer einzugehen. Dass der Laden insgesamt und mit all seinen Facetten läuft, all das ist Care-Arbeit.

Bisher wird diese Arbeit überwiegend von Frauen geleistet, nämlich viereinhalb Stunden täglich, dann wird sich um den Haushalt und um Familienangehörige gekümmert. Im Vergleich dazu widmen sich Männer nur zweidreiviertel Stunden mit diesen Aufgaben. Das ergab eine Datenanalyse der International Labour Organisation, eine Sonderorganisatin der Uno (Charmes, 2019).

Die Zahlen verdeutlichen, dass sich auch nach dem zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2015 nicht viel verändert hat. Dieser ergab einen „Gender care Gap“ von 52 Prozent, das besagt, Frauen widmen sich im Durchschnitt anderthalbmal häufiger mit der Beziehungs- und Sorgearbeit wie Männer. Besonders ausgeprägt ist die Verteilung in Heteropaarhaushalten mit Kindern, hier liegt er bei 83 Prozent (BMFSJ, 2017, S. 93ff).  Diese Zahlen sind vom Wochentag unabhängig, sogar sonntags verbringen Mütter mit Kleinkindern vier Stunden mehr Zeit im Haushalt und mit der Kinderbetreuung als ihre männlichen Partner. Und zwar auch dann, wenn beide Elternteile Vollzeit arbeiten, tätigen die Frauen immer noch 41 Prozent mehr unbezahlte Arbeit (Müller & Samtleben, 2022, S. 141).

Her mit den Billionen!

Lassen Sie sich doch einmal auf folgendes Gedankenexperiment ein: Würden die geleisteten Milliarden von Stunden, in denen Frauen weltweit unbezahlte Fürsorgearbeit leisten entlohnt werden und man wollte ihr eine Ziffer entgegenstellen, würde diese Arbeit einen Betrag von 9 Billionen Euro ausmachen und hier wurde lediglich der Mindestlohn zu Grunde gelegt. Das ist eine fast nicht greifbare 14-stellige Zahl und entspricht, zum Vergleich, dem Dreifachen weltweiten Umsatz des IT-Sektors. Diese unfassbar hohe Summe ermittelte die Nothilfe- und Entwicklungsorganisation Oxfam in ihrem Bericht von 2020 (Oxfam, 2020, S. 5).

All die Billionen, die nicht als Lohn für geleistete und essenzielle Sorgetätigkeit ausgezahlt werden, fehlen den Frauen auf dem Girokonto, beim Vermögensaufbau und vor allem bei den Renten. Mütter arbeiten oftmals in sogenannten Frauenberufen in Voll- oder Teilzeit, diese gelten mittlerweile als systemrelevant, aber werden dennoch schlecht bezahlt. On Top arbeiten sie sich durch zusätzliche Care-Arbeit kaputt und doch reicht die zu erwartende Rente nicht zum Leben. Nach all den Reformen unseres deutschen Rentensystems wurde die Einkommensgrenze, ab der die Altersarmut bedrohlich näher rückt, auf einem Bruttoverdienst von weniger als 2500 Euro festgelegt (Balodis & Hühne, 2017, S. 35).

Abbildung 1: Ungleichheit zwischen Männer und Frauen in Deutschland (nach Oxfam, 2020, S. 10).

Auch bei den Renten zeigt sich eine deutliche Ungleichheit zwischen Männern und Frauen. Der Gender Pension Gap (Abbildung 3) zeigt, dass die durchschnittliche Rente von Frauen in Deutschland, nach der aktiven Erwerbsphase und der intensiven Kinderbetreuung um 51 Prozent geringer ausfallen als bei Männern. Deutschland belegt im Hinblick auf die Rentenlücke zwischen Männern und Frauen damit den letzten Platz in einer vergleichenden Studie (OECD, 2019).

