Stanley Milgram – Sind die Deutschen anders?

Die PiS- Partei Recht und Gerechtigkeit (Prawo i Sprawiedliwość) in Polen[1], die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) oder der Front National in Frankreich: Rechtsextremismus ist in ganz Europa auf dem Vormarsch. Auch in Deutschland ist durch die Alternative für Deutschland (AfD), die in Sachsen-Anhalt 2016 24,2%[2] Wählerstimmen bei den Landtagswahlen bekommen hat, der Rechtsextremismus wieder stärker in den Vordergrund gerückt.[3] Somit spielt selbst im Jahr 2017, 72 Jahre nach dem Untergang des dritten Reiches, der Nationalsozialismus noch eine bedeutende Rolle im privaten, sowie im politischen Sinne. Es stellt sich die Frage, ob ein Szenario wie es damals vorgefallen ist, auch nach dem Bekanntwerden der schrecklichen Ereignisse der Nazis möglich wäre. Der Autor Stanley Milgram geht diesem Thema in seiner Veröffentlichung „Das Milgram Experiment- Zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität“ schon 1961 auf den Grund. Milgram untersuchte, ob die Menschen auch 21 Jahre nach dem Ende des Nazi-Regimes und dem Wissen der daraus entstandenen Verbrechen, trotzdem ohne Weigerung andere foltern und zum Äußersten gehen würden. Ebenso wie es damals durch die zahlreichen Gauleiter, Hauptsturmführer und viele weitere von Hitlers Exekutiven und deren blinden Gehorsam passieren konnte.

 

Über den Autor

Stanley Milgram wurde 1933 in New York City geboren und verbrachte dort auch seine Jugend. 1950 absolvierte er seinen High-School-Abschluss gemeinsam mit Phil Zimbardo, einem späteren Sozialpsychologen, der damals zu seinen Freunden zählte.[4]

Schon zu dieser Zeit hatte er die Idee zu seinem bekanntesten Experiment, wie Zimbardo in einem Interview mit Steve Ayan verriet.Wir saßen 1949 zusammen in einer Klasse. Das war nicht lange nach dem Holocaust – und wir fragten uns: Könnte so etwas auch in Amerika passieren? Ich antwortete damals, sei nicht dumm, Stan, das war Nazideutschland, aber er erwiderte: Würdest du einem völlig Fremden einen Elektroschock verpassen, wenn es dir eine Autorität wie Hitler befehlen würde? Niemals, sagte ich. Und Stanley schüttelte den Kopf: Die Aufpasser im Konzentrationslager haben das auch gesagt, bevor sie da hinkamen!“[5]

Nach seinem Bachelorabschluss 1954 ging er an die Harvard University, wo er zahlreiche Studien durchführte und seinen Titel Ph. D. erwarb. Von akademische Standartuntersuchungen wandte sich Milgram schon früh ab, denn ihn interessierte das, was den Otto-Normalverbraucher beschäftigte. Später veröffentlichte Milgram sein erfolgreichstes Buch „Das Milgram Experiment- Zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität“ im Original „Obedience to Authority“, welches bereits 1975 in 7 Sprachen übersetzt worden war. Im Jahre 1974 gewann Milgram den jährlichen Preis der American Association for the Advancement of Science.[6] Privat war Milgram verheiratet und Vater von zwei Kindern.[7] Tragischer Weise verstarb Milgram im Jahre 1984 gerade einmal im Alter von 51 Jahren an einem Herzinfarkt[8] in New York.[9]

 

 

Buchvorstellung

Eigene Fotografie

Sie lesen sich die obere Anzeige genau durch, entsprechen den Anforderungen und beschließen bei diesem Experiment mitzumachen. Am Tag des Experiments werden Sie vom Versuchsleiter einem weiteren Teilnehmer vorgestellt und ihnen wird das Experiment erklärt.[10] Einer von Ihnen wird der Schüler der andere der Lehrer sein. Wer welche Stelle im Experiment einnimmt entscheidet das Los.[11] Der Lehrer wird dem Schüler Begriffe (Assoziationspaare) vorlesen und bei falscher Zuordnung bekommt der Schüler einen Stromschlag.[12] Bei der Verlosung ziehen Sie den Posten des Lehrers, also verabreichen Sie die Stromschläge![13]

Das Experiment startet, der Schüler ist in einem Nebenraum an den Schockgenerator gebunden und Sie fangen an die möglichen Assoziationspaare vorzulesen.[14]

Anfangs macht der Schüler keine Fehler, doch irgendwann gibt er falsche Antworten und sie beginne mit der Verabreichung der Stromschläge. Nach jeder falschen Antwort müssen Sie den Schockgenerator um 15 Volt[15] erhöhen. Der Schüler beginnt zu stöhnen und zu schreien, er kann sich durch die Schmerzen und die immer wiederkehrenden Stromschläge nicht mehr konzentrieren. Der Versuchsleiter drängt Sie weiter zu machen. Was tun Sie nun, abbrechen oder weitermachen? Im späteren Verlauf des Experiments weigert der Schüler sich sogar zu Antworten. Der Versuchsleiter sagt Ihnen, dass Sie unbedingt weitermachen müssen. Was tun Sie nun, abbrechen oder weitermachen? Jetzt fleht der Schüler Sie an aufzuhören, er kann nicht mehr antworten, sondern nur noch schreien. Doch der Versuchsleiter drängt Sie fortzufahren, da sie keine andere Wahl hätten, als das Experiment zu beenden. Was tun Sie nun, abbrechen oder weitermachen?[16]

Genau diese Entscheidung, die von Ihnen verlangt wird, erforscht Milgram in seinem Experiment.

