Ständige Erreichbarkeit – Fluch und Segen zugleich

Freitag 17:30 Uhr: „Ach, die Kollegin ist nicht mehr da? Kein Problem, dann stelle ich ihr einen Call für 21 Uhr ein.“….Das waren die Worte eines Kollegen am Telefon, der am Freitagabend – ich wollte gerade das Büro verlassen – versuchte, meine Kollegin Kati zu erreichen. Ich gab ihm noch den freundlichen Hinweis, dass Kati Teilzeit arbeitet und sie deshalb auch schon längst für ihr Kind sorge, aber er hörte schon nicht mehr richtig hin. „Das Angebot muss unbedingt raus.“

 

Entgrenzung der täglichen Arbeitszeit – Vorteile und Risiken

Ständige Erreichbarkeit – auch Entgrenzung genannt – liegt vor, wenn Arbeit und Freizeit zeitlich verschwimmen und traditionelle Grenzen des Arbeitstages wie Feierabend und Wochenende nicht mehr vorhanden sind.[1] Das Zeitalter moderner Kommunikationstechnologien hat in Unternehmen längst Einzug gehalten. Dass Firmen ihren Mitarbeitern Smartphones oder Laptops zur Verfügung stellen, ist keine Seltenheit mehr.

Das bringt viele Vorteile und Möglichkeiten mit sich, sowohl für Beschäftigte als auch für Unternehmen. Beschäftigte sind somit permanent erreichbar und können selbst von verschiedensten Orten und Zeiten auf arbeitsbezogene Informationen zugreifen. Eine flexible Arbeitszeitgestaltung lässt sich dadurch ermöglichen, man ist mobil und Familie und Beruf lassen sich besser vereinbaren. Ein weiterer positiver Aspekt ist die schnelle Unterstützung. Ist der Vorgesetzte „ständig online“, entstehen durch promptes Feedback keine zeitlichen Verzögerungen. Bestimmte Personengruppen verbinden mit permanenter Verfügbarkeit auch einen Identitäts- und Statusgewinn. Und die sogenannte Generation Y ist eh mit dieser Technologie groß geworden, für sie ist es normal, ständig zu kommunizieren. Doch ständige Erreichbarkeit birgt auch Risiken. Sie setzt Beschäftigte unter Druck, stresst und führt zu Schlafstörungen, physischen Beschwerden (z.B. Rückenschmerzen) und psychischen Erkrankungen wie Burnout und Depressionen.[2]

Studien belegen, dass das Phänomen der ständigen Erreichbarkeit in der bundesdeutschen Arbeitswelt inzwischen weit verbreitet ist. In einer Studie des BKK Bundesverbandes aus dem Jahr 2010 geben 84 % der befragten Berufstätigen an, außerhalb der regulären Arbeitszeiten für dienstliche Belange erreichbar zu sein. Knapp 51 % sind permanent für Arbeitgeber, Kollegen und Kunden erreichbar.[3] Auf einen nicht ganz so hohen Wert kommt der TNS Infratest Politikforschung in einer Umfrage, bei der 58 % der Befragten sagen, dass es voll oder eher zutrifft, dass sie außerhalb der regulären Arbeitszeiten für den Arbeitgeber erreichbar sind.[4] Und in einer Umfrage des DGB Index Gute Arbeit 2011 bestätigen 27 % der Befragten die Erwartungshaltung, dass sie auch in der Freizeit häufig oder sehr oft für die Arbeit erreichbar sein müssen.[5]  Die Umfragen erheben jedoch nicht, inwieweit Beschäftigte tatsächlich kontaktiert werden oder ob sie eben nur potenziell erreichbar sind.

Eine Ausprägung ständiger Erreichbarkeit ist die Rufbereitschaft. Im Rahmen eines Projekts des Bundesministeriums für Bildung und Forschung wurde die Wirkung ständiger Erreichbarkeit in Rufbereitschaftsphasen untersucht. Dabei wurden die Testteilnehmer jeweils an Tagen mit Rufbereitschaft und an Tagen ohne Rufbereitschaft zu ihrem Befinden befragt. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass allein die Anforderung erreichbar zu sein ausreicht, um Erholungsprozesse zu beeinträchtigen, die Schlafqualität zu minimieren und das Wohlbefinden herabzusetzen. Selbst dann, wenn es zu keinem Arbeitseinsatz kommt.[6]

 

Doch wo liegen die Ursachen für ständige Erreichbarkeit? 

Zweifelsohne haben sich in den vergangenen Jahren die Informations- und Kommunikationstechnologien rasant weiter entwickelt, was u.a. zu einer allgemeinen Beschleunigung des (Arbeits-)Lebens und zu wachsendem Zeit- und Leistungsdruck führte. Für das Thema Erreichbarkeit bedeutet dies, dass heute mehr denn je eine schnelle Reaktionszeit – beispielsweise bei Emails – erwartet wird. Zudem hat sich die Arbeitsverdichtung insgesamt erhöht. 52% der Arbeitnehmer arbeitet nach eigenen Angaben unter starkem Termin- und Leistungsdruck, wie dem „Stressreport Deutschland 2012“ der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin zu entnehmen ist.[7] Um überhaupt die steigende Anzahl an Arbeitsanforderungen bewältigen zu können, bieten die neuen Technologien gute Möglichkeiten, um von unterwegs kommunizieren zu können. Weiterhin konnte in den letzten Jahren auch ein allgemeiner Wandel in der Arbeitswelt verzeichnet werden. Der Trend geht vom klassischen „Nine-to-five-job“ weg, mögliche Begrenzungen und Regulierungen – sowohl zeitlicher als auch räumlicher Natur – werden zunehmend aufgelöst. Und schließlich spielt auch die Globalisierung eine Rolle, insbesondere für Unternehmen mit internationaler Ausrichtung, denn auf Grund der Zeitverschiebung ist die Kommunikation mit Kollegen oder Kunden im Ausland oftmals nur in einem erweiterten Zeitfenster möglich.

 

Ständige Erreichbarkeit managen – positive Beispiele aus der Unternehmenspraxis

Dass der Entwicklung ständiger Erreichbarkeit nicht tatenlos zugeschaut werden muss, zeigen positive Beispiele aus der Unternehmenspraxis: Bereits 2011 führte die Volkswagen AG die Maßnahme ein, dass nach Feierabend (von 18.15 Uhr bis 7.00 Uhr) keine E-Mails mehr vom Server an die Dienstgeräte von Mitarbeitern weitergeleitet werden (Führungskräfte sind von dieser Regelung ausgenommen). Bei der Daimler AG ist es seit 2013 möglich, eingehende E-Mails während der Abwesenheit automatisch löschen zu lassen. Der Sender der E-Mail erhält in einer Abwesenheitsnotiz eine Information über den jeweiligen Vertreter.[8]

 

Fazit und Handlungsempfehlung

Die Entwicklung der modernen Kommunikation können wir nicht mehr aufhalten. Aber wir können uns mit diesem Phänomen arrangieren, denn es beinhaltet Chancen und Risiken gleichermaßen und zwar sowohl für Unternehmen als auch für Beschäftigte.

Betroffene sollten sich auch mit diesem Phänomen auseinandersetzen, denn die o.g. negativen Auswirkungen sind erschreckend und die Technologien werden weiter voranschreiten. Die Handlungsempfehlungen gehen daher in drei Richtungen:

Die Verantwortung liegt einerseits bei uns selbst. Beschäftigte dürfen sich nicht unter Druck setzen lassen. Dies funktioniert beispielsweise, indem Emails aus dem Urlaub nicht ständig, sondern – sofern überhaupt notwendig – nur zu festgelegten Zeiten beantwortet werden. Die Umwelt wird sich darauf einstellen. Auch gehören festgelegte räumliche „No – Go’s“, wie das Schlafzimmer, dazu. Das Checken dienstlicher E-Mails sollte hier tabu sein, um die wichtige Erholungsphase der Nachtruhe nicht zu gefährden. Es ist aber auch ein Stück weit Selbstdisziplin und eigener Lernprozess, klar zwischen Arbeits- und Privatleben zu trennen, und nicht mal noch schnell kurz vor dem Schlafengehen dienstliche E-Mails zu bearbeiten. Prinzipiell sollte stets kritisch geprüft werden, ob die Erreichbarkeit wirklich notwendig ist.

Die Verantwortung liegt aber auch bei den Führungskräften, die auf Grund ihrer Rolle per se in einer Vorbildfunktion sind. Da sie öfters von ständiger Erreichbarkeit betroffen sind als Mitarbeiter ohne Führungsverantwortung, sollten sie sich verantwortungsvoll der Thematik stellen und ggfs. selbst gestärkt werden. Hier ist auch eine eindeutige Kommunikation hilfreich: Beide Seiten sollten von sich aus die jeweiligen Erwartungen und Bedürfnisse miteinander klären.

Ein entscheidender Handlungsbedarf liegt aber auch bei den Unternehmen. Sie haben eine Fürsorgepflicht gegenüber ihren Arbeitnehmern und können durch Schaffung von  Rahmenbedingungen und konkreter Maßnahmen negative gesundheitliche Folgen ständiger Erreichbarkeit wirksam eindämmen. Vor allem sollten sie proaktiv handeln und nicht erst tätig werden, wenn sich Vorfälle in der Belegschaft einstellen. Stellt sich das Topmanagement dieser Aufgabe dann kann es im Idealfall gelingen, das Thema Erreichbarkeit als Gesamtansatz in der Unternehmenskultur zu verankern. Denn die wichtige Ressource Mitarbeiter muss gestärkt und gepflegt werden, um nachhaltig im Sinne des Unternehmens tätig sein zu können.

 

Quellenverzeichnis

[1] Vgl. Dettmer, J. et al.: 2012, S. 53.

[2] Vgl. Initiative Gesundheit und Arbeit (09.09.2017), www.iga-info.de.

[3] Vgl. Initiative Gesundheit und Arbeit (09.09.2017), www.iga-info.de.

[4] Vgl. Initiative Gesundheit und Arbeit (09.09.2017), www.iga-info.de.

[5] Vgl. DGB Index Gute Arbeit GmbH (09.09.2017), www.index-gute-arbeit.dgb.de.

[6] Vgl. Dettmer, J. et al.: 2012, S. 56 f.

[7] Vgl. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (09.09.2017) , www.baua.de.

[8] Vgl. Welt24 GmbH (07.09.2017), www.welt.de.

 

Literaturverzeichnis

Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin: Stressreport Deutschland 2012. Psychische Anforderungen, Ressourcen und Befinden. URL: https://www.baua.de/DE/Angebote/Publikationen/Berichte/Gd68.pdf?__blob=publicationFile (09.09.2017)

Dettmer, J.; Vahle-Hinz, T.; Friedrich, N.; Keller, M.; Schulz, A.; Bamberg, E.:  Entgrenzung der täglichen Arbeitszeit – Beeinträchtigungen durch ständige Erreichbarkeit bei Rufbereitschaft. In: Badura, A.; Ducki, H.; Schröder, J.; Klose, J.;  Meyer, M. (Hrsg.): Fehlzeiten-Report 2012: Gesundheit in der flexiblen Arbeitswelt: Chancen nutzen – Risiken minimieren. Springer Verlag. Berlin Heidelberg. 2012. S. 53 – 60

DGB-Index Gute Arbeit GmbH: Arbeitshetze – Arbeitsintensivierung – Entgrenzung. So beurteilen die Beschäftigten die Lage. Ergebnisse der Repräsentativumfrage 2011. URL: http://index-gute-arbeit.dgb.de/veroeffentlichungen/jahresreports/++co++98de196e-dec4-11e3-9372-52540023ef1a (09.09.2017)

Initiative Gesundheit und Arbeit: Iga. Report 23, Teil 1. Auswirkungen von ständiger Erreichbarkeit und Präventionsmöglichkeiten. URL:  https://www.iga-info.de/fileadmin/redakteur/Veroeffentlichungen/iga_Reporte/Dokumente/iga-Report_23_Staendige_Erreichbarkeit_Teil1.pdf (09.09.2017)

Initiative Gesundheit und Arbeit: Iga. Report 23, Teil 2. Auswirkungen von ständiger Erreichbarkeit und Präventionsmöglichkeiten. URL: https://www.iga-info.de/fileadmin/redakteur/Veroeffentlichungen/iga_Reporte/Dokumente/iga-Report_23_Teil2_Auswirkungen_staendiger_Erreichbarkeit.pdf (09.09.2017)

WeltN24 GmbH: Die ständige Erreichbarkeit macht Mitarbeiter krank. URL: https://www.welt.de/wirtschaft/article130952980/Die-staendige-Erreichbarkeit-macht-Mitarbeiter-krank.html (07.09.2017)

 

Abbildungsverzeichnis

Beitragsbild: Claudia Frenzel