Fazit – Raus aus der Kümmerfalle

„In der Wut der Frauen liegt die Macht die Welt zu verändern“, so zitieren es die Autorinnen des Buches „Die Kümmerfalle“ von Rebecca Traister, einer der Stimmen der modernen Frauenbewegung (Garsoffky & Sembach, 2020 S. 131). Also lassen sie uns gemeinsam den Blick nach vorne richten und einen Weg raus aus der Kümmer- und Armutsfalle finden, denn es gibt ihn, aber diesen können wir nur gemeinsam gehen. Unsere Gesellschaft sollte eine extreme Ungleichheit und Geringschätzung von Pflege- und Fürsorgearbeit nicht dulden. In zahlreichen Ländern konnte die Regierung bereits den Menschen ermöglichen, Fürsorgetätigkeiten mit eigenständiger Erwerbsarbeit zu kombinieren, ohne dass ihnen dabei Nachteile entstehen. Auch festgefahrene Rollenbilder, die Männer und Frauen bestimmten Tätigkeiten zuordnen, befinden sich im Wandel und können ebenfalls durch die Politik vorangebracht werden.

Dazu möchte ich abschließend die „4 R“ vorstellen, bei denen es sich um zentrale Prinzipien aus dem englischsprachigen Raum handelt, die das Potenzial haben einen Wandel voran zu bringen: Reduce (Reduzierung): Durch Auf- und Ausbau öffentlicher (Pflege-) Infrastruktur unbezahlte Pflege- und Fürsorgearbeit verringern; Represent (Repräsentation): Pflegende in Politik und Wirtschaft anhören; Redistribute (Umverteilung): Unbezahlte Tätigkeiten innerhalb von Haushalten neu verteilen durch flexiblere Arbeitszeiten und berufliche Auszeiten; Recognise (Anerkennung): Wert von Pflege- und Fürsorgearbeit anerkennen, in der Wirtschaft und für jeden Pflegenden (Oxfam, 2020, S. 11).

Literatur

Balodis, H. & Hühne, D. (2017). Altersarmut – Chronik einer programmierten Katastrophe. In: Die große Rentenlüge. Frankfurt/Main: Westend Verlag.

Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (2017). Zweiter Gleichstellungsbericht der Bundesregierung. Der Gender Pay Gap. URL: https://www.gleichstellungsbericht.de/zweiter-gleichstellungsbericht.pdf (19.07.2022).

Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) (2022). Care-Arbeit. URL: https://www.bpb.de/themen/familie/care-arbeit/ (19.07.2022).

Charmes, J. (2019). The Unpaid Care Work and the Labour Market. An analysis of time use data based on the latest World Compilation of Time-use Surveys. Geneva: International Labour Office.

Müller, K.-U. & Samtleben, C. (2022). Reduktion und partnerschaftliche Aufteilung unbezahlter Sorgearbeit erhöhen Erwerbsbeteiligung von Frauen. DIW – Wochenbericht Nr. 9/2022. Doi: https://doi.org/10.18723/diw_wb:2022-9-1.

Garsoffky, S. & Sembach, B. (2022). Raus aus der Kümmerfalle. In: Die Kümmerfalle. München: Penguin Random House Verlagsgruppe.

OECD (2019). Pension at a Glance. Wie schneidet Deutschland ab? URL: https://www.oecd.org/germany/PAG2019-DEU_de.pdf (20.07.2022). Oxfam (2020). Im Schatten der Profite. URL: https://www.oxfam.de/system/files/2020_oxfam_ungleichheit_studie_deutsch_schatten-der-profite.pdf (20.07.2022).

Oxfam (2020). Im Schatten der Profite. URL: https://www.oxfam.de/system/files/2020_oxfam_ungleichheit_studie_deutsch_schatten-der-profite.pdf (20.07.2022).

Bildnachweise

Oxfam (2020). Im Schatten der Profite. URL: https://www.oxfam.de/system/files/2020_oxfam_ungleichheit_studie_deutsch_schatten-der-profite.pdf (20.07.2022).

Mary Tilj, Anuja (2018). Brown mother and child statue covered with snow photo. Unsplash. URL: https://unsplash.com/photos/PRLeUlTGdIo (29.07.2022).