Später variierte Milgram das Grundexperiment und veränderte einzelne Komponenten, um festzustellen, welche Unterschiede dazu führen, dass das Experiment mehr oder weniger von den Probanden abgebrochen wird. Darüber hinaus erfährt man in seinem Buch auch mehr über die Vorbedingungen von Gehorsam, über die ethischen Probleme seines Experiments und seiner Meinung diesbezüglich. Unter anderem nimmt er in seinem Buch auch Stellung gegenüber Kritikern und versucht seinen Standpunkt und seine Ideen den Lesern zu vermitteln.

 

Fazit

Für Wissbegierige, die sich für Verhaltenspsychologie oder Psychologie im Allgemeinen interessieren, wie die Konditionierung, dem wird dieses Buch gefallen. Es weist einen interessanten Blickwinkel auf Gehorsamsbereitschaft in der Gesellschaft auf und zeigt gleichzeitig Milgrams Überlegungen und Gedanken auf.

2009 wurde das Experiment nach ethischen Richtlinien, mit ähnlichen Ergebnissen wiederholt, was zeigt, dass Milgram schon damals einen wunden Punkt getroffen hat und die blinde Gehorsamsbereitschaft gegenüber einer anscheinend höheren Autorität ein generationsübergreifendes Phänomen ist.

Eigene Fotografie

Das kleine handlich Taschenbuch mit circa 250 Seiten ist in der 19. überarbeitete Auflage schon ab 9,90 Euro erhältlich (ISBN-10: 3499174790 / ISBN-13: 978-3499174797) und eine definitive Leseempfehlung!

Eine Frage bleibt am Schluss jedoch noch offen: „Was würden Sie tun, abbrechen oder weitermachen?

 

 

 

Quellenverzeichnis

[1] Vgl. Wikipedia (2015)

[2] Vgl. Statista – Das Statistik-Portal (2017)

[3] Vgl. Statista – Das Statistik-Portal (2017)

[4] Vgl. Wayback Machine (2011)

[5] Ayan (2011)

[6] Vgl. Wayback Machine (2011)

[7] Vgl. Gawlick (2013)

[8] Vgl. Gawlick (2013)

[9] Vgl. Wayback Machine (2011)

[10] Vgl. The Simple Biology (2015)

[11] Vgl. Milgram (1982), S. 35

[12] Vgl. Milgram (1982), S. 36

[13] Vgl. Milgram (1982), S. 35

[14] Vgl. Milgram (1982), S. 35

[15] Vgl. Hartung (2006), S. 23

[16] Vgl. Milgram (1982), S. 38-40

 

Abbildungsverzeichnis:

Beitragsbild: https://pixabay.com/de/kabel-strom-blitz-stromleitungen-1508774/

Abbildung 1: Eigene Fotografie

Abbildung 2: Eigene Fotografie

 

Literatur

Hartung, J. (2006), Psychologie in der sozialen Arbeit – Band 3: Sozialpsychologie, 2. Auflage, Stuttgart

Milgram, S. (2015), Das Milgram Experiment- Zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität, 19. Auflage, Hamburg

 

Internetquellen

Ayan, S. (2011), Sozialpsychologe Zimbardo“ Bis jetzt war ich Doktor Evil“. In: http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/sozialpsychologe-zimbardo-bis-jetzt-war-ich-doktor-evil-a-779855-2.html, abgerufen am 06.05.2017

Gawlick, R. (2013), Das Milgram-Experiment, Stanley Milgram, Eine Kurzbiografie. In: http://www.milgram-experiment.com/stanley-milgram.shtml, abgerufen am 06.05.2017

Statista – Das Statistik-Portal (2017), Stimmenanteile der AfD bei den jeweils letzten Landtagswahlen in den Bundesländern bis Mai 2017. In: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/320946/umfrage/ergebnisse-der-afd-bei-den-landtagswahlen/), abgerufen am 06.05.2017

The Simple Biology (2015), Das Milgram-Experiment – Verhaltensbiologie 4. In: https://www.youtube.com/watch?v=-YO5HP-eHBo, abgerufen am 23.03.2016

Wayback Machine (2011), Stanley Milgram. In: https://web.archive.org/web/20110218013704/http://www2.uni-jena.de/erzwiss/projekte_2000/cakir_loth/Biographie.htm, abgerufen am 06.05.2017

Wikipedia (2015), Liste der politischen Parteien in Polen. In: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_politischen_Parteien_in_Polen, abgerufen am 06.05.